Kultur : Spitzen von links

Früher war Provokation einfacher: Eine Ausstellung im Willy-Brandt-Haus zeigt politische Arbeiten von Klaus Staeck und Ernst Volland.

Kaspar Heinrich
Frakturgekuschel. Klaus Staecks Kommentar zur deutschen Befindlichkeit. Foto: Klaus Staeck
Frakturgekuschel. Klaus Staecks Kommentar zur deutschen Befindlichkeit. Foto: Klaus Staeck

Willy Brandt streckt seine Hand in den Raum, überlebensgroß und aus Bronze. Es wirkt, als wolle er Klaus Staeck seinen Segen erteilen, dem Satiriker und Plakatkünstler, dem unbequemen Geist seiner SPD. Im Atrium des Willy-Brandt-Hauses sind neben der Skulptur des Namenspatrons derzeit Werke Staecks zu sehen, politische Arbeiten aus vier Jahrzehnten.

Klaus Staeck findet als Präsident der Akademie der Künste noch Zeit, gegen die Zustände zu polemisieren. Milde sei er nicht geworden, sagt er selbst. Im Gegenteil: Er redet von Alterszorn, der ihn befällt. Die Zerstörung der Umwelt, übermächtige Banken – das sind heute die Themen des 74-Jährigen. Den „Casinokapitalismus“ greift ein Plakat von 2009 an, mit einem Rouletterad und den Worten „Rien ne va plus – Die Bank gewinnt immer“. Ein Motiv aus dem letzten Jahr zeigt ein völlig überladenes Containerschiff mit Schlagseite und dem Aufdruck „www.capitalism.com“.

Die älteren Arbeiten wirken dennoch spitzer, provokanter. Etwa das Plakat vom „Zweckverband der Rüstungsindustrie“: „Alle reden vom Frieden. Wir nicht.“ Berühmt wurde Staeck in den Siebzigerjahren mit Plakaten – und manchmal auch Plakativem. Franz Josef Strauß und die Bild-Zeitung hießen damals die scharf umrissenen Feindbilder. Die Satire funktionierte in einer Zeit am besten, in der sich die CDU juristisch gegen ihn wehrte, als Kunst noch klassenkämpferisch daherkam.

Heute sind die Gegner universell geworden, aber „nichts ist erledigt“. So behauptet es ein Spruchband trotzig, das über den Arbeiten Staecks im Atrium hängt. Er habe Angst vor einer „Nostalgie-Show“ gehabt, sagt er selbst, und dann doch mit Bedauern festgestellt, wie aktuell seine alten Arbeiten und die damit verbundene Kritik noch heute seien.

Neben den Plakaten sind Fotografien Staecks zu sehen, zumeist aus den letzten zehn Jahren. Er dokumentiert mit seinen Schnappschüssen den deutschen Alltag, Fußballfans in der S-Bahn, Hinweisschilder an Hausfassaden. Das ist manchmal skurril, taugt aber meist zu nicht viel mehr als einem müden Lächeln. In der Ausstellung sind sie eher Störfaktor: Wem Staeck versprochen wird, der will eben politische Satire. Die kann er.

Und während Staeck noch immer Plakate gestaltet, ist Ernst Volland zum Buntstift übergegangen, mit dem er Schwarz-Weiß-Kopien koloriert. Im zweiten Stock des Willy-Brandt-Hauses hängen seine Werke. Neben den Buntstiftarbeiten auch ältere Karikaturen, Plakate, geklebte Originalmontagen. Dazu seine „Eingebrannten Bilder“: in die Unschärfe verfremdete Ikonen der Fotografie. Brandts Kniefall von Warschau, der erschossene Benno Ohnesorg, Che Guevara auf dem Totenbett. Man erahnt das bekannte Motiv, liest dazu den Titel – „WB 1“, „BO 1“, „Che 1“ – und es entsteht das Original vor dem inneren Auge.

Vollands neuere Arbeiten sind politisch dezenter als Staecks. Dass aber auch der acht Jahre Jüngere mal heftig aneckte, zeigt eine Vitrine: Hier liegen ein Brief der Fachhochschule Bielefeld, die Volland den Lehrauftrag entzog, und ein Hinweis auf die Klage der Firma Mast-Jägermeister. Die ging gegen ein Plakat mit einem Likör trinkenden Kind vor, das der Satz zierte: „Ich trinke Jägermeister, weil mein Dealer zurzeit im Knast sitzt.“ Wie Trophäen werden diese Dokumente ausgestellt, der Stolz über den einstigen politischen Ungehorsam schimmert bei beiden Künstlern auch heute noch durch.

Für Klaus Staeck hat die Satire trotzdem ihre Grenzen. „Wir haben eine Verantwortung“, sagt er in Hinblick auf die Proteste gegen Mohammed-Karikaturen. „Satire sollte ein Mittel sein, um ins Gespräch zu kommen.“ Wenn das nicht funktioniere, solle man die Provokation sein lassen. Vielleicht ist er mit den Jahren ja doch ein wenig milde geworden.Kaspar Heinrich

Willy-Brandt-Haus, Wilhelmstraße 140, bis 11. November Di-So 12-18 Uhr, Eintritt frei, Personalausweis nötig. Katalog 15 €.

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