Sprache : Ach, Pfütze!

Auch lautlich ist die deutsche Pfütze eine ehrliche Haut; sie tut das, was sie sagt. Brigitte Jostes feiert die Schönheit eines topaktuellen Worts.

Brigitte Jostes

Von Biologen schnöde als „kleinste Form der Stillgewässer“ bezeichnet, erfährt sie auch sonst kaum Wertschätzung. Kinder wissen es besser, sie können sich ihrer magischen Anziehungskraft seit jeher nicht entziehen. Massiv bringt sie sich in der großen Matschzeit nun europaweit in Erinnerung; aber ach, so schön wie in der deutschen Sprache ist die Pfütze nirgendwo sonst.

Aus dem Lateinischen ist sie als puteus (Brunnen, Grube) nicht nur zu uns gekommen, aber die italienische pozza zum Beispiel wie auch die pozzanghera besitzen schon schriftbildlich keine Tiefe, nichts Abgründiges, ohne Majuskel am Anfang bleiben sie seicht. Wo keine Umlautpunkte zur Verfügung stehen, da kann es auch nicht dieses großartige Aufspritzen geben, wenn man mittendrin gelandet ist.

Auch lautlich ist die deutsche Pfütze eine ehrliche Haut; sie tut das, was sie sagt. Denn sie ist ja keineswegs ein stilles Gewässer: Erst beim Hineintreten weckt sie unsere Aufmerksamkeit, und dieses Platschen kann nicht schöner als mit Verschlusslauten und direkt anschließenden Reibelauten (sogenannten Affrikaten) bezeichnet werden. Wenn man es beim Affrikat pf richtig macht, spritzt gar ein wenig die Spucke. Nach dem ganz kurzen und kaum hörbaren Y ist spätestens beim nächsten Affrikat ts die kalte Feuchtigkeit des Gewässers auch sprachlich da. Der Schwa-Laut     lässt das spritzig-feuchte Ereignis sanft schwappend ausklingen, vergleichbar den nur kurz sichtbaren sanften Wellen im temporären Biotop. Anschließende laut vernehmbare Schimpfwörter wären Gegenstand weiterer linguistischer Schönheitsstudien.

Schluss mit dem Gejammer über die nasskalten Füße! Wir sollten die Schönheit der deutschen Pfütze feiern, bevor die Frühlingssonne sie trocknet und wir wieder neidisch nach Italien blicken, wo die farfalle in sprachlicher Eleganz über den fiori flattern.

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