Sprache und Geschlecht : Die Frau, die Mann, die Kind

Sie hat ihren „Walkman“ in „Walkwoman“ umbenannt und sucht nach einem männlichen Pendant zur "Haushälterin": In ihren "Neuen sprachkritischen Glossen" kämpft Luise F. Pusch gegen die „heteronormative Anmaßung“ in der deutschen Sprache.

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Warum heißt es „das Fräulein“, „das Mädchen“ - und nicht "die Mädchen" und "die Fräulein"?
Warum heißt es „das Fräulein“, „das Mädchen“ - und nicht "die Mädchen" und "die Fräulein"?Foto: dpa

Warum nur, wunderte sich Mark Twain, hat eine junge Frau im Deutschen kein weibliches Geschlecht, warum heißt es „das Fräulein“, „das Mädchen“? Sogar ein Gemüse darf doch „die Rübe“ zu heißen? So schimpfte Twain 1880 in seinem Essay über „Die schreckliche deutsche Sprache“ (The awful German language). „Es gibt ganz gewiss keine andere Sprache“, klagte er, „die so unordentlich und systemlos daherkommt.“ Überall braucht es ein „der“, „die“ oder „das“, wo das Englischen mit dem neutralen „the“ auskommt. „Ein Baum ist männlich, seine Knospen sind weiblich, seine Blätter sächlich.“ Warum, weshalb? Twain raufte sich die Haare.

Dass diese schreckliche Sprache „therapiert“ werden müsse, ist seit Jahrzehnten die Losung auf der Fahne von Luise F. Pusch, Jahrgang 1944, Professorin der Sprachwissenschaft und Autorin des Bestsellers „Das Deutsche als Männersprache“ von 1984. Pusch erkennt eine Sprache, die vom Patriarchat getränkt ist, vollgesogen mit maskulinen Formen seien Wörter wie Grammatik, die das Weibliche sprachlich unsichtbar machen.

Jetzt hat die Autorin „Gerecht und Geschlecht“ vorgelegt, „Neue sprachkritische Glossen“ (Wallstein Verlag, Göttingen, 140 S., 9,90 €.). Gefeiert wird 2013 darin als „Jahr der Frauen“, von der „Aufschrei“-Bewegung gegen Sexismus in der Sprache, über die „Emma“-Kampagne gegen Prostitution bis zur akademischen Initiative zur Verwendung des generischen Femininums. „Sehr geehrte Professorinnen“, soll es lauten, wenn beide Geschlechter im Saal anwesend sind.

Genussvoll knackt die Kritikerin alte Sprachnüsse und präsentiert deren brüchigen Inhalt. Warum absolvieren in Zeiten der „Kauffrau“ weibliche Auszubildende weiterhin eine „kaufmännische“ Lehre? Warum gibt es kein männliches Pendant zur „Haushälterin“, dafür aber einen „Zuhälter“? Soll eine Frau eine „Schirmherrschaft“ übernehmen oder „Bauherr“ sein? Wäre „Bauherrin“, analog zur „Landsmännin“, nur einen Deut besser? Puschs Sensorium ist immer inspirierend, und es ist amüsant zu lesen, dass sie ihren „Walkman“ in „Walkwoman“ umgetauft hat, bis heute, wenn sie wider die „heteronormative Anmaßung“ der Alltagssprache wettert und die „Deprivilegierung des Maskulinums“, kurz: „Sprachgerechtigkeit“ fordert, um unser Idiom auf „Vorderfrau“ zu bringen.

Wacker versucht sie sich an der Rezeption Michel Foucaults durch die in ihren Augen überflüssigen, weil hermetischen Gender und Queer Studies. Nicht vollends geheuer erscheint Pusch, bei aller Sympathie, ein Kreis offenbar lesbischer NS-Künstlerinnen um Agnes Miegel, der gleichwohl durch politische Verunglimpfung Unrecht geschehe wie einst Christa Wolf. (Excuse me? Es steht so da.)

Was Luise F. Pusch konkret will, bleibt inkonsistent. Sie wünscht sich, dass es heißen soll: „Wer wird das nächste Bundespräsident?“ Ein andermal freut sie sich über matriarchalische Neubildungen in der Sprache oder schlägt für Transgender-Personen „Freundil“ als Alternative zu „Freund“ oder „Freundin“ vor, dann wieder „die Frau, die Mann, die Kind“ als Therapieansatz wider die binäre Geschlechterordnung. Warum, stichelt Pusch, kennen wir eine „Kanzlergattin“ aber keinen „Kanzlerinnengatten“? Warum heißt es nicht „Wer wird Millionärin?“ Oder: „Fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihre Apothekerin“?

In slawischen Sprachen, ließe sich einwenden, wird fast durchweg gegendert, was das Zeug hält, bis hin zur Konjugation der Verben. „Hteti“ ist das serbische Wort für wollen. Für „ich wollte“ sagt ein männlicher Sprecher „htio sam“, eine weibliche Sprechende „htela sam“. Markierungen überall, doch wurde ein einziger Balkan-Macho dadurch gezähmt? Und unfair ist teils auch das Deutsche, wo es die besten wie wichtigsten Dinge weiblich konnotiert: die Freiheit, die Gerechtigkeit, die Liebe, die Macht.

Twains Text findet sich übrigens im Netz, in aller Pracht. Die ist ebenfalls weiblich – mit Recht, das wiederum neutral ist – sehr ernüchternd für Mann wie Frau. Aber richtig. Denn Hierarchien, Unterdrückung entstehen vor allem durch eine – wenn auch unbewusste – Kollusion beider Geschlechter. Ob es der, die oder das Macht heißt: An dieser Erkenntnis kommen wir nicht vorbei.

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