Sprachglosse : Ich dich Urban

Pakete schnüren, trockene Tücher und das Denglisch der Gegenwart: kurze Erkundung des aktuellen Stilblütenteppichs.

Hans Christoph Buch

Die Sprache bringt es an den Tag: Die Zeiten sind lange vorbei, in denen die Regierung sich als Wohngemeinschaft präsentierte oder als mittelständischer Betrieb, in dem Hausaufgaben gemacht, Programme gefahren und Pakete geschnürt wurden. Auch der Knackpunkt gehört der Vergangenheit an. Heute ist eher von Eckpunkten die Rede, die festgeklopft und in trockene Tücher gebracht werden müssen, um den Bürger, sprich Wähler dort abzuholen, wo er sich befindet: Im überfüllten Intercity-Zug zum Beispiel, dessen Klimaanlage streikt, im ferienbedingten Verkehrsstau oder in der Telefonwarteschleife, die neuerdings gebührenfrei ist – allerdings nur theoretisch. Das gilt auch für die Warteschlange im Arbeitsamt, das politisch korrekt Jobcenter heißt. Von dort ist es nicht mehr weit zum Hartzer: kein Erholungsgebiet, kein Käse, sondern ein sozialer Status, der mit dem Aktenzeichen römisch vier einhergeht.

Da die Macht im Staate bekanntlich alternativlos ist, tritt sie mit leisen Sohlen auf, ja geradezu auf Samtpfoten, passend zur Bundeskanzlerin, die wie die Königin von England nur selten die Gouvernante hervorkehrt: Strenge Rügen sind von ihr nicht zu erwarten, da sie rundum positiv, also marktkonform denkt, und der Gipfel des Missfallens ist erreicht, wenn sie etwas „nicht hilfreich“ findet. Ihr Mitarbeiterstab nennt das „nicht zielführend“ oder „nicht zwingend“, und es spricht Bände, dass solche Adjektive oder Partizipialkonstruktionen stets in der Negation erscheinen – nur selten ist zu hören, etwas sei „hilfreich“ oder „zielführend“.

Schon Machiavelli wusste, dass die Kunst der Rhetorik darin besteht, die Gesprächspartner oder Zuhörer einzuschläfern, um abzulenken von den wahren Absichten des Redners: So besehen war Hans-Dietrich Genscher der Cicero der deutschen Politik, und sein gelehriger Schüler ist Rainer Brüderle, der mit viel Worten wenig bis gar nichts sagt und ganze Sommerinterviews bestreitet.

Anders die Jugendsprache, die provozierend knapp und eindeutig ist: „Ich dich Urban“ bezieht sich auf das in Kreuzberg gelegene Urban-Krankenhaus und bedeutet im Klartext: „Ich schlag’ dich krankenhausreif!“ – „Kanano“ dagegen ist weder deutsch-türkisch noch Kanaksprak, sondern die Verballhornung von „keine Ahnung“, eine Erkenntnis, die ich meinen Enkeln verdanke, ebenso wie die Information, dass Vanilleeis in Berlin, wo das V wie ein F ausgesprochen wird, Familieneis heißt, während der Olivaer Platz ein Zungenbrecher ist und zusätzlich mit R versehen wird: Olivarer Platz.

Fontane schreibt irgendwo, um ein waschechter Berliner zu werden, müsse man lernen, wildfremde Personen auf der Straße anzurempeln und anzuraunzen mit dem Satz: „Pass besser uff!“ Damals kamen die Neuberliner aus Hinterpommern oder Schlesien, inzwischen stammen sie aus Griechenland oder Spanien, wo die Jugendarbeitslosigkeit das Interesse an Deutschkenntnissen wiederbelebt haben soll. Aber hier ist die Umgangssprache nicht mehr Deutsch, sondern Denglisch. Linguisten sprechen deshalb von der „Halloisierung“ des Deutschen, denn die Anrede „Hallo“ – oder noch kürzer „Hi!“ – hat vom Telefon aus, das heute Handy heißt, übers Internet die Alltagssprache erobert und traditionelle Grußformeln wie „Guten Tag“ oder Grüß Gott“ verdrängt. Die Wutbürger heißen neuerdings Whistleblower, und um durchblicken zu lassen, dass man Englisch versteht, sagt man „and“ statt „und“.

Das Stichwort „Hanoi“ dagegen bezeichnet kein vietnamesisches Restaurant, sondern eine schwäbische Redewendung, die man tunlichst nicht benutzen sollte am Prenzlauer Berg, wo „Tod den Schwaben!“ auf Hauswänden steht. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Schwabenfeinde selbst aus Schwaben stammen und als Hausbesetzer von Kreuzberg nach Mitte gelangt sind nach dem Motto „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche“. Und mit dieser Stilblüte schließt sich der Kreis.

H. C. Buch lebt als Schriftsteller in Berlin. Sein jüngster Roman „Baron Samstag“ ist in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen.

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