„Spuren“ im Haus am Kleistpark : Skulpturen auf Diät

Ihr Rückgrat ist die feine Gedankenspur. In der Ausstellung „Spuren“ im Haus am Kleistpark erobern Linien die dritte Dimension. Selten kommt eine Schau so luftig, transparent, fast schwerelos daher.

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Nichts als Nähte. Axel Liebers „Ohne Titel“ (Hemd, rosenrot), 2016.
Nichts als Nähte. Axel Liebers „Ohne Titel“ (Hemd, rosenrot), 2016.Foto: Dave Großmann

Ein Schwimmring treibt im Flusswasser. Er dient als Transportgefährt für eine alte Lochkamera. Ihr Objektiv linst nach oben: fotografiert die Luft, das Licht. Was für Bilder bei solcher Übung entstehen? Die neben der Videoarbeit der Schweizer Künstlerin Bignia Wehrli ausgebreiteten Silbergelatineabzüge zeigen kreisrunde Linienspuren, wie von Hand gezeichnet. „Sonnenzirkel“ lautet der Titel.

Selten kommt eine Ausstellung so luftig, transparent, fast schwerelos daher. Unter dem Motto „Spuren“ hat sich der dritte und letzte Part der Ausstellungsfolge „In den Raum zeichnen“ im Haus am Kleistpark eingenistet. Skulpturen auf Diät sind hier zu sehen, zusammengeschnurrt auf die Essenz.

Kalligrafie in ihrer reduziertesten Form

Ihr Rückgrat ist die Linie, die feine Gedankenspur, das gerade eben noch materiell Fassbare. So bleibt zwischen den Arbeiten der 14 Künstlerinnen und Künstler viel Raum. Auch um diesen spürbar zu machen, braucht es die Kunst. Wenn gemäß der klassischen Kunsttheorie die Linie das Konzept, die Idee verkörpert, dann ist diese Ausstellung geistige Essenz in Reinform.

Dass die Linie aber auch sehr sinnlich sein kann, zeigt sich rasch. Auf Anhieb nimmt die Präsentation des Kuratorinnenduos Pomona Zipser und Claudia Busching gefangen Jede Setzung im Raum stimmt, kein Werk stört das andere.

Die japanische Künstlerin Asako Tokitsu hat „Seven Lines“ in schwungvoll-elegantem Duktus mit Kohle über Wand und Boden durch die drei großen Säle gezeichnet. Nur von bestimmten Punkten aus betrachtet, schließen sich die fragmentarischen Striche perspektivisch zum großen Gesamtlineament zusammen. Das ist Kalligrafie in ihrer reduziertesten und monumentalsten Form.

Filetierte Comicseiten und Arzneimittelschachteln

Wundersame, kühle Präzision hält die Arbeit von Claudia Busching im Gleichgewicht. Sie besteht aus nichts als ein paar Bambusstäben, die sich an Gummibändern spannen. Im dunklen Separée surrt Kerstin Ergenzingers „Raumtaster“ vor sich hin. Der mit simplen Mitteln modifizierte Overheadprojektor schafft es, die beunruhigende Präsenz von Überwachungstechnologien mit der Poesie des Sternenhimmels zu verbinden.

Aber lineare Skulptur kann auch frech sein. Eine Stehlampe, Häkeldeckchen und Teekessel fliegen in Ka Bomhardts Scherenschnittarbeit „Kleiner Schrecken“ an dünnen Fäden durch den Raum. Renate Hampke hat aus Fahrradschläuchen, Seifenstücken, Lakritz und Kabelbinder ihre „Pneumatacs“-Objekte zusammengeschnürt. Sie wirken abstrakt und sind formal tadellos komponiert. Beate Terfloths zweiteiliger „Neonkreis“ persifliert die geometrische Minimal Art, indem sich das Neonröhrengebilde krakelig wie eine Freihandskizze gebärdet. Axel Liebers plastisches Prinzip heißt Weglassen. Von einem rosenroten Hemd schneidet er alles ab bis auf die Nähte, sodass ein lose herabhängendes Gerippe übrig bleibt. Auch Comicseiten und Arzneimittelschachteln filetiert er gnadenlos, baut daraus bunte Architekturen.

Ein Riesenschlauch zeichnet in die Luft

Die männlichen Protagonisten sind diesmal in Unterzahl. Ohne dies explizit zum Thema zu machen, haben die Kuratorinnen das sonst oft übliche Geschlechterverhältnis in Ausstellungen umgekehrt. Eine Künstlerin der älteren Generation ist die 80-jährige Ursula Sax, deren riesiger knallgelber „Looping“ beim Avus- Messegelände im Stadtraum steht. Fünf kleinere Arbeiten, Mitte der 90er entstanden, zeichnen lockere Kringel aus Eisenstangen in den Ausstellungsraum.

Plötzlich wird es laut. Ein Riesenschlauch schwingt sich, von Olaf Bastigkeits surrealem Plüschkorpus aus, dröhnend in die Lüfte. Das pneumatisch gepumpte Teil schlägt wild aus, macht enorm Krach – und zeichnet Luftlinien in den Raum. Dann sinkt er wieder schlapp zu Boden. Wie viel Potenzial in der sonst ans flache Papier gefesselten Linie steckt, wenn sie die dritte Dimension erobern darf, zeigt die Ausstellung: Nicht von ungefähr hat Altmeister Hartmut Böhm seine Plastik „Progression gegen Unendlich“ genannt.

Haus am Kleistpark, Grunewaldstr. 6–7, bis 13. 8.; Di bis So 11–18 Uhr. Katalogpräsentation mit Tagesspiegel-Kunstredakteurin Nicola Kuhn: 12. Juli, 19 Uhr.

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