Staatsbibliothek zu Berlin : Wundertüte aus Wagenbach-Archiv

Dier Staatsbibliothek zu Berlin erwirbt das Wagenbach-Archiv. Die Dokumente über Korrespondenzen einer politisch bewegten Zeit werden so

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Bibliothekssaal mit Stühlen Foto: dpa
Lesesaal der Staatsbibliothek in BerlinFoto: dpa

Welche Schätze in den Tiefen der 260 Aktenordner und rund 2100 gepolsterten Herstellungstüten schlummern, die das Archiv der ersten 40 Jahre des 1964 in West-Berlin gegründeten Verlags Klaus Wagenbach ausmachen, das mochten viele ahnen. Allen voran jene, die durch Korrespondenz mit den Autoren und das Lektorieren der Manuskripte einen lebendigen Eindruck davon hatten, was es heißt, in politisch bewegten Zeiten Bücher zu machen. Stichproben nehmen konnten zuletzt nur die Literaturwissenschaftler, die Zugang zu den Verlagskellern in der Emser Straße erhielten: Dort gilbte und krümelte das Material, lediglich nach Jahren geordnet, zuletzt vor sich hin. Wirklich wissen werden es aber erst diejenigen, die sich in zwei bis drei Jahren mit den erschlossenen Beständen auseinandersetzen. Denn es ist ein Glücksfall für alle Seiten, dass das Archiv mit Geldern der Kulturstiftung der Länder von der Staatsbibliothek zu Berlin für einen auch auf Nachfrage ungenannten Betrag erworben wurde. Was der unabhängige Verlag niemals aus eigener Kraft hätte leisten können, das wird im Schutz der Institution künftig möglich: freier Zugang zu den Dokumenten, konservatorische Aufbereitung und, wenn die DFG die Mittel freigibt, eine Verschlagwortung der aus heterogenen Quellen abgehefteten Vorgänge zu einzelnen Büchern.

Verkauf kommt öffentlichem Interesse nach

Bei der symbolischen Übergabe eines Ordners an Barbara Schneider-Kempf, die Generaldirektorin der Staatsbibliothek, sprach Verlegerin Susanne Schüssler von einem leisen Trennungsschmerz. Doch auch ihr ist klar, dass der Verkauf ein öffentliches Interesse befriedigt, das wertvolle literatur- und mentalitätsgeschichtliche Perspektiven in die jüngste Vergangenheit öffnet. Insbesondere das Material der frühen siebziger Jahre verspricht Aufschluss über eine Gemengelage, bei der sich dogmatische und undogmatische Linke ständig in den Haaren lagen und die Übergänge von radikalem Denken zu Fanatismus und Terrorismus fließend waren. Mit dem Archiv verfügt die Staatsbibliothek erstmals über zahlreiche Originale von Rudi Dutschke. Dazu kommen Briefwechsel mit Ulrike Meinhof, Peter Brückner und Erich Fried.

Im Konvoluthaften der Jahresordner liegt indes eine eigene Geschichte. Allein die Musterakte enthält Briefe von Wolf Biermann und RAF-Anwalt Klaus Croissant, aber auch Schreiben von Heinar Kipphardt, Reinhard Lettau oder Ernst Jandl – und dazwischen immer wieder herrliche Beispiele des Kraft- und Temperamentsdeutsch, zu dem Altverleger Klaus Wagenbach oftmals aufgelegt war.

Das Wagenbach-Archiv ergänzt das digitalisierte und mittlerweile stark nachgefragte Archiv des Ost-Berliner Aufbau Verlags aus den Jahren 1945 bis 1990. Und es reiht sich ein in die Archive der Wissenschaftsverlage Vandenhoeck & Ruprecht, de Gruyter sowie eines bedeutenden Teils des Musikverlags Schott mit Originalhandschriften von Beethoven, Chopin und Orff.

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