Kultur : Stadt als Steckdose

Einstöpseln, bitte: Zwei Berliner Künstler erzeugen Strom aus dem Fahrtwind von U-Bahnen

von
Im Fahrtwind. Myriel Milicecic und Hanspeter Kadel mit einem Windrad auf dem U-Bahnhof Neukölln. Foto: Thilo Rückeis
Im Fahrtwind. Myriel Milicecic und Hanspeter Kadel mit einem Windrad auf dem U-Bahnhof Neukölln. Foto: Thilo Rückeis

Haare wehen hoch, Rocksäume heben sich sanft, Zeitungen zerknittern, wenn ein Zug in den U-Bahnhof einfährt. Dann drängen und trödeln die Menschen. Als Teil der Masse kann das Einsteigen und Aussteigen ziemlich Nerven kosten. Energieverschwendung ist das eigentlich. Genauso, wie den Luftzug einfach so vorbeiziehen zu lassen, haben sich Myriel Milicevic und Hanspeter Kadel gedacht.

Das Künstlerpaar hat Windräder gebaut, die von den ein- und ausfahrenden Bahnen in Schwung gesetzt werden und über einen kleinen Elektromotor dann Strom erzeugen. Zehn dieser Energiekollektoren werden sie hoch oben an den eisernen Pfeilern im U-Bahnhof Neukölln anbringen. „Underground Currents“, so haben sie die Installation genannt, wird am Donnerstagabend eingeweiht. Und dann stellt sich heraus, ob die Idee wirklich funktioniert.

Seit zwei Jahren basteln Milicevic und Kadel an dem Projekt. Sie sind mit Windmessgeräten durch die Berliner Bahnhöfe gewandert, nicht alle eignen sich gleich gut. Außerdem haben sie Interviews mit Künstlern geführt, die sich ebenfalls mit gesellschaftlichen und ökologischen Themen auseinandersetzen. Diese Gespräche werden die Wartenden auf dem Bahnsteig hören können. Jedes Mal, wenn die Windmühlen genügend Strom erzeugt haben, ertönen sie aus Lautsprechern, die Milicevic und Kadel in einem BVG-Häuschen in der Mitte der Station installiert haben. Außerdem legen sie dort eine Zeitung aus, in der sie ihr Anliegen erklären und in der man die Interviews noch einmal auf Deutsch, Englisch und Türkisch nachlesen kann.

Denn viel Zeit bleibt den beiden jungen Künstlern nicht, um die Passanten davon zu überzeugen, dass es in der Stadt zu viele „Energielecks“ gibt, zu viele urbane Abfallprodukte, die ungenutzt bleiben. Nach fünf Minuten kommt der nächste Zug. „Ich würde mich schon freuen, wenn ich jemanden in der U-Bahn entdecken würde, der unsere Zeitung liest“, sagt Myriel Milicevic. Die Installation entstand im Rahmen eines größeren Projekts der Kreuzbeger Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK): „U 10. Von hier aus ins Imaginäre und wieder zurück“. Seit dem Start vor zwei Jahren sind bisher neun Kunstprojekte im U-Bahn-Netz von Berlin von unterschiedlichen Künstlern realisiert worden, zwei weitere fehlen noch. Dann endet die erste Projektphase – vorläufig.

„Wir hoffen natürlich, dass U 10 weitergeht“, sagt Mitinitiatorin Ania Corcilius, „wo jetzt die Zusammenarbeit mit der BVG schon eingespielt ist.“ Außerdem hat Kunst im Berliner Untergrund eine lange Tradition. 50 Jahre lang durften Künstler die Wände des Bahnsteigs der U 2 am Alexanderplatz bespielen. Sechzehn Jahre lang hatte die NGBK die Trägerschaft übernommen. Doch 2008 endete die Zusammenarbeit, denn die Plakatflächen werden seitdem komplett als Werbeträger vermietet. „U 10“ ist nun ein Nachfolgeprojekt.

Und weit mehr als einfach nur eine Ausstellung. Es ist Aktion, Intervention, Experiment – zusammen mit Passanten und Mitarbeitern der BVG. Der Name U 10 bezieht sich dabei auf eine Geisterlinie des Berliner Untergrunds. Sie wurde zwar einst geplant, aber nie vollends realisiert. Unfertige Bahnhöfe, Gleise ins Nichts und nutzlose Tunnel schlummern unter der Stadt. Die U10 ist das Sinnbild schlechthin für eine unterirdische Parallelwelt, für das Geheimnisvolle.

Die Künstlerin Evi Kruckenhauser hat beide Welten, das Oben und das Unten, wieder vereint. Auf einem Streckenabschnitt der U 2, zwischen Alexanderplatz und Mendelssohn-Bartholdy-Park, hat sie den oberirdischen Verlauf gefilmt und später simultan über die Monitore in der U-Bahn abgespielt. So konnte man beobachten, wie die Kamera durch Wände fährt, durch Wohnzimmer und Geschäfte, durch Parks und über Kreuzungen.

Die beiden Klangkünstlerinnen Grit Ruhland und Ulrike Sowodniok schickten im vergangenen Oktober einen U-Bahn-Geräusche-Chor durch die Bahnhöfe. Mit offenen Ohren sammelten sie das Quietschen einfahrender Züge ein, das Tuten der Türen, das Getrappel der Menschen und verarbeiteten alle Laute in ihren Improvisationen: TschtschtschgrgrdütdütdütInnsbruckerPlatzalleausteigenderzugendethierdütdütdütplupppsch. Niesen, Husten, Schniefen, dazu ein Summen. Ein vielstimmiger menschlicher Resonanzkörper der U-Bahn-Welt war das.

Während die meisten dieser künstlerischen Interventionen flüchtig waren und man zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein musste, um sie wahrzunehmen, sind die Comics von Simon Grennan und Christopher Sperandio immer noch an der Station Bernauer Straße zu sehen. Die Künstler hatten Weichensteller, Reinigungsleute oder Sicherheitsleute nach ihren Arbeitsbedingungen gefragt. Die Antworten packten sie in Sprechblasen.

Und nun eben in Neukölln die Energiesammler Milicevic und Kadel. Die beiden sehen sich nicht als Weltverbesserer: „Würde ich die Welt verbessern wollen, dann würde ich in einer Suppenküche für Bedürftige helfen“, sagt Hanspeter Kadel. „Sattdessen tüftle ich in der Werkstatt an der richtigen Lackierung für Windräder.“ Aus seinem Rucksack fällt ein Katalog über Lacke auf den Bahnsteig: „Alles, was das Holz begehrt“, steht darauf. Was die jungen Künstler wollen, ist Aufmerksamkeit. Bewusstsein schaffen für Alltägliches. Ob das nun Kunst ist oder nicht – „wen interessiert das?“, fragt Kadel. Ihre Windräder wurden im vergangenen Jahr sogar auf der naturwissenschaftlichen Ausstellung „Energie = Arbeit“ in der Stiftung Brandenburger Tor ausgestellt.

Technik, Kunst, Design – die Grenzen verschwimmen. Kadel und Milicevic sind Weltversteher. Und sie haben noch viel vor. Auf dem Festival „Über Lebenskunst“, das demnächst im Haus der Kulturen der Welt stattfindet, werden sie einen Workshop leiten und zeigen, wie man einen „Licht-Harvester“ baut, eine Erntemachine für Licht. Das Gerät ist mit Solarzellen ausgestattet, wer es mit Saugnäpfen an Leuchtreklamen und Straßenlaternen klebt, kann seine Akkus wieder aufladen. Außerdem haben die zwei Künstler ähnliche Harvester für Vibration von vorbeifahrenden Bussen konstruiert, und für Lärm von Martinshörnern. Es ist, als würden Myriel Milicevic und Hanspeter Kadel den schlechten Seiten der Stadt das Gute abtrotzen. Als wäre Berlin eine riesige Steckdose. Man muss sich nur anstöpseln.

Underground Currents. Im Rahmen des NGBK-Projekts „U 10“. Vernissage am 11. August, 19 Uhr. Bis 8. September auf dem U-Bahnhof Neukölln. Mehr Informationen im Internet unter www.u10-berlin.de.

Workshop im Rahmen des Festivals „Über Lebenskunst“ (17.-21. August) im Haus der Kulturen der Welt am 18. August. Internet: www.ueber-lebenskunst.org

» Mehr lesen + gratis Kino für Sie!

0 Kommentare

Neuester Kommentar