Stadtschloss : Umtausch ausgeschlossen

Das Stadtschloss wird neu aufgebaut. Was geschieht dann mit dem Liebknecht-Portal? Ein Ortstermin.

Kai Müller
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Mit der historischen Genauigkeit ist das so eine Sache. Dass Karl Liebknecht an diesem Fenster gestanden hat, es aufmachen ließ und hinaustrat, um die „freie sozialistische Republik“ auszurufen, wie es heißt, ist nicht verbürgt. Manche Quellen berichten es so: Portal IV, erster Stock. Andere sprechen von einem Balkon, den es aber nur ein Stockwerk höher gibt. Dafür steht jetzt Wulff Plinke an dem Ort, der als Liebknecht-Portal berühmt ist. Erster Stock. Das Fenster ist zu. Es geht auch nicht auf. Die Brüstung, über die sich der Revolutionsführer am 9. November 1918 gebeugt haben mag, genügt heutigen Sicherheitsstandards nicht. Plinke hebt seinen Arm, zeigt hinüber: „Dort, wo jetzt der weiße Bus hält, da stand einmal das Portal.“

Der Reisebus schlängelt sich an den Straßenrand. Die Insassen lassen sich die Stadt erklären. Zur einen Seite der Lustgarten, zur anderen eine Brache, berühmt für das, was da nicht mehr ist: das Berliner Stadtschloss. Bevor es gesprengt wurde, schob DDR-Ministerpräsident Grotewohl Bedenken beiseite mit der Bemerkung: „Jetzt schreien alle, und wenn das Schloss weg ist, dann kräht kein Hahn mehr danach.“ Er hatte wohl Recht, was die Hähne betraf. Dass die DDR-Führung vor den Sprengkommandos ein „wissenschaftliches Aktiv“ aus 29 Fotografen, Architekten und Kunsthistorikern durch den vom Krieg zerstörten Bau schickte, zeigt, wie wenig sie auf die Macht des Faktischen setzten. Skrupel befielen Ulbricht insbesondere bei Eosanders Portal IV. Da sich der SED-Lenker als geistiger Nachfolger Liebknechts sah, ließ er das durch dessen Proklamation nobilitierte Portal fein säuberlich einpacken und aufbewahren. Es wurde später ins Staatsratsgebäude integriert: als Akt einer historischen Wiedergutmachung.

Die Dimensionen des barocken Tors prägten sich dem Repräsentationsbau der DDR in Deckenhöhen und Raumtiefen ein. Ohne Portal wäre er gar nicht denkbar. Durch den historischen Brückenschlag erhielt der Gebäuderiegel „schlossähnliche Ausmaße“, wie Wulff Plinke, Dekan der European School of Management and Technology (esmt) und neuer Hausherr, triumphierend sagt. Heute wird unter roten Fahnen und dem Emblem des Arbeiter- und Bauernstaates die Management-Elite für den Kapitalismus von Morgen ausgebildet.

Während tief unten allerletzte Reste des Palasts der Republik zerhackt und weggeräumt werden, stapelt Plinke im Geist schon mal die über das Areal verstreuten Baucontainer zu einer Wand von 168 mal 30 Meter Kantenlänge. So macht sich der beredte Professor für Betriebswirtschaft ein Bild von der Südfassade des Stadtschlosses. „Vom Dom werden wir gerade noch das goldene Kreuz auf der Kuppel sehen, wenn das Schloss einmal gebaut ist“, sagt der weißhaarige Herr. Wieder liegt ein triumphaler Ton in seiner Stimme. Denn neben seiner Eigenschaft als Dekan setzt sich Plinke als Mitglied des Fördervereins Berliner Stadtschloss für den Wiederaufbau ein. Dass derselbe Verein ursprünglich auch das Liebknecht-Portal für seine Rekonstruktion zurückhaben wollte, quittiert Plinke mit einem Lächeln. Man habe ihn „nicht um das Portal gebeten, sondern um eine Abformung“, sagt er.

Das wird ein Durcheinander geben. Wie werden die Reiseleiter und Stadtrundfahrer damit klar kommen, dass das echte Portal am falschen Ort steht und das falsche Portal am richtigen noch einmal errichtet wird? Werden Kopie und Original miteinander korrespondieren? Umtauschen jedenfalls kann man dieses Geschenk an Berlin nicht, auch wenn es einen Teil bereits gibt. Das war auch der Jury beim Schlosswettbewerb klar. „Natürlich ist es irgendwie absurd, zwei mal dasselbe Portal zu haben“, sagt Architekt und Jury-Mitglied HG Merz mit Blick auf die sich abzeichnende wundersame Verdopplung des Portalrisalits. Der Bundestag habe sich auf die Rekonstruktion des Schlosses festgelegt, sagt Merz. „Dass nun das neue Schloss mit demselben Portal noch einmal entsteht, unterstreicht zum einen die Fragwürdigkeit des auf die Fassade fixierten Rekonstruktionsanspruchs, weist aber auch durch die Doppelung auf die Geschichtsklitterung hin.“

„Das ist nicht absurd“, entgegnet Plinke, „was hier gestaltet wird, sind die Widersprüche der deutschen Geschichte.“ Er kann nichts anfangen mit dem Vorwurf des historischen Revisionismus. Und Wilhelm von Boddien, Spiritus Rector des Schlossneubaus, sagt mit Blick auf das existierende Staatsratsportal: „Schon das ist nur eine Kopie.“ Das Original sei nach der Belagerung des Schlosses 1918 von Geschossgarben zersiebt und in Berliner Bombennächten noch einmal schwer beschädigt worden. Hinzu komme, meint Boddien, dass Ulbricht das falsche Tor ausgebaut habe. Liebknecht hat mit seiner Rede auf eine Geste des Kaisers geantwortet. Der war bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges vom benachbarten Portal V aus vor das Volk getreten. Dahinter hat sich der Thronsaal befunden, und Liebknecht wollte es ihm vier Jahre später gleich tun. Aber es existieren keine Bilddokumente von Liebknechts Auftritt. So wusste es Ulbricht nicht besser, als er sich für das besser erhaltene Portal IV entschied. Von dessen Originalsubstanz sind heute nur noch zehn Prozent erhalten. „Nun“, fügt von Boddien hinzu, „wird die Kopie von der Kopie gemacht.“

Der Förderverein hat sich verpflichtet, die Sandsteinfassade für 80 Millionen Euro so originalgetreu wie möglich wieder herzurichten. Betraut mit der Durchführung ist York Stuhlemmer, ein junger Architekt aus Berlin-Dahlem. An dessen Bürowänden hängen großformatige Detailskizzen, Gesteinsproben liegen auf dem Boden. „Wir werden nicht jede Schrulligkeit wiedergeben können“, sagt Stuhlemmer und führt Fotos vor, mit denen er die Unwägbarkeiten an der Barockfassade zu ergründen versucht. Ein „Pasticcio“ werde entstehen, sagt er. Zehn Jahre Vorarbeit waren nötig, um auf eine 500 Gigabyte große Datenbank zurückzugreifen. Jeder Stein, der einmal eingesetzt werden soll, hat darin bereits eine Nummer. „Für das, was wir hier machen, wäre kein anderer verrückt genug gewesen.“

Es gibt kaum Experten, die bewerten könnten, wie originalgetreu die Nachbildung ausfallen werde. Auch wie facettenreich die Baumeister Schlüter und Eosander sich auszudrücken vermochten, dürfte nur Eingeweihte interssieren. Wofür der ganze Aufwand? „Jeder wird das Resultat beurteilen können“, wendet Stuhlemmer ein. Der Test: „Das sieht wie Rom aus.“ So einfach ist das.

Und so schwierig. Solange das Schloss nur eine Idee ist, ist es von historisch-unverfälschter Wahrheit. Von der schwärmt Stuhlemmer mit den bekannten Argumenten: Dass Berlins Mitte baugeschichtlich einer Tischgesellschaft gleiche, aus deren Mitte die Tafel hinausgetragen wurde. Dass die Gebäude miteinander reden. „Sie flüstern auf subtilen Ebenen“, sagt er. Dass das Schloss den versprengten Rest wieder einfange. „Und zwar nicht nur als städtebauliche Figur. Es werden die Details an der Fassade sein, die dem Blick Halt geben.“ Auch wenn dieser Blick manches doppelt sieht.

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