Kultur : Stalins Retuschen, Stalins Terror

RONALD BERG

Daß unter Stalin Bilder gefälscht wurden, ist bekannt.Gleichwohl hat die diesbezügliche Ausstellung "Stalins Retuschen.Foto- und Kunstmanipulationen in der Sowjetunion" im Haus am Waldsee in den Medien einigen Wirbel ausgelöst.Prototypisch zeigen Stalins Retuschen nämlich, wie der Glaube an die Fotografie schlechthin enttäuscht wird.Betrachtet man die Originale neben ihren retuschierten Varianten aus Zeitungen, auf Plakaten oder in Büchern, die der englische Historiker David King im Laufe von bald drei Jahrzehnten zusammengetragen hat, so wird klar: Hier geht es nicht allein um Fälschung und Propaganda, vielmehr geht es genauso um das Bild als Ikone.Die manipulierten Stalinbilder sind Polit-Ikonen, sie sind in gewisser Weise wahrer als die faktische Aufzeichnung des Realen durch die Fotografie.Sie zeigten den Herrscher in idealer Verehrungswürdigkeit.Der gefälschte Stalin ohne seine wegretuschierten Pockennarben war im Rahmen des Personenkults wahrer als der real existierende.

Was für Stalin als Person zutrifft, gilt natürlich auch für seine Genossen.Fiel einer aus dem Kreis der erwünschten Personen, mußte die politische Ikonographie ihn verschwinden lassen.Das Grausame an dieser Praxis war, daß das von Stalin gewünschte Bild unter dem Euphemismus "Liquidierung" auf die Wirklichkeit übertragen wurde.Während der "Säuberungen" der dreißiger Jahren führte der Terror nicht nur dazu, daß die Bibliotheken und Archive von allen in Ungnade Gefallenen gereinigt wurden, auch die privaten Fotoalben wurden aus Angst von ihren Besitzern selbst zensiert, Personen aus Fotos herausgeschnitten oder unkennlich gemacht.Die Austellung zeigt dafür ein besonders eindrucksvolles Beispiel: Der Avantgardist Alexander Rodtschenko übermalte die Gesichter in seinem persönlichen Exemplar von "Zehn Jahre Usbekistan", einem Buch, das er selbst gestaltet hatte.

Die Masse der retuschierten Fotos entsprach der Masse der ermordeten Personen, die aus der Geschichte herausfielen.Andersherum wurden, wo Fotos fehlten - beispielsweise von den revolutionären Kämpfen -, in der Presse einfach Filmbilder verwendet, etwa aus Sergej Eisensteins "Oktober".

In der Retusche boten die Sowjets handwerklch alles auf, was mit Pinsel und Farbe zu erreichen war.Die Vergrößerungen im Haus am Waldsee zeigen, mit welcher Perfektion man dabei zuwege ging.Man nehme nur das berühmteste Beispiel: Lenin 1920 auf der Redertribüne auf dem Platz des Bolschoi-Theaters in Moskau.Neben ihm steht Trotzki.Nach dem Sturz Trotzkis wird das Foto nur noch beschnitten oder retuschiert gezeigt.Trotzki ist eliminiert, der Patz neben Lenin bleibt leer.Trotzki wird durch fünf Stufen ersetzt, und eine "neue" Aktentasche füllt notdürftig die kompositorische Leere.

Der Satz "Fotos lügen nicht" wurde aus Heftigste durch die in Stalins Reich manipulierten Bilder wiederlegt.Bilder sind Glaubenssache, das gilt heute mehr denn je, und das macht den Schock dieser Ausstellung aus gerade bei jenen, die immer noch an die Authentizität von Fotografien glauben wollen.Es gibt diese Authentizität nicht, und es hat sie nie gegeben.Das veröffentlichte Foto läßt sich also nicht mehr von der Kategorie des Authetischen her beurteilen, sondern seine Wahrheit nur durch den Rekurs auf die moralische Lauterkeit der Quelle, also den Herausgeber des Bildes, vermuten.

Die Montage war einmal ein legitimes Mittel von Agitation und Propadganda.Da das Foto die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht herausgibt, wie Brecht meinte, machte gerade die Linke häufig Gebrauch von der Montage.Die Montage spielte auch eine entscheidende Rolle in der visuellen Propaganda im jungen Sowjetreich.Nach der Machtergreifung Stalins, der in Fragen der Kunst mehr "Volksnähe" verordnete, wurde die avantgardistische Polit-Montage mehr und mehr zurückgedrängt und durch eine Art von Ikone ersetzt, dem Bild des großen Führers als Freund und Lehrer des Volkes.Die Montage versteckte sich nun hinter der Erfindung, die montierten Elemente verschwinden hinter einer realistischen Oberfläche, der sozialistische Realismus war geboren.Darf Stalin beispielsweise über Straßen voller Unrat gehen? Nein! Also wird die Straße mittels Retusche gereinigt.So wird wie nebenbei auch Moskau auf Fotos zu einem Potemkinschen Dorf.

Erstaunlicherweise behergt die Ausstellung im Haus am Waldsee aber auch etwas anderes - vielleicht das Gegenteil von Stalins Retuschen.Im ehemaligen Wintergarten sind 200 Fotos zu sehen, die der sowjetische Geheimdienst in seinen Gefängniskellern von zum Tode Verurteilten gemacht hat.Diese "Verbrecherfotos" mit ihrem immergleichen Ausschnitt zeigen den unvermittelten Anblick von Gesichtern, rein und unverstellt.Diese Gesichter konterkarieren in gewisser Weise die Skepsis gegenüber dem Foto.Denn diese Bilder halten den Ausdruck des Menschen fest, der um seinen bevorstehenden Tod weiß.Wahrer kann keine Fotografie sein.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 7.Februar 1999.Dienstag bis Sonntag 12 - 20 Uhr.Katalog in der Hamburger Edition HIS Verlagsgesellschaft, 48 DM.

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