Start von "Tanz im August" : Wer bist du heute?

Mehr als hundert Jahre Bühnenerfahrung: „Tanz im August“ eröffnet mit Eszter Salamons Hommage an zwei alte Tänzer.

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Christophe Wavelet, Gus Solomon jr., Valda Setterfield und Eszter Salamon (von links).
Veteranen, topfit: Christophe Wavelet, Gus Solomon jr., Valda Setterfield und Eszter Salamon (von links).Foto: Thilo Rückeis

Tanz ist meist eine Feier des jugendlichen Körpers – das scheint in seiner Natur zu liegen. Wenn diesen Freitag „Tanz im August“ startet, springen aber nicht nur junge Hüpfer über die Bühne. Das im vorigen Jahr gegründete Ensemble Dance On will beweisen, dass Tänzer über 40 noch nicht zum alten Eisen gehören. Die Choreografin Eszter Salamon geht noch einen Schritt weiter: Ihr Stück „Monument 0.1: Valda & Gus“ ist eine Hommage an zwei Tanzpersönlichkeiten, die zusammen auf mehr als hundert Jahre Bühnenerfahrung zurückblicken können.

Die Britin Valda Setterfield (Jahrgang 1934) und der Afro-Amerikaner Gus Solomon Jr. (Jahrgang 1940) haben beide in den sechziger Jahren in der Merce Cunningham Company getanzt. Setterfield arbeitete zudem mit Robert Wilson, Brian De Palma oder Mikhail Baryshnikov. Und sie tanzte auch in der Company Paradigm, die Solomon 1996 für Tänzer über 50 gegründet hat. „Vintage Performer“ nennt er sie liebevoll.

Salamon sah die beiden zum ersten Mal 2010 in „Flip Book (50 years of dance)“ von Boris Charmatz in Berlin. „Ich hatte schon länger den Wunsch, mit älteren Tänzern zu arbeiten“, erzählt Salamon, die das Stück gemeinsam mit dem Franzosen Christophe Wavelet erarbeitet hat. Doch als sie in Europa für ein Filmprojekt ältere Tänzer suchte, erwies sich das als äußerst schwierig. Solomon traf sie dann in New York, als er sich ihre Soloperformance anschaute. Er schlug dann vor, auch Setterfield dazuzubitten.

Der Tanz ist ihr Leben - nicht nur ihr Beruf

Salamon geht es um Fragen von Tanz und Erinnern. Wie können künstlerische Erfahrungen bewahrt und weitergegeben werden? Doch Setterfield und Solomon stehen nicht nur als ,Zeitzeugen‘ auf der Bühne, um von den radikalen Experimenten der Sechziger und Siebziger zu erzählen. Die beiden sind faszinierende Tänzerpersönlichkeiten – und Performer durch und durch. Mit ihrem unverkennbar britischen Akzent stellt Setterfield fest: „Es ist wunderbar in meinem Alter, wenn jemand dich fragt, wer du heute bist und nicht nur, wer du einmal warst.“

Für Solomon war die Zusammenarbeit eine willkommene Gelegenheit, sein reiches Tänzerleben Revue passieren zu lassen. „Ich habe die Geschichte des modernen Tanzes mitlerlebt. Durch die Interviews von Estzer und Christophe habe ich mich wieder an meine Vergangenheit erinnert. Eigentlich neige ich nicht dazu, an Vergangenes zu denken, ich lebe in der Gegenwart und schaue immer nach vorn.“

Der Tanz ist ihr Leben und nicht nur ein Beruf. „Als ich mit dem Tanzen anfing, war es für mich klar, dass es um ein lebenslanges Engagement geht“, erzählt Solomon. „Damals war ich jung und habe natürlich nicht die Grenzen gesehen.“ Bei ihr sei es anders gewesen, erzählt Setterfield, die bis zu ihrem 20. Lebensjahr in England lebte. Sie hatte zwar bei Marie Rambert Ballett studiert, doch eine Tanzkarriere schien nicht sehr aussichtsreich. „Ich war zu groß und hatte wegen des Krieges zu spät begonnen. Alle waren interessiert, aber keiner wusste etwas mit mir anzufangen“, erinnert sie sich. Sie ging dann 1958 nach Amerika, weil sie gehört hatte, dass es dort andere Tanzformen gab. Als sie schon anfing, diesen Schritt zu bereuen, traf sie den Choreografen Merce Cunningham – und wusste gleich: „Hier bin ich richtig.“

Das Gebot der Stunde: Einen Tanz für ältere Tänzer finden

Ans Aufhören haben die beiden noch nie gedacht. Wieso auch? Sicher gibt es körperliche Beschränkungen, doch Solomon hat gelernt, damit kreativ umzugehen. Es geht ihm darum, „die Bewegungen zu finden, die ich in meinem Alter und mit meiner Kondition machen kann.“ Auch Setterfields Selbstverständnis ist beneidenswert: „Ich begreife mich heute als ältere Tänzerin und als ziemlich junge Schauspielerin“, sagt sie und freut sich, dass sie endlich mehr über das Darstellen lernen könne. Im Oktober wird sie in Irland den King Lear spielen.

Die beiden fidelen Veteranen sind eine Ausnahme. „Tanz ist die einzige Profession, wo du mit 40 künstlerisch erledigt bist“, echauffiert sich Wavelet. Und Salamon sekundiert: „Es gibt ein Fantasma, wie ein Tänzer sein sollte. Aber man kann ganz andere Konzepte und Praktiken entwickeln.“ Für sie ist es ein Gebot der Stunde, einen neuen Tanz für ältere Körper zu erfinden.

Auch wenn gesellschaftspolitische Fragen mitschwingen: Setterfield und Solomon haben offenkundig Spaß an der Arbeit, zumal sie auf frühere Begabungen zurückgreifen können. Er hatte als Kind seine eigene Puppenshow. Für „Monument“ hat er Puppen der Choreografen Martha Graham und Merce Cunningham hergestellt und zieht auch die Strippen. Außerdem gibt es noch eine zweite Aufführung in der Akademie der Künste, die als performative Installation angelegt ist. Setterfield und Solomon haben getrennt geprobt und werden sich überraschen. Dabei verbinden sie Sprache mit physischer Aktion. Setterfield stellt klar, dass er dabei nicht nur den Erzählonkel geben will: „Wenn die Bewegung stoppt, ist das gleichbedeutend mit Tod.“

„Monument 0.1: Valda & Gus“ am 12. und 13.8., 21 Uhr, im Hau 2, Programminfos unter: www.tanzimaugust.de

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