Steinmeiers Rede zum Tag der Einheit : "Wir müssen uns ehrlich machen" - ach ja?

"Wir müssen uns ehrlich machen", fordert der Bundespräsident in seiner Rede zum Einheitsfeiertag. Warum sagt er nicht: "Wir müssen ehrlich sein"? Eine Glosse

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Die Feier zum Tag der Deutschen Einheit in Mainz (Rheinland-Pfalz) stand unter dem Motto "Zusammen sind wir Deutschland".
Die Feier zum Tag der Deutschen Einheit in Mainz (Rheinland-Pfalz) stand unter dem Motto "Zusammen sind wir Deutschland".Foto: Arne Dedert/dpa

Der Bundespräsident hat keine Macht, er wirkt allein durch seine Worte. Diese müssen genau geprüft werden. Die Rede von Frank-Walter Steinmeier zum Einheitsfeiertag enthielt eine zentrale Passage, die mit der Forderung beginnt: „Wir müssen uns ehrlich machen.“ Es geht um Flucht und Migration. Steinmeier will, dass unterschieden wird zwischen politisch Verfolgten und Armutsflüchtlingen. Er will außerdem, dass es eine legale Zuwanderung nach Deutschland gibt. Die Redewendung „müssen uns ehrlich machen“ wiederholt er in demselben Absatz noch zweimal.


Warum sagt Steinmeier nicht: „Wir müssen ehrlich sein“ – oder: „Das muss auf die Tagesordnung“? Klare Sache, klare Sprache. Nein, er formuliert anders. „Wir müssen ehrlich sein“ hätte bedeutet, dass wir bisher gelogen haben. Ein schwerer Vorwurf. „Das muss auf die Tagesordnung" hätte bedeutet, dass das Problem ignoriert wurde. Auch das klingt hart. Dagegen erlaubt die etwas gekünstelte Floskel „Wir müssen uns ehrlich machen“ die Suggestion, eine Gesellschaft könne sich nachträglich in einen ehrenhaften Zustand versetzen, ohne über den vorherigen unehrenhaften Zustand sprechen zu müssen. „Sich ehrlich machen“ suggeriert weiter, die Wahrheit sei unangenehm und um zu ihr zu gelangen, müssten nachvollziehbare Widerstände überwunden werden.

„Eure Rede sei: Ja! Ja! Nein! Nein!"


Ehrlichkeit ist in dieser Lesart keine Tugend oder innere Haltung, sondern ein Prozess. Wer „sich ehrlich machen“ fordert, verschleiert in gewisser Weise das Wesen der Ehrlichkeit. „Eure Rede sei: Ja! Ja! Nein! Nein! Was darüber ist, das ist vom Übel“, heißt es in der Bergpredigt.


Man kann schlau sein und sich schlau machen, nützlich sein und sich nützlich machen, frei sein und sich freimachen. Aber „sich ehrlich machen“ geht nicht. Der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre hat den Begriff in sein „Lexikon des Grauens“ aufgenommen. Selbst die sonst so sprachliberale Duden-Redaktion ist der Floskel trotz ihrer weiten Verbreitung nicht verfallen.


Als deren Schöpfer gilt der ehemalige SPD-Chef Franz Müntefering, der im Mai 2009 mit dem Satz zitiert wird: „Frau Merkel sollte sich ehrlich machen, und zwar bald.“ Nach Merkel traf es die Autoindustrie, den Osten, die Kirche, die EU, die Grünen, die Bundesregierung. Ein jeder soll sich ehrlich machen. Heute ganz besonders in der Flüchtlingspolitik. Gemeint ist: Wir müssen endlich über die Probleme reden, obwohl es gute Gründe gab, es lange Zeit nicht getan zu haben. Also jenseits von Schuld und Sühne.

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