Sterbehilfe für Fritz J. Raddatz : Sprechen, Schreiben, Schweigen

Am Ende fuhr Fritz J. Raddatz zum Sterben in die Schweiz. Kühl wie ein Chirurg hatte er Freunden zuvor sein Vorhaben erklärt. Mit dem Suizid kommt er nun in Gesellschaft: zu Tucholsky, Toller und Trakl.

Birgit Lahann
Fritz J. Raddatz 2010 in Hamburg.
Fritz J. Raddatz 2010 in Hamburg.Foto: dpa

Es ist zwei Wochen her, da saß ich bei Rolf Hochhuth in seiner Berliner Wohnung. Er zeigte mir ein Sonett, das er kurz zuvor seinem Freund Fritz J. Raddatz geschickt hatte, einen „Lear-Monolog“. Und der beginnt so:

„ – dich derart beschämend,

dass du unterm Wanst

nichts mehr als Pinkeln kannst,

wirkt es vor allem geistlähmend ...“

Hochhuth hatte ihm eine Zeile von Gottfried Benn dazugeschrieben: „wenn man marode ist, impotent innen und außen“. Raddatz hatte ihm gleich geantwortet, hatte geschrieben, dass ihm der „Lear“ das wichtigste Shakespeare- Drama sei. So oft im Theater gesehen, so oft dabei geheult, schrieb er. Und nun dieses Sonett für ihn. Ja, seine Batterie sei leer. Er sei ausgeschrieben. Wie heiße es im Spielkasino? Nichts geht mehr. Genauso wie in diesem Gedicht. Dafür danke er seinem Freund und umarme ihn.

Hochhuth erzählte mir, dass Raddatz ihm am Telefon gesagt habe, dass er sich das Leben nehmen wolle. Und dass er dazu in die Schweiz fahren werde. Kühl wie ein Chirurg bei der Arbeit habe er ihm alles genau erklärt. Keine Sentimentalitäten. Den ICE nehmen, nach Zürich fahren und das berüchtigte Glas bestellen wie einen Drink an der Bar des „Baur au Lac“. Immer das Beste. Bis zum Ende. Nein, er hat keinen Hehl aus seiner Absicht gemacht. Am Donnerstag kam die Nachricht von seinem Tod.

Und Raddatz wusste, er wird mit seinem Suizid in allerbester Gesellschaft sein. In seiner Gesellschaft – bei Klaus Mann, Ernst Toller, Walter Hasenclever, Georg Trakl, Paul Celan, Egon Friedell, Walter Benjamin, Stefan Zweig und Kurt Tucholsky. Bei ihm vor allem. Tucholsky hatte er doch verlegt, diesen Botschafter des Geistes mit den vier Pseudonymen. Kaspar Hauser war sein liebenswertestes Alter Ego, das die Welt nicht mehr verstand, kurz vor Tucholskys Suizid tief melancholisch wurde und am Ende nur noch schwieg. So wie sein Meister und Erfinder es auf die berühmte Treppe mit den drei Stufen geschrieben hat. Auf der untersten steht „Sprechen“, dann „Schreiben“ und auf der höchsten „Schweigen“.

Aber ein letztes Buch noch von Raddatz. „Jahre mit Ledig“, das gerade erschienen ist, bei Rowohlt, wo sonst (160 S., 16,95 Euro). Und vor Kurzem ein letzter Auftritt in der feinen Hamburger Buchhandlung Felix Jud am Neuen Wall. Es ist brechend voll, kein Platz mehr, auch alle Treppen besetzt. Auf dem Absatz des ersten Stocks der Autor im dunkelblauen Cordsakko, das Gesicht von Bart und Haaren zugewachsen. Man merkt, er hat beim Lesen Probleme mit den Augen. Oder ist es das schlechte Licht? Aber was für ein Thema hat der märchenhafte Autor sich für sein Ende aufgehoben: den märchenhaften Verleger, Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, der nur Ledig genannt werden wollte.

Er war ein Seitensprung seines Vaters mit einer Schauspielerin aus Leipzig. Und die hieß Ledig. Der Junge arbeitete dann beim Vater im Verlag als Lehrling. Der „Alte“, wie man Ernst Rowohlt nannte, hat ihn völlig ignoriert. Wenn er ihn sprechen wollte, sagte er: Der Herr Ledig soll mal kommen. Sie haben sich gesiezt. Und es war eine Mär, dass Rowohlt die Taschenbücher erfunden haben soll. Nein, das war Ledig. Als der dem Chef das erste Probeexemplar übergab, soll der Vater getobt haben. So ein Quatsch käme ihm nicht ins Haus. Aber der Quatsch wurde ein gigantischer Erfolg und rettete dem Haus das Leben. Ledig war ja ein harter Arbeiter, aß nachts Linsen mit Würstchen aus der Dose, als seien es Froschschenkel, und einer Sekretärin, die ohnmächtig geworden war, diktierte er einfach weiter. Ledig roch Literatur, und wenn es einen Skandal gab, umso besser. Mit seinen bestickten Hosenträgern und dem Genuss am guten Essen wirkte er wie ein rabelaisscher Gargantua, auch wenn er sein britisches Outfit mit Schirm und Bowler in der Londoner Savile Row kaufte.

Raddatz wird also Ledigs „Mann“ in jenem Verlag, der für ihn wie eine Fata Morgana war, als er noch in der DDR für den Verlag Volk & Welt arbeitet. „Und hätte sich mir am Alexanderplatz eine Fee auf den Schoß gesetzt: Rowohlt wären die zwei Silben meines ersten Wunsches gewesen, so bunt, so schön, so märchenfern wie eine Suleika irgendwo“. So steuert er, der Lektor, Autor und Dandy in das fantasievollste Chaos seines Lebens, in seine Liebesbeziehung mit der Literatur und die Ehe mit Ledig, die auf Buchpapier geschlossen wurde.

Autorengespräche mit Whiskey, Gin und Wodka, Buchmessenfeste mit Henry Miller und John Updike, und als Marlene Dietrich in Hamburg gastiert, macht Raddatz seine Dackelaugen. Diese Androgyne mit dem politischen Grips möchte er kennen lernen. Er weiß nur nicht wie. Lass mich mal machen, sagt Ledig, der den lungernden Blick seines Adepten nicht länger erträgt. Das war dann so ein seltener Augenblick, wo der Verleger sich Rowohlt nannte. Anruf im Hotel Atlantik. Hier Rowohlt. Verbinden Sie mich bitte mit Miss Dietrich. Raddatz darf die Muschel zum Mithören ans Ohr halten. Und da ist sie, die berühmte Stimme. Er darf zu seiner Fee, seiner Diva, darf mit ihr speisen. Matjes mit Bratkartoffeln, und vorher ein Korn. Aber Memoiren wollte sie nicht für Rowohlt schreiben.

Es sind wunderbare Geschichten über einen Verleger, der keine Bücher druckte, sondern Autoren verlegte. Und Raddatz, monomanisch und selbstbewusst, wie er war, webt sich kess als gleichberechtigt neben Ledig ins selbst geschaffene Paradies mit ein. Titan zu Titan.

Dreißig Minuten liest er in Hamburg. Und dann? Auftritt der neuen Welt. Adelsspross Alexander von Schönburg, der Mann für den Smalltalk, stellt dem Literaten banale Fragen. Ledig hätte Schönburg nicht verlegt. Aber Raddatz begrüßt den Rowohlt-Autor mit Grandezza. Er würde ja auch mit dem Teufel Tango tanzen, hat er einmal gesagt. Er selbst war doch, wie seine Vorbilder, ein Causeur von Graden. „Weißt du noch, was damals Mode war, / Anna Susanna?/ Die Literatur trug man vorne gerafft ...“ So bezaubernd schrieb es Tucholsky. Solche Dichter waren seine Helden. Tempi passati. Jetzt muss er vor die Tür und eine Zigarette rauchen.

Ich bin froh, dass Hochhuth mir von Raddatz’ Selbstmordgedanken erzählt hat. Ich wollte ein Interview für mein neues Buch mit ihm in Hamburg machen. Stellen Sie sich vor, sagte ich zu Hochhuth, ich hätte Raddatz doch glatt „Am Todespunkt“ mitgebracht, mein Buch über den Suizid berühmter Menschen.

Zum Gespräch ist es nicht mehr gekommen. Da war sein Leben, wie er seinem Freund noch schrieb, schon „ausgeschritten“. Der narzisstische Literat war zur Abwehr seiner Depressionen nur noch angriffslustig, schrieb kühl und aggressiv über die „Fürze“ seiner Kollegen. Für alles, was noch kommen könnte, war ihm sein Leben zu schade. Nein, sein Entschluss war unumstößlich. Die Abgrenzung lief längst, und sie schraubte sich hoch bis zum – Todespunkt. Das Alter, auch das hatte Fritz J. Raddatz seinem Freund Hochhuth noch mitgeteilt, sei ein Massaker, habe Philip Roth gesagt – und danach geschwiegen. „Ich halte nicht mehr lange durch.“

Die Autorin lebt als Publizistin in Hamburg. Zuletzt erschien von ihr im Dietz Verlag: „Am Todespunkt 18 berühmte Dichter und Maler, die sich das Leben nahmen.“

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