"Stereo" mit Jürgen Vogel und Moritz Bleibtreu : Ich und er

Zwei aus dem gleichen Holz: Jürgen Vogel und Moritz Bleibtreu spielen erstmals Hauptrollen im selben Film. Und erklären ihrem Publikum, dass sie keinesfalls Stars sein wollen. Dumm nur, dass sie es trotzdem sind.

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Jürgen Vogel (rechts) und Moritz Bleibtreu im Berlinale-Film "Stereo".
Jürgen Vogel (rechts) und Moritz Bleibtreu im Berlinale-Film "Stereo".Foto: Stephan Rabold

Für den Herren aus Herbrechtingen bei Heidenheim ist die Sache klar: Jürgen Vogel und Moritz Bleibtreu sind Stars. „Auf jeden Fall, Vogel verkauft sich ja sogar international“, frohlockt Gernot Berger. Er steckt die eben erjagten Autogramme in seine Umhängetasche und kramt ein Pappschild „Karte gesucht“ hervor. Seine Mission ist erfüllt, die Beute gemacht, der Promijäger wandelt sich zum Kinogänger. Marke: gehobene deutsche Filmkunst. „Dafür stehen Vogel und Bleibtreu ja.“

Es ist Samstagabend. Filmfestspiele. Am Potsdamer Platz drängeln sich die Verehrer des Hollywood-Kinos am roten Teppich vor dem Berlinale-Palast, um einen Blick auf George Clooney oder Matt Damon zu erhaschen. Vor dem Zoo-Palast, bei der Premiere des deutschen Thrillers „Stereo“, ist die Lage entspannter. Tiefer als zwei Reihen staffeln sich die Schaulustigen am roten Teppich nicht. Für ihre eigenen Leute schwärmen die Deutschen nun mal verhaltener. Vier hochgewachsene junge Männer prosten sich mit der Bierflasche zu. Partygänger, die am roten Teppich vorglühen? Nein, Studenten der Filmakademie Ludwigsburg, so wie der Autogrammjäger gezielt zur Berlinale angereist.

Jürgen Vogel
Jürgen Vogel mit Moritz Bleibtreu während Dreharbeiten des Films "Stereo" von Regisseur Maximilian Erlenwein, der bei der diesjährigen Berlinale im Panorama Special läuft. Hier bei den Dreharbeiten in Halle am 19.07.2013.Weitere Bilder anzeigen
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10.02.2014 10:06Jürgen Vogel mit Moritz Bleibtreu während Dreharbeiten des Films "Stereo" von Regisseur Maximilian Erlenwein, der bei der...

Schade, dass es an diesem Abend nichts mit Karten geworden ist. Vogel und Bleibtreu sind ausverkauft. Bedeuten ihnen die beiden was? Viermal zögerndes Nicken. „Schauspieler sind Fleisch“, frotzelt einer. Wohl Regiestudenten, wie? Viermal Kopfschütteln. Es sind angehende Produzenten. „Wenn es deutsche Stars gibt, dann die“, sagen die vier. Warum? „Weil sie nicht nur Komödien machen.“ Das ist dann wohl als Watsche für Til Schweiger und Matthias Schweighöfer zu verstehen. „Und weil es gute, facettenreiche Schauspieler sind. Bodenständig. Auch wenn Bleibtreu manchmal auf dicke Hose macht.“

Freundliches Geplänkel, kein Gespreize

Im Moment ist davon nichts zu sehen. In grauem Anzug mit weißem Einstecktuch zeichnet er so brav wie sein gleichfalls in dunklen Zwirn gewandeter Kollege Vogel ein hingehaltenes Papier nach dem anderen ab. Sweatshirt-Träger im Festtagsgewand. Freundliches Geplänkel mit den Anhängern, keine Hektik, kein Gespreize, Kumpeltypen halten Hof. Ein österreichischer Tourist hat die Namen noch nie gehört. Ein paar Meter weiter entspinnt sich dafür zwischen einem Herrn um die 40 und einer Dame Ende 20 dieser Fachdialog:

„Mensch, ist der klein.“

„Dass der so klein ist, hätte ich nicht gedacht, der Jürgen Vogel, der alte Glatzkopf.“

„Der Moritz Bleibtreu ist auch nicht viel größer.“

„Aber mehr Haare hat er schon.“

Moritz Bleibtreu
Moritz Bleibtreu mit Jürgen Vogel während Dreharbeiten des Films "Stereo" von Regisseur Maximilian Erlenwein, der bei der diesjährigen Berlinale im Panorama Special läuft. Hier bei den Dreharbeiten in Halle am 19.07.2013.Weitere Bilder anzeigen
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10.02.2014 10:07Moritz Bleibtreu mit Jürgen Vogel während Dreharbeiten des Films "Stereo" von Regisseur Maximilian Erlenwein, der bei der...

Das ist auch auf den Filmplakaten für „Stereo“ zu sehen. Die Schaukästen vor dem Premierenkino der Festivalsektion Panorama sind damit bepflastert. Darauf droht in Nahaufnahme ein düster blickender Männerschädel. Dass die linke Hälfte behaart ist und die rechte kahlrasiert – links ein halber Moritz Bleibtreu, rechts ein halber Jürgen Vogel – begreift man erst auf den zweiten Blick. Die beiden Schauspieler des deutschen Kinos, die es wie keine anderen schaffen, vom Arthaus- wie vom Mainstreampublikum gemocht zu werden, in einem Schädel und in einer gemeinsamen Hauptrolle vereint, also zum ersten Mal in Stereo, das ist schon was.

Da habe man nun wirklich lange drauf gewartet, sagen die Journalisten am Samstagmittag bei der Pressekonferenz mit dem Filmteam im Hotel Hyatt am Potsdamer Platz. Längst nicht so viel los im Saal wie zwei Stunden später bei Clooney und seinen „Monuments Men“, doch der Empfang für den Regisseur Maximilian Erlenwein und seine Truppe ist warm. Moritz Bleibtreu dreht regelmäßig in internationalen Produktionen, auch ausländische Journalisten kennen ihn. Außerdem sind die beiden Stammgäste auf der Berlinale: Vogel zuletzt 2012 im Wettbewerb in Matthias Glasners Gewissensdrama „Gnade“, Bleibtreu 2010 ebenfalls im Wettbewerb in Oskar Roehlers Aufregerfilm „Jüd Süß – Film ohne Gewissen“. Einen silbernen Bären haben beide ebenfalls längst bekommen: Jürgen Vogel 2007, Moritz Bleibtreu 2006. Ersterer für seine radikale Darstellung und Mitarbeit als Drehbuchautor und Produzent in dem Vergewaltiger-Drama „Der freie Wille“ von Matthias Glasner. Letzterer für seine Darstellung eines liebesunfähigen Sexsüchtigen in Oskar Roehlers Verfilmung des Romans „Elementarteilchen“ von Michel Houellebecq.

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