Stereotype in Deutschland : Heutiger Antiamerikanismus erinnert an NS-Rhetorik

Der Soziologe Felix Knappertsbusch geht dem Antiamerikanismus in Deutschland auf den Grund. Viele Motive sind in unserem alltäglichen Sprachgebrauch zu finden.

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Die Flagge an der US-Botschaft am Pariser Platz.
Die Flagge an der US-Botschaft am Pariser Platz.Foto: picture-alliance/ dpa

Wo große dunkle Mächte beschworen werden, die Unglück bringen, Kultur zersetzen und andere Nationen bedrohen, da tauchen nicht nur an den rechten oder linken Rändern gerne Verschwörungstheorien zu „Amerika“ auf. Schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg taugten Amerikaner, aller Westbindung zum Trotz, wieder zu Feindbildern. So wurden die Nürnberger Prozesse vor allem mit amerikanischer „Siegerjustiz“ assoziiert, die Re-Education galt im kulturkonservativen Jargon als „Charakterwäsche“, die den Deutschen ihre Eigenheiten austreiben sollte. Beharrlich von linker Seite attackiert wurden der „US-Imperialismus“, ungezügelter Kapitalismus und dergleichen.

Mit der Studie des 1981 geborene Gießener Soziologen Felix Knappertsbusch erweitert sich das Spektrum der Vorurteilsforschung auf dem Sektor des Antiamerikanismus in die sprachanalytische Gegenwart hinein. (Antiamerikanismus in Deutschland. Über die Funktion von Amerikabildern in nationalistischer und ethnozentrischer Rhetorik. Transcript Verlag, Bielefeld, 422 S., 44,99 €). Seit dem islamistischen Anschlag vom 11. September und den Spähaffären um die Aktivitäten des NSA haben sich neue Facetten der Amerikafeindlichkeit entwickelt.

Berühmt sind die Verschwörungsfantasien, wonach „Nine Eleven“ wahlweise vom amerikanischen oder israelischen Geheimdienst inszeniert wurde. Als Geschenk für eine solche Weltsicht fungierten die Snowden-Enthüllungen zur Praxis des Abhörens und Mitlesens von Kommunikation, in der deutschen Presse wurden die USA sogar schon als „digitale Besatzungsmacht“ bezeichnet. Nicht einmal das Faktum, dass auch deutsche – wie alle anderen – Nachrichtendienste in der weltweiten Spähszene unterwegs sind, hat an der Paranoia viel geändert.

Das Sprechen gegen ein fiktives Amerika ist ein Sprechen für ein fiktives, nationales Wir

Je nach Fragestellung hegen zehn bis fünfzig Prozent der Deutschen amerikafeindliche Einstellungen. Knappertsbusch stellt seine Studie auf eine sprachanalytische Basis, er rekonstruiert die Theorien des Sprechhandelns von Wittgenstein über Austin bis heute, und macht sich mit Akribie und Geduld als Empiriker auf den Weg ins Sprachlabor der Ressentiments. Gesäumt wird dieser Pfad von Interviews, Tabellen, Statistiken, Code-Analysen, und die Ernte am Wegrand wirkt teils frappierend. Begriffe wie „Weltpolizei“, „Kulturlosigkeit“, „Oberflächlichkeit“ „sinnloser Konsum“, „Rassismus“, „Heuschrecken-Kapitalismus“, „Naivität“ erkundet Knappertsbusch etwa in ihrer Korrelation mit anderen Stereotypen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Ein erstaunliches Merkmal des Antiamerikanismus ist die Austauschbarkeit der Ressentiments in beiden relevanten Milieus, dem linken wie dem rechten. Beide, das antiimperialistische wie das kulturkonservative Milieu, weisen dabei neben denselben Vorurteilen gegenüber Amerika auch eine Korrelation mit anderen Stereotypen auf, etwa mit antisemitischen, sexistischen und rassistischen. Dabei zeigt sich sogar teils eine leicht höhere Korrelation beim antiimperialistischen Milieu. Insbesondere beim Thema Antizionismus - latenter oder offener Israelfeindlichkeit - liegen beide Gruppen einträchtig gleichauf.

Nur beim Antizionismus liegen beide Lager gleichauf. Generell erhebt Knappertsbusch den einleuchtenden Befund, dass „stereotypes Sprechen über Amerika dazu gebraucht wird, eine essentialistische, ethno-nationale Identität rhetorisch zu stabilisieren.“ In Sprache gekleidete Vorurteile müssen daher auch keine offen schädigende oder Gewalt legitimierende Intention besitzen. Das Sprechen gegen ein fiktives Amerika erweist sich als Sprechen für ein fiktives, nationales Wir, das sich abhebt von der hybrid gemischten Bevölkerung und Lebenspraxis der Vereinigten Staaten.

Die Stereotype, so Knappertsbusch, dienen „als Differenzkonstruktionen“, als „Ungleichheitssemantiken“. Amerika als das „Mutterland des nomadisierenden Finanzkapitals“ – ein gern von der NPD verwendeter Begriff, in dem sich seit der NS-Zeit genutzte antikapitalistische mit antisemitischen Codes verschränken – hat noch lange nicht ausgedient, und mit der aktuellen Trump-Show wird dem Diskurs neues Futter geliefert. Als Antidot sei ein medialer Ausflug in das intelligente, quicklebendige Amerika empfohlen. Wer den ARD-Zusatzsender einsfestival empfängt, kann derzeit jeden Abend um 23 Uhr jüngere Ausgaben der legendären „The Tonight Show“ sehen, eine empfehlenswerte Kur sowohl gegen Antiamerikanismus wie für gute Satire und Ironie. Beides wird im Land unserer Befreier brillant gefeiert.

In einer früheren Version des Artikels war der Eindruck geweckt worden, im linken, antiimperialistischen Milieu des Antiamerikanismus gebe es eine höhere Korrelation mit sexistischen, rassistischen und antisemitischen Ressentiments als im kulturkonservativen Milieu. Dies entspricht nicht dem wissenschaftlichen Befund der hier rezensierten Studie und wurde daher korrigiert. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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