Kultur : Stich ins Herz

Cool und kräftig: Sebastian Baumgarten seziert Bizets „Carmen“ an der Komischen Oper Berlin.

von
Bist du’s? Ich bin’s! Stella Doufexis und Timothy Richards. Foto: M. Lieberenz
Bist du’s? Ich bin’s! Stella Doufexis und Timothy Richards. Foto: M. Lieberenz

Zum schlimmen Finale, wenn der ach so schneidige Torero Escamillo in der Arena dem Stier den Gnadenstoß verpasst und Don José vorne seine geliebte Carmen meuchelt, entblättert sich das Prinzip dieser Aufführung fast wie von selbst. Gut zuhören heißt es da und flugs kombinieren – nicht das Schlechteste für einen Renner wie Georges Bizets „Carmen“, dessen Musik zwar nicht schwitzen mag (nach Nietzsches etwas abgenutztem Wort), dessen Aufführungsklischees allerdings um so heftiger transpirieren, dem Publikum zum Wohlgefallen. Nicht so in der Regie von Sebastian Baumgarten. Dass der Abend nach knapp drei Stunden trotzdem einhellig gefiel, ist zum einen dem Ort geschuldet, der Komischen Oper, und zum anderen den fabelhaften Protagonisten: Stella Doufexis als Carmen und Timothy Richards als Don José spielen hier restlos alles an die Wand. Konzept, Ästhetik, alle Theorie. Und so stört man sich denn nicht weiter daran.

Bei Baumgarten und seinem Bühnenbildner Thilo Reuther gleicht die Stierkampfarena des vierten Aktes, nun ja, dem Entrée des Berliner Grand Hyatt am Potsdamer Platz: Weil die großen Spektakel dieser Welt längst andere sind. Hier schlurft José anfangs wie ein Penner umher, Parker, Basecap, Sonnenbrille: Weil sich sein Flehen auch musikalisch denkbar rührselig, ja maskiert in den Staub wirft. Hier wird Carmen kurz darauf nicht nur abgestochen, sondern auch noch vergewaltigt: Weil dem gedemütigten Manne offenbar keine anderen Mittel zu Gebote stehen.

Und hier zündet sich José schließlich die Zigarette danach an, klick, klick, klick macht das Feuerzeug und will und will nicht zünden: Weil ihm als Außenseiter wider Willen niemals gelingen wird, was einen echten Sieger ausmacht – „mit dem Herzen töten“, nicht mit schnöder Waffengewalt. „Auf in den Kampf, Torero!“, höhnt der Mob, innig seufzen die Kantilenen der tiefen Streicher, und über den Lobbybauch des Hyatt flimmert, wie mit Tusche gezeichnet, ein veritabler Stierkampf (Videos Jan Speckenbach).

Viel länger als zehn Minuten dauert diese Schlussszene nicht, und Baumgarten beschwört mit ihr ein zunächst befremdliches, dann bestürzendes Wechselbad der Affekte und Gefühle: immer hautnah an der Partitur entlang, akribisch seziert, cool montiert, völlig unsentimental und gerade deshalb ergreifend, ja um Mitleid buhlend für ihre seltsam scherenschnitthaften, wie in Lava erkalteten Figuren. „Carmens“ Wirkung ist exakt kalkuliert, sagt Baumgarten, aber ist sie deswegen weniger wirkungsvoll? Müssen es immer die Realismen eines Prosper Mérimée sein (auf dessen Novelle von 1845 das Libretto fußt) oder die Nelken in Julia Migenes’ rabenschwarzlockiger Kino- Mähne? Nein, müssen es nicht. Und Baumgarten ist nicht der Erste, der dies in Abrede stellt.

Aber er ist einer der Wenigen, die auf der Musiktheaterbühne nicht nur inhaltlich arbeiten, nicht nur ästhetisch oder psychologisch schürfen, sondern auch strukturell und zwar virtuos, hoch diszipliniert. Baumgarten selbst nennt das in Abkehr vom „Regietheater“ und in Anlehnung an René Pollesch gern „postdramatisches Theater“ (was immer das heißt). Die Dialogfassung der „Carmen“ jedenfalls, die an der Behrenstraße gespielt wird, das nummernweise Agieren, überhaupt das Denken in Stücken, in Bruchstücken kommt seinem Zugriff enorm entgegen. Illustriert wird dieser mit einer leibhaftigen Flamenco-Tänzerin (wer möchte nicht so herrlich laut stampfen können wie Ana Menjibar!) und diversen Video-Einspielungen, die Josés Gerichtsverhandlung schildern.

Bizets „Carmen“, das wird einem hier bewusst, ist kein Wagner für Arme, sondern eine genuine opéra comique, mehr Singspiel also, mehr Operette, ja Revue. Dieses „Grand Guignol“-Prinzip bedient Baumgarten mit Lust und teilweise wirklich witzigen Dialogen – etwa wenn Zuniga vor einer Apfelsinenkiste hockt und seinen Soldatenkameraden „erst einmal Vitamine“ verordnet, oder wenn er die aufmüpfige Carmen mit Worten in den Arrest steckt, die dem Gefängniswärter Frosch aus der „Fledermaus“ abgelauscht sein könnten. Jens Larsen macht das grandios und hingebungsvoll komödiantisch. Wie viel schwerer haben es da Ina Kringelborn, die als Micaela in hellblauer Madonnenmontur über die Bühne schweben muss (und sich prompt auch stimmlich müht), oder Günter Papendell als Escamillo, für dessen sonores Baritontimbre sich weder der Regisseur noch die Kostümbildnerin sonderlich interessiert zu haben scheinen (Ellen Hofmann).

Der junge Yordan Kamdzhalov am Pult des Orchesters der Komischen Oper hingegen ist Feuer und Flamme: Fortissimi wie Böllerschüsse, Kastagnettengeklappere wie MP-Salven! Sonderlich differenziert ist dieses Tschingdarassabum sicher nicht, aber es erfüllt seinen Zweck, gerade in gewissen Härten. Und auch der Chor des Hauses wird seinem hervorragenden Ruf gerecht – wäre da nicht, ach, die entsetzliche, allen Darstellern wie Baumstümpfe aus den Mäulern ragende neue deutsche Übersetzung von Bettina Bartz und Werner Hintze. Das Schmuggler-Quintett – vertan! Das Karten-Terzett – eine Farce! Hört das denn niemand?

„Carmen“: Nicht die übliche Geschichte von Liebe, Tod und Teufel also, von Geschlechterprojektionen und dem Sex des Südens, sondern mehr eine Bestandsaufnahme in Sachen gesamtgesellschaftlicher Verwahrlosung. Jenseits des Hyatts spielt die Szene vor einer havarierten Filiale der Santander-Bank, dahinter grüßt trostloseste Platte (jeweils nur als perspektivische Fototapete, apropos Realismus), und bei der Zigarettenfabrik des ersten Aktes handelt es sich offenkundig mehr um eine Hühnerfarm. Egal. Baumgarten mag sich, wie üblich, im dramaturgischen Dickicht und Zuviel verheddern; für die Aggressivität unserer Kultur-Folklore, für Leben und Tod hat er einen untrüglichen Sinn.

Und dann sind da eben noch Stella Doufexis und Timothy Richards, denen eigentlich eine leere Bühne genügt hätte. Nicht stimmlich, nein, da bleiben beide etwas schuldig: Sie mit linearem, fast unterkühlt-abgezirkeltem Mezzoton, er mit jenem emphatischen Grundbibber im Tenor, der stets etwas mehr Stimme vorgibt, als tatsächlich vorhanden ist. Aber darstellerisch! Stolz, Wut, Verachtung, Verzweiflung: Als wären Carmen und José Archetypen, durch alle Zeiten und Lesarten hindurch. Ein großer Trost für die Kunst, ein kleiner nur fürs Leben.

Wieder am 6., 12. und 18. Dezember

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar