Kultur : Stillleben: Die Lehre der Dinge - Mirko Schallenberg in der neuen Galerie Konvention

Elfi Kreis

Als guter Realist muß auch Mirko Schallenberg alles erfinden. Doch der 33jährige Absolvent der Braunschweiger Kunsthochschule ist ein konstruktiver Realist. Er malt Stillleben. Wenn man für ein Stillleben den prosaischen Vergleich mit einem Bett bemühen darf, dann sind seine Stillleben mehrstöckige Etagenbetten. Schallenberg verschachtelt Bildelemente zu eigenwilligen Raumkonstruktionen. Er türmt die Gegenstände auf- und übereinander wie bei einem Kartenhaus. Auf seinen Ölgemälden arrangiert er Alltägliches: Dosen, Seil, Trichter, einen Schuh oder Karton (1300 bis 6500 Mark). Backsteine, Plastikeimer, Abflussrohr und Keramikvasen dienen als Stützen der Bildkompositionen wie in einem überdimensionierten Setzkasten. Scharrenberg zeigt die Dinge ebenso wie die Leere dazwischen. Ein enger Bezug besteht zwischen diesen Bildern und den "Kubus" benannten Plastiken (8000 bis 10 000 Mark): in matten Grau- und Beigetönen bemalte Skulpturen aus Terrakotta definieren mittels gestapelter Vasen und Kannen einen rechteckigen Raum. Im Raum oder auf Leinwand: Die Elemente dienen im Grunde nur dem Zweck, einen illusionären Bildraum zu schaffen.

Letztlich sind die Bildgegenstände Vorwand für eine handwerklich virtuose und delikate Malerei, die sich an kunstfertiger Wiedergabe unterschiedlichster Materialität delektiert. Damit der Betrachter nicht in die Bildfalle tappt, Gemaltes mit der Wirklichkeit zu verwechseln, vergrößert Schallenberg seine Objekte und hüllt sie in ein sanftes, wie mit dem Weichzeichner erzeugtes Licht. Neben die gegenwartsbezogenen Varianten von Dingen, die schon die alten Meister liebten: eine moderne Flasche oder einen Globus aus Plastik, stellt er Symbolträchtiges wie das Ei, den Totenschädel, die Vase mit Lilien. Die Kompositionen atmen eine seltsam zeitlose, überzeitliche Atmosphäre. Ihrer offenen Konstruktion zum Trotz wirken sie hermetisch: eine im Augenblick erstarrte Welt.

Ende April eröffneten die sieben Malerinnen und Maler der Gruppe "Konvention" ihre gleichnamige Galerie als "Forum für konventionelle Malerei". Die Miete für die großzügigen Räume zahlen sie selbst. Bis Jahresende werden die eigenen Arbeiten gezeigt, dann sollen andere Maler hinzukommen. Überraschung: bei den "Konventionellen" handelt es sich um junge Künstler. Die meisten leben heute wie der 33jährige Schallenberg in Berlin. Als sie sich 1995 in der Kunsthochschule in Braunschweig zusammentaten, waren sie noch Meisterschüler von Hermann Albert, der an der Berliner Künstlergalerie der Gruppe Großgörschen bis 1968 beteiligt war. Schallenberg, Uta Reinhardt, Kathrin Rank, Oliver Gröne, Lisa Pakschies, Young-Hwan Kim und F. Klöweke glauben an keinen Fortschritt in der Malerei mehr. "Heute sind in der Malerei alle unkonventionellen Errungenschaften von einst ihrerseits wieder zur Konvention geworden" heißt es in einem ihrer Manifeste. "Selbst unkonventionell zu sein ist längst Konvention. Wir schauen nur noch zurück und bauen daher auf ein eigenständiges Denken von Malereigeschichte". Die Gruppe Konvention will dazu den guten, alten Handwerksbegriff für sich wiederbeleben und neu definieren: "Wir beschäftigen uns mit dem, womit sich auch die Hausfrau beim Kochen beschäftigt. Wir sind keine Ideologen, sondern Handwerker, die an die Form glauben. Wo Form ist, ist auch Inhalt".

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