Stopp-Signal : Schloss hinter Riegel

Der Bau des Berliner Stadtschlosses wird auf 2014 verschoben – doch das Projekt leidet längst an mangelnder Fürsprache. Eine nationale Aufgabe ist das Schloss nie geworden.

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So sieht die Box kurz vor dem Richtfest aus.Weitere Bilder anzeigen
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06.01.2012 15:40So sieht die Box kurz vor dem Richtfest aus.

Nun ist es amtlich. Der Baubeginn des Berliner Schlosses mit seiner Nutzung als Humboldt-Forum wird um drei Jahre auf 2014 verschoben. Für die Jahre 2011 bis 2013 stellt der Bund keine Mittel zur Verfügung. Die Bundesregierung würdigt zwar die „historische Bedeutung und kulturpolitische Chance“ des Vorhabens, doch angesichts der „dramatischen Finanzsituation“ hätten sich die Teilnehmer der Sparklausur „einmütig“ für die Verschiebung ausgesprochen. In ernsten Zeiten könne man sich nicht alles leisten, was man sich wünsche, erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel .

In der Politik bedeutet eine Verschiebung in die nächste Legislaturperiode eine Ewigkeit. Für die Merkel-Regierung jedoch: eine Sorge weniger. Die Gegenparteien des Schlossstreits haben sich müde gekämpft. Die spürbare Begeisterung nach dem Zweidrittelvotum des Bundestages von 2002 ist im Laufe der Zeit verflogen. Aber auch die Gegner, die eine Zeit lang mit dem Vorschlag eines Ausstellungshauses punkteten, haben das geringe öffentliche Interesse an „ihrer“ temporären Kunsthalle zur Kenntnis nehmen müssen. Das Kompromiss-Gras, das mittlerweile über das Schlossareal gewachsen ist, hat als bildkräftige Metapher Aussicht auf erhebliche Dauer.

Die routiniert empörten Töne zum Moratorium dürfen über die sich ausbreitende Lustlosigkeit nicht hinwegtäuschen. Natürlich brandmarkt Berlins Regierender Bürgermeister den „kulturpolitischen Offenbarungseid“. Die Wurschtigkeit jedoch, mit der Klaus Wowereit kulturelle Aufgaben der Stadt auf den Bund abzuschieben pflegt, wie etwa die Staatsoper oder zuvor schon die Kofinanzierung der Bautätigkeit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), macht ihn nicht eben glaubwürdiger.

Und die Bundesregierung? Der Bundeskulturbeauftragte Bernd Neumann ist ein gewiefter Manager, und mit der Einrichtung der staatlichen Schloss-Stiftung schienen alle Weichen in Richtung einer zügigen Umsetzung gestellt. Aber Neumann sitzt im Kanzleramt nahe genug an Angela Merkel, um stets zu berücksichtigen, dass die Kanzlerin sich zwar für die 241 Millionen Euro teure Staatsopern-Vergrößerung begeistern ließ, dem Schlossvorhaben jedoch noch nicht eine nennenswerte Silbe gewidmet hat.

Bleibt der formelle Bauherr, Bundesverkehrs- und Bauminister Peter Ramsauer. Er hat unlängst mit seiner Umrechnung der Schlossbaukosten in Autobahnkilometer Empörung erregt. Aber bei wem denn? Der schweigenden Mehrheit der Kraftfahrer imponieren Autobahnen wahrlich mehr als Kultureinrichtungen. Nebenbei konnte man Ramsauers Einlassungen anders lesen denn als Ausweis provinzieller Beschränktheit: Als Hinweis nämlich, wie wenig das Schloss/Humboldt-Forum tatsächlich kostet, wenn es gerade einmal so viel verschlingt wie ein paar Kilometer Asphalt. Ramsauer, als CSU-Funktionär weidlich populismusgestählt, wollte wohl die öffentliche Reaktion der Schlossbefürworter testen. Es gab keine. Keine jedenfalls, die im Regierungsviertel vernommen worden wäre.

Zum nationalen Kulturprojekt ist das Kombivorhaben aus Schloss und Humboldt-Forum nicht geworden. In einem so föderalistischen Staatswesen wie Deutschland bleibt es schwierig, nationale Vorhaben zu formulieren. Oder ist das vielleicht schon im Ansatz falsch gedacht? Müsste nicht gerade die föderale Vielfalt es gestatten, neidlos auf nationale Vorhaben in der Bundeshauptstadt zu blicken – anders als in Frankreich, wo jedes präsidentielle Grand projet zulasten der ohnehin mangelhaft versorgten Provinz geht? Hinsichtlich solcher Argumentation hat die politische Klasse versagt – wenn sie denn je das Schloss gewollt hat, über geachtete, in ihren Parteien jedoch eher exotische Politiker wie Norbert Lammert oder Wolfgang Thierse hinaus.

Nun ist die Politik das eine; das andere sind die Beteiligten, die Museen, Universitäten, die Intellektuellen. Schließlich soll es beim Humboldt-Forum eben nicht bloß um die pragmatische Verlagerung von Sammlungen aus dem Vorort Dahlem in die Mitte Berlins gehen. Neuartige, internationale, globalisierte Diskurse, Blicke von innen und außen – es kann einem schwindlig werden vor Schlagworten. Das „starke Zeichen hinsichtlich der Gleichberechtigung der Weltkulturen in einer längst globalisierten Welt“, wie SPK-Präsident Parzinger schwärmt, ist bislang nicht recht sichtbar geworden. Die Diskussionsrunden wohlmeinender Wissenschaftler haben ebenso wenig Begeisterung erzeugt wie die Werkstattausstellung „Anders zur Welt kommen“, die, wie Parzinger einräumt, misslungen war. Und die Humboldt-Universität als Mitnutzer ist durchweg – und derzeit ganz besonders – mit sich selbst beschäftigt. Die intellektuellen Impulse bleiben aus.

Es gibt jedoch einen tieferen Grund für die Unlust, für das Schloss/Humboldt-Forum engagiert Partei zu ergreifen. Die Zweckkoalition von Form und Inhalt, die sie der Sache nach ist, zerbröselt. Erst ging es allein ums Schloss, um die notwendige Schließung der städtebaulichen Wunde, die Ulbricht und die SED mit der Sprengung des Originalschlosses geschlagen haben. Dann erst kam die Nutzung. Da sprang Klaus-Dieter Lehmann, seinerzeit SPK- und heute Goethe-Instituts-Präsident, in die Bresche und erfand das Humboldt-Forum. Die Vorstellung indes, das gänzlich neuartige – und in den Plädoyers seiner Verfechter immer neuartiger, ja weltproblemlösender werdende – Forum hinter barocke Mauern zu sperren, weckte bohrende Zweifel.

Städtebau und Nutzungsvision klaffen auseinander. Das zeigt sich jetzt. Stand denn die Preußenstiftung selbst hinter der Idee des Schlosswiederaufbaus, als diese Anfang der neunziger Jahre aufkam und in der Plastikplanensimulation von 1993 ihre optisch bezwingende Rechtfertigung fand? Nein – die Chance, das barocke Schloss erneut, wie nach 1918, als angemessenen Ort des Kunstgewerbemuseums zu nutzen und zugleich Gemälde- und Skulpturengalerie dorthin zu verlagern, deren Bestände einst zu erheblichen Teilen in eben diesen Räumen beheimatet waren, wurde nicht ernsthaft bedacht. Und umgekehrt kam das Humboldt-Forum erst in die Welt, als es den Schlossbau zu besetzen, ja zu retten galt. Das Projekt Humboldt-Forum hat den Makel, dass es nicht als eigenständige Idee entstanden ist, sondern als Software für einen umstrittenen Wiederaufbau.

Doch auch die Karawane der Location-Scouts, die eine Saison lang die entkernte Hülle des DDR-„Palasts“ zum Hotspot machten, zog erwartungsgemäß weiter. Und die vermeintlichen Mahner vor Geldverschwendung haben nie eine Silbe zu den Baukosten etwa der neuen BND-Zentrale verloren, die mittlerweile bei über 800 Millionen Euro angelangt sind; von Autobahnen und Eisenbahntunneln, die sich in Berlin zu Milliardensummen addieren, ganz zu schweigen.

Es ging immer und nahezu ausschließlich um das symbolpolitische Potenzial des Schloss/Humboldt-Forums. Dieser Symbolik wegen wird nun das Vorhaben geopfert. Vorläufig, wie es beschwichtigend heißt. Wer weiß schon, was 2013 sein wird? Nur eines ist sicher: Zum Selbstläufer wird das Schloss nicht mehr.

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