Straßenbeleuchtung : Gaslaternen: Das Licht, das dunkel macht

Die alte Gaslaterne soll verschwinden: Ein Streit um Geld, Tradition und Großstadtromantik ist entbrannt.

Eva Kalwa
Gaslaterne
Matt und rußig. Umweltschädlich, aber gut für den menschlichen Melatonin-Haushalt. Gaslaternen in Kreuzberg. -Foto: Thilo Rückeis

Licht ist mehr als Helligkeit. Es gibt den Menschen Schutz und Sicherheit, Gemeinschaft und Wärme - und es ist Fortschritt. Vielleicht wird deshalb über die richtige Beleuchtung so emotional und grundsätzlich debattiert wie über Schloss und Museumsinsel. Es geht diesmal um die 44.000 Berliner Gasleuchten, die vor allem in den westlichen Stadtteilen als Reihen-, Aufsatz- und Hängeleuchten die Straßen und Gehwege bescheinen. Zu dunkel und schummrig finden die einen das Licht. Behaglich, so schwärmen die anderen.

Dabei ist die Demontage eines Großteils der Berliner Gasleuchten noch gar nicht akut. 8400 Reihenleuchten in den Außenbezirken sollen durch elektrische ersetzt werden, aus Kostengründen. 25 Millionen Euro soll die ab 2010 geplante Umrüstung kosten, ein Aufwand, der sich innerhalb von fünf bis sechs Jahren amortisiert habe. "Eine Gasreihenleuchte kostete die Stadt im vergangenen Jahr 656 Euro für Energie und Wartung, im Vergleich zu rund 40 Euro für eine Elektroleuchte", sagt Marko Rosteck, Sprecher der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

"Pro Gas Licht" ruft zum Widerstand auf

Michael Kraft vom "Arbeitskreis Licht" des Fördervereins des Deutschen Technikmuseums sieht diese Zahlen mit großer Skepsis: "Seit vielen Jahren betreibt der Senat beim Vergleich zwischen Gas- und Elektroleuchten Kostenverschleierung, denn die Ausgaben für viele Sanierungsmaßnahmen an der elektrischen Straßenbeleuchtung werden unter anderen Haushaltstiteln geführt", als Maßnahmen für den Denkmalschutz wie in der Karl-Marx-Allee, für Sanierungsgebiete wie in Prenzlauer Berg und im Rahmen größerer Straßenbauprojekte. Berücksichtige man dies, liege man bei nur rund 200 Euro Mehrkosten pro Gasleuchte. Auch das Argument des Alters greife nicht. Zehntausende der 176.000 Elektroleuchten seien in einem maroden Zustand. "Ich sehe bei der Elektrobeleuchtung Kosten in Höhe von 170 bis 220 Millionen Euro auf die Stadt zukommen", sagt Kraft. Er war von 1990 bis 2000 für die Berliner Gasstraßenbeleuchtung zuständig.

Dennoch erheben sich Zweifel, ob das in seiner Strahlkraft eingeschränkte Gaslicht modernen Ansprüchen an die Verkehrssicherheit noch gerecht wird. Bei den Reihenleuchten sieht auch der Arbeitskreis Handlungsbedarf und plädiert für die Umrüstung auf elektrische Beleuchtung an vierspurigen Autostraßen. Ähnlich argumentiert André Braun, dessen Firma für die Wartung von mehr als Dreiviertel der Berliner Gasleuchten zuständig ist, wenn er auf die unzureichende Helligkeit vierflammiger Reihenleuchten verweist. Nur die Bürgerinitiative "Pro Gas Licht" ist prinzipiell gegen jegliche Umrüstung und ruft zum Widerstand auf.

Die Hälfte der Gasleuchten Deutschlands steht in Berlin

Man fürchtet, dass dies nur ein erster Schritt sein würde. Bettina Grimm, unermüdliche Kämpferin bei der Gaslicht-Initiative, spricht von der Stadtbild prägenden und identitätsstiftenden Bedeutung" der Gasleuchten und vergleicht die Umrüstung mit der Entstuckung, der bis 1979 allein in Kreuzberg etwa 1400 Gründerzeithäuser zum Opfer fielen. Schließlich stehen von den rund 80.000 Gasleuchten in Deutschland über die Hälfte in Berlin, und die Firma Braun verkauft seit kurzem ihre Gaslaternenmodelle an osteuropäische Städte - für den Einsatz in touristisch relevanten Stadtvierteln: Auch die Prager Karlsbrücke wird jetzt wieder mit Gas erleuchtet - mit dem "goldfarbenen", "anheimelnden" und "behaglichen" Licht, das so viele seiner Anhänger preisen.

Lichtqualität und die historische Ausstrahlung der Wandarme, Aufsatz- und Hängeleuchten, die vom Ende des 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden, sind eng miteinander verbunden. Beides macht diese Beleuchtung für ihre Anhänger zum - auch außerhalb des Gaslaternenmuseums im Tiergarten - schützenswerten Kulturgut. Ein Hauch nostalgischer Romantisierung mag darin liegen, wie auch Sehnsüchte nach bürgerlicher Selbstverortung und Aufhebung der Grenzen von Stadt und Natur, wie sie in Thomas Manns Novelle "Der kleine Herr Friedemann" von 1896 spürbar werden, da im Licht der Gaslaternen "die grauen Giebelhäuser schweigend gegen den Himmel" stehen, an dem dann auch die Sterne "hell und milde glänzten". All das, was bezüglich Energieverbrauch und CO2-Ausstoß im Vergleich zu Energiesparlampen und Leuchtdioden nicht auf der Höhe der Zeit ist, soll diese zurückdrehen.

Reichenberger, Wrangel- und Lo becker straße in Kreuzberg, Sophie-Charlotten- und Schlossstraße in Charlottenburg: Honigmild beleuchtete Schutzräume, in denen die anonyme Großstadt, der locus terribilis, zum locus amoenus wird. In denen kein UV-haltiges Licht Insekten tötet oder den Tag- und Nachtrhythmus des Menschen durcheinanderbringt und Einzelsteuerung und Dämmerungsschalter den Helligkeitsgrad regulieren. Das weiche Licht steht für den Sieg des Menschen über die Dunkelheit, ohne die Nacht zu entzaubern?

"Wegen der Gasbeleuchtung sind die Berliner so entspannt"

Dabei vollzog sich die Geburt der Großstadt und ihres ruhelosen Sohnes, des Flaneurs, doch gerade "im frechen Feuer" (Heinrich Heine) und "gleißenden Gaslicht des Boulevards" (Peter Hacks). Poes "Mann in der Menge", Sherlock Holmes, Jack the Ripper - die moralischen Abgründe dieser in der modernen Großstadt des 19. Jahrhunderts angesiedelten Geschichten leben vom "flackernden und grellen Licht" (Poe) der Gaslaternen. Als Werkzeuge der Aufklärung, die eine andere Art von Dunkelheit bringen.

Dabei wurden zunächst gerade Gaslaternen, die im 19. Jahrhundert Kerzen und Öllampen ablösten und noch nicht über den 1885 von Carl Auer von Welsbach erfundenen, moderater leuchtenden Glühstrumpf verfügten, für ihr "allzu grelles" Licht kritisiert. Wer es aber mit dem ersten elektrischen Bogenlicht verglich, nannte es plötzlich "blaß und matt" oder "roth und rußig" und das elektrische "blendendweiß" - und die neue ununterbrochene elektrische Helligkeit auf den Straßen wurde zur "Beleuchtung eines Alptraums" (Robert Louis Stevenson).

Ausgerechnet in der Psychologie hat Gaslicht vor kurzem eine negative Zuordnung erfahren: Als "The Gaslight Effect" bezeichnet die US-Psychologin Robin Stern den emotionalen Missbrauch im sozialen Umfeld. Wohingegen die Freunde der Berliner Gasleuchten die positiven Effekte des Lichts auf die Psyche wegen der Neutralität gegenüber dem Schlafhormon Melatonin preisen. André Braun ist überzeugt: "Gasbeleuchtung macht ruhig und zufrieden - auch deshalb sind die Berliner so entspannt."

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