Kultur : Straßenpoet

Starke Doku über einen vergessenen Popsänger.

von
Foto: Rapideye
Foto: Rapideye

Nebelschwaden ziehen vom Fluss über ein heruntergekommenes Viertel von Detroit. Zwei Männer treten in eine verqualmte Bar. Sie wollen den Typen treffen, der in der Ecke seine Akustikgitarre schlägt und singt. Die beiden Gäste sind sofort begeistert von dem, was sie hören.

Über 40 Jahre später erinnern sich die Musiker und Produzenten Dennis Coffey und Mike Theodore – für die berührende Dokumentation „Searching For Sugar Man“ des schwedischen Regisseurs Malik Bendjelloul – noch einmal an jene erste Nacht, als sie Sixto Rodriguez spielen hörten. Und sie erzählen von ihrer Zusammenarbeit mit dem Sänger, der sie an Bob Dylan erinnerte: Im Sommer 1969 nehmen sie gemeinsam sein Debütalbum „Cold Fact“ auf, ein echtes Singer- Songwriter-Juwel, mit Texten über Drogen, Nutten, Bars und Cops. Songs wie „Sugar Man“ und „I Wonder“ berühren bis heute und zeigen, dass der Sohn mexikanischer Einwanderer ein hochbegabter Straßenpoet war. In Stücke wie „The Establishment Blues“ mischte der stets mit Sonnenbrille auftretende Musiker zudem politische Töne, die an Gil Scott Heron erinnern. Doch das Album war ein Flop, ebenso wie „Coming From Reality“, das 1971 erschien. Kurz darauf ließ das Label Rodriguez fallen. Er wurde Bauarbeiter und geriet in Vergessenheit.

Das ist allerdings nur die eine Seite der Geschichte, die Bendjelloul liebevoll und ein wenig verklärend erzählt. So reflektiert er kaum die Gründe für den Misserfolg, denn ihn interessiert vor allem die andere Seite der Geschichte. Sie spielt in Südafrika, wo „Cold Fact“ unerklärlicherweise zu einem Riesenhit bei liberalen Weißen wurde. In ihren Plattenschränken stand Rodriguez neben den Beatles und Simon & Garfunkel. Doch weil das Land wegen seiner Apartheid-Politik kulturell isoliert war, wussten die Fans nichts über ihr Idol. Sie dachten, Rodriguez sei in den USA ein Megastar. Diesem wiederum schwante nichts von seinem Ruhm am Kap.

In den Neunzigern machten sich zwei seiner südafrikanischen Anhänger – ein Plattenhändler und ein Musikjournalist – zunächst unabhängig voneinander auf die Suche nach dem Musiker, den sie für tot hielten. Die Recherche und ihre unglaublichen Folgen zeichnet Bendjelloul packend nach. Wäre „Searching For Sugar Man“ ein Spielfilm, man würde die märchenhafte Geschichte kaum glauben. Doch alles stimmt – und so erfährt Sixto Rodriguez mit vielen Jahrzehnten Verspätung doch noch die Anerkennung, die ihm gebührt. Nadine Lange

Babylon Mitte, b-ware! ladenkino,

Brotfabrik, Central, Eiszeit, Lichtblick

und Sputnik (alle OmU)

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben