Kultur : Streit um Ehrung von Ernst Nolte: Wie Laudator Horst Möller einen "Exoten" verteidigt

Stefan Reinecke

Lieber Herr Möller, dieser Brief ist der Ausdruck einer Hoffnung: Ich möchte Sie davon überzeugen, dass es gut wäre, wenn Sie auf die Rolle des Laudators von Ernst Nolte bei der Veleihung des Konrad-Adenauers-Preises der Deutschland-Stiftung verzichten würden. Nolte ist der Autor bedeutender Bücher, allen voran seines ersten Werkes "Der Faschismus in seiner Epoche" (1963). Doch seit Mitte der achtziger Jahre ist sein Name mit dem Versuch einer Revision des deutschen Geschichtsbilds in nationalapologetischer Absicht verknüpft. Sie werden sich erinnern, dass dem "Historikerstreit" von 1986 ein Aufsatz in dem von H. W. Koch herausgegebenen Band "Aspects of the Third Reich" vorausging, in dem Nolte 1985 zu bedenken gab, ob Hitler nicht berechtigt gewesen sein könnte, die deutschen Juden nach Kriegsausbruch als Kriegsgefangene zu internieren. Diese Erwägung begründete der Autor damit, dass der Präsident der Jewish Agency, Chaim Weizmann, dem britischen Premierminister Chamberlain in einem offenen Brief versichert hatte, die Juden stünden in diesem Krieg auf der Seite der westlichen Demokratien. Sie werden weiter die These von der Judenvernichtung als einem Fall von Putativnotwehr in Erinnerung haben - die Kernthese des Aufsatzes "Vergangenheit, die nicht vergehen will" in der FAZ vom 6. 1. 1986, der den "Historikerstreit" auslöste. In den neunziger Jahren erregte Nolte mit einer Sympathieerklärung für die italienischen Neo- oder Postfaschisten Aufsehen.

Nichts davon hat Nolte je revidiert. Viele seiner Positionen sind von denen der äußersten Rechten kaum noch zu unterscheiden. Sein Hang zur intellektuellen Selbstdemontage hat etwas Zwanghaftes - im Hinblick auf seine früheren Verdienste möchte ich sagen: etwas Tragisches - an sich.

Ich weiß, dass Sie Noltes Auffassungen in vielem nicht teilen. Sie würden darauf gewiss in Ihrer Laudatio verweisen. Aber am Ende müsste das Lob die Kritik überwiegen, weil Sie andernfalls die Preisverleihung nicht rechtfertigen könnten. Damit würden Noltes skandalöse Äußerungen zu lässlichen Sünden erklärt. In der Öffentlichkeit würde der Eindruck haften bleiben, dass der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte zumindest für tolerabel hält, was Nolte zum Thema Nationalsozialismus seit Mitte der achtziger Jahre gesagt und geschrieben hat. Nicht nur das: Das Institut wird ins Zwielicht geraten, wenn Sie diese Laudatio halten. Es wird in den Geruch der Sympathie für nationalapologetischen Revisionismus kommen. Das können Sie nicht wollen, das dürfen Sie nicht billigend in Kauf nehmen! Als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Instituts bitte ich Sie: Ziehen Sie Ihre Zusage an die Deutschland-Stiftung zurück! Die konservativen Demokraten, denen ich Sie zurechne, müssen einen harten und klaren Trennungsstrich zu allem ziehen, was auch nur entfernt an Rechtsradikalismus erinnert. Da Sie mir hierin im Prinzip gewiss zustimmen, folgen Sie dieser Maxime bitte: Halten Sie keine Laudatio auf Ernst Nolte!

Der Autor ist Historiker in Berlin und Beiratsmitglied des Instituts für Zeitgeschichte in München, das Horst Möller leitet. Ernst Noltes Ehrung soll am Sonntag im Münchner Residenztheater stattfinden.

Übermorgen wird der Historiker Horst Möller eine Laudatio auf den Historiker Ernst Nolte halten. Anlass ist die Verleihung des "Konrad-Adenauer Preises für Wissenschaft" der CDU-nahen Deutschland-Stiftung. Konservative ehren Konservative. Nichts Besonderes eigentlich. Oder doch?

Ein Skandal, finden viele. Denn Ernst Nolte ist mehr als das enfant terrible der deutschen Geschichtswissenschaft. Nolte hatte 1986 mit eine paar schrillen Anmerkungen den so genannten "Historikerstreit" ausgelöst. Den Naziterror deutete Nolte damals zur Reaktion auf die bolschewistische Gewalt um. In den luftigen Höhen von Noltes geschichtsphilosophischen Gedankenspielen um den Weltbürgerkrieg mochten solche Spekulationen einen schrägen Sinn haben - auf Erden wurde sie als das verstanden, was sie sind: ein Versuch, den nationalsozialistischen Schrecken zu entschuldigen.

Danach rückte Nolte immer weiter nach rechtsaußen. 1994 fand er in einem "Spiegel"-Interview die Arbeit des Holocaust-Leugners Fred Leuchter "wichtig", dem Nationalsozialismus attestierte er "positive Tendenzen", in Hitlers Krieg entdeckte er "tendenziell" einen "europäischen Einigungskrieg". Seitdem ist Nolte auch in der liberal-konservativen Presse nicht mehr gut gelitten. Das Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen" verabschiedete ihn damals aus dem Kreis ihrer Autoren. Interviews mit ihm erschienen danach in der rechtsextremen "Jungen Freiheit".

Horst Möller ist nicht irgendein Historiker, sondern der Direktor des Münchner "Instituts für Zeitgeschichte". Das wird von Bund und Ländern finanziert und galt lange als die erste Adresse für die Erforschung von nationalsozialistischer Geschichte hierzulande. Deshalb, meinen die Kritiker, ist diese Laudatio so anrüchig. Sie zielt auf eine symbolische Zurücknahme der offiziellen Ausgrenzung von Noltes extremististischen Thesen, auf eine Art halbamtlicher Rehabilitierung. Dass der Preis von einer CDU-nahen Stiftung kommt, komplettiert das trübe Bild.

Wer Horst Möller mit der Kritik an Ernst Nolte konfrontiert, bekommt lange Sätze zu hören. Sehr lange Sätze, in denen in die argumentativen Bögen immer weiter werden. Und in denen sich die Worte "ausgewogen" und "Missverständnisse" häufen. Ernst Nolte, so Möller vor ein paar Tagen zum "Tagesspiegel", sei der Autor von bedeutenden Büchern. Und er sei ein "mutiger Mann", der eine ausgewogene, objektive Würdigung verdiene.

Gewiss gebe es auch Fragwürdiges - aber wo gibt es das nicht. Vor allem aber sei die Ächtung von Ernst Nolte, die Reduzierung seines Werkes auf ein paar Zitate "unfair". Die Wurzel der "Missverständnisse" sieht Möller darin, dass Nolte Geschichtsphilosoph sei, der Ideen verarbeitete, und kein Historiker, der sich an die Fakten hält. So neige Nolte dazu, in "Gedankenexperimenten zu operieren", die viele leider falsch verstehen. In der Zunft der Geschichtswissenschaftler sei Nolte schon immer ein Exot gewesen - und weil er so ein eigenwilliger Kopf ist, sei im Laufe der Zeit aus fachlichen Differenzen eine Kluft geworden. So schrumpft, was vielen moralisch inakzeptabel erscheint, zu Noltes "Eigenwilligkeit". Aus dem erinnerungspolitischen Skandal wird ein psychologisches Problem.

Das Institut, dem Horst Möller vorsteht, hat schon bessere Zeiten gesehen. Unter Martin Broszat, der es von 1972 bis 1989 leitete, wurde hier "Bayern in der NS-Zeit" untersucht und richtungsweisende Projekte entwickelt. Seit Möller die Geschäfte führt, verblasst der Ruhm. Der Konservative Möller, so ein ehemaliger Mitarbeiter des Institutes, hat die sozialliberale Broszat-Ära beendet, aber nichts wissenschaftlich Neues an dessen Stelle gesetzt: "Ein Paradigmenwechsel ohne neues Paradigma." Die mannigfachen Debatten über das Verhältnis zum Nationalsozialismus in den 90er Jahren liefen an dem Institut vorbei.

Allerdings versteht sich Möller darauf, in der Öffentlichkeit stets durch plakative Meinungsäußerungen in Erscheinung zu treten. Zur Debatte um das Schwarzbuch des Kommunismus steuerte er einen Sammelband bei, der vor allem durch seinen Titel auffiel: "Der rote Holocaust und die Deutschen". Zur der vom Hamburger Instutut für Sozialforschung organisierten Wehrmachtsausstellung bemerkte Möller in einem Interview, dass die Wehrmacht kein "Instrument des Verbrechens" gewesen sei und auch kein Nachholbedarf an Aufklärung besteht.

Der Holocaust als universelle Metapher, die Wehrmacht als mehr oder weniger unbelastete Institution, die Deutschen, die schon in den Fünfzigern ausreichend ihre Vergangenheit bewältigten, die DDR und NS-Deutschland als totalitäre Regime - das zusammen ergibt so etwas wie die Eckpunkte eines streng konservativen, ja reaktionären Geschichtsbildes. Horst Möller betont, dass er Schüler von Nipperdey war, nicht von Nolte, der Gutachter seiner Habilitation war. Doch in dieser Grundüberzeugung ist er ein folgsamer Schüler von Nolte.

Jetzt, nach dem Offenen Brief von Heinrich August Winkler, steht der Institutsleiter unter Druck. Noch mehr als zuvor. Soll er jetzt eine kritische Laudatio halten, um die Wogen wieder etwas zu glätten? Ist eine kritische Laudatio nicht ein Ding der Unmöglichkeit?

Eingedenk der massiven Kritik an Ernst Nolte und an seiner geplanten Laudatio, sagt Horst Möller, solle man sich doch mal anschauen, was Habermas und die Vertreter der Kritischen Theorie 1968 alles so von sich gegeben hätten. Dieses Muster funktioniert noch immer. Wenn man in Deutschland nicht mehr weiter weiß, dann stellt man erst einmal die Linke unter Generalverdacht.

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