Streit um Humboldtforum : Propagandistischer Pulverdampf

Streit ums Humboldtforum im Berliner Schloss: Dort wird, sagen Kritiker, vor allem Raubkunst der Kolonialzeit präsentiert werden. Doch dieser Diskurs greift zu kurz.

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Der unbekannte Kontinent. 80 Prozent der afrikanischen Sammlungen in Dahlem liegen im Depot.
Der unbekannte Kontinent. 80 Prozent der afrikanischen Sammlungen in Dahlem liegen im Depot.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Während es sichtlich voran geht an der Berliner Schloss-Baustelle, schimpft die Initiative „No Humboldt 21“ über den künftigen eurozentristischen Inhalt des Humboldtforums. Die Aktivisten fordern „die Aussetzung“ der Bauarbeiten und beklagen sich über den Namensgeber Alexander von Humboldt. An dessen Forschungen in Lateinamerika sei „vor allem das spanische Königshaus und das auf Völkermord und Sklaverei basierende Kolonialregime vor Ort interessiert“ gewesen. Vergangene Woche hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als künftige Betreiberin des Humboldtforums den Erwerb der zwischen 1799 und 1804 aufgezeichneten, 4000 Seiten umfassenden südamerikanischen Tagebücher des Welterforschers vermelden können.

Doch hinter allem propagandistischen Pulverdampf verbirgt sich ein tatsächliches Problem. Die Herkunft der Objekte des Ethnologischen Museums – wie aller „Völkerkunde“-Museen der westlichen Welt – ist, soweit es die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg betrifft, durchaus fragwürdig. Das beginnt schon mit dem Museumsnamen „ethnologisch“. Ob rechtmäßig erworben oder erpresst oder geraubt, das muss am einzelnen Objekt untersucht werden. Die Kolonialisierung der Welt gewann im 19. Jahrhundert enorm an Schärfe, sie überschnitt sich mit dem neu erwachten wissenschaftlichen Interesse an den indigenen Völkern und Kulturen. Dies geschah zweifellos aus einem Überlegenheitsgefühl heraus. Rudyard Kipling, Literaturnobelpreisträger des Jahres 1907, schrieb „The White Man’s Burden“, das Gedicht über die „Bürde des Weißen Mannes“, anlässlich der Eroberung der Philippinen durch die USA , die damit Spanien als Kolonialmacht ablösten. Spanien, das seit dem 15. Jahrhundert Kolonien in Besitz nahm und ausplünderte.

Aussage und Bedeutung ethnologischer Objekte können sich im Laufe der Zeit wandeln

Der Horizont ist also ein bisschen weiter gesteckt, als ihn die auf Afrika fixierten Gegner des Humboldt-Forums ausmessen. Ein berühmtes Beispiel für ein umstrittenes Objekt ethnologischer Sammelleidenschaft ist die so genannte Federkrone des Moctezuma, die seit 1596 in der Wunderkammer auf Schloss Ambras des Habsburger Erzherzogs Ferdinand von Tirol nachweisbar ist. Sie befindet sich heute im Völkerkundemuseum Wien. Von Mexiko wird sie als eine Art Staatssymbol reklamiert, obgleich eine Verbindung zu dem von den spanischen Eroberern unterworfenen Moctezuma nicht nachgewiesen, sondern im Gegenteil höchst unwahrscheinlich ist. Genau das macht die Problematik vieler ethnologischer Objekte deutlich: Ihre Aussage und Bedeutung können sich im Laufe der Zeit wandeln, sie werden Ziel von Zuschreibungen unterschiedlicher, eben auch politischer Art.

Im späten 19. Jahrhundert, der Hochphase des Imperialismus, gelangten Hunderttausende von Objekten aus Kolonien und besiegten Ländern – wie dem geschwächten China der „ungleichen Verträge“ – in die europäischen Museen. Nach London, Paris und St. Petersburg – und nach Berlin als einem Nachzügler der Eroberungen. „Die Geschichte ethnologischer Sammlungen“, urteilt Viola König, die Direktorin des Ethnologischen Museums der Staatlichen Museen, „rückt als gemeinsame Geschichte von Kulturen ins Blickfeld, die unter ungleichen Machtverhältnissen aufeinander trafen.“

Berühmt ist die Geschichte der Bronzen aus dem Königreich Benin auf dem Gebiet des heutigen Nigeria. Sie kamen nach der Eroberung und vollständigen Zerstörung des Königreichs durch britische Truppen 1897 nach London und wurden teilweise veräußert, unter anderem nach Berlin. Aus dem heutigen Nigeria gibt es, wie auch sonst aus Afrika, keinerlei Rückgabeforderungen, anders als die Humboldt-Kritiker insinuieren. So sie sich für die Erforschung der Kolonialgeschichte stark machen, müssten sie im übrigen die Rolle Benins als eines Hauptumschlagplatzes für den Sklavenhandel thematisieren. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß.

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