Studie über Sensationsprozesse in der Weimarer Republik : Mord ist ihr Hobby

Die Historikerin Heidi Sack untersucht die Verbindung zwischen krisenhafter Verunsicherung und der Lust an Sensationsprozessen in der Weimarer Republik.

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Die Historikerin Heidi Sack.
Die Historikerin Heidi Sack.Foto: Pixa Verlag

Angeklagt war der 18 Jahre alte Paul Krantz, Oberprimaner. 1927 stand er vor Gericht in Berlin-Moabit. Zur Last gelegt wurden ihm die Morde an einem Klassenkameraden, Günther, und einem Kochlehrling, Hans. Der Anwalt des Abiturienten führte aus, sein Mandant habe sich im „seelischen Dämmerlicht“ befunden. Ans Tageslicht aber kamen im Prozessverlauf andere Fakten.

Monate lang füllten die Zeitungen Sonderseiten mit Berichten zum Prozess, Bürger drängten massenhaft in den Verhandlungssaal. Warum? Das fragt eine einleuchtende zeitgeschichtliche Studie, die zugleich als Kommentar der Vergangenheit zur Gegenwart gelesen werden kann. Was hatte die Öffentlichkeit derart fasziniert und alarmiert an diesen – und anderen – tragischen Verstrickungen, an Verbrechen vor allem junger Leute? Die Deutungen der Historikerin Heidi Sack sind so wohltuend intelligent wie aufrüttelnd aktuell.

Sex, Nikotin, Alkohol, Gewalt

Zunächst sprach alles gegen Krantz. So sein schriftlicher „letzter Gruß“ an einen Freund, worin er Morde und Selbstmorde ankündigte. „Ich glaube, daß die Liebe (staunste, was?) mich zur letzten Konsequenz verleitet.“ Sein Mitschüler Günther werde Hans erschießen, er daraufhin Günther sowie Hilde, dessen Schwester, und dann sich. Günther hatte den Abschiedsbrief auch unterschrieben.

Am 28. Juni 1927 in aller Frühe erschoss der 19-jährige Günther Scheller in der gutbürgerlichen Wohnung seiner – verreisten – Eltern in der Steglitzer Albrechtstraße den Lehrling Hans Stephan. Dann schoss er sich in den Kopf. Beide starben. Eine Freundin der Schwester verhinderte weitere Bluttaten. Hilde und Paul blieben am Leben. Bis der Hergang geklärt war, blieb Paul Krantz acht Monate lang inhaftiert. Vorausgegangen war ein Eifersuchtsdrama. Die Geschwister Günther und Hilde begehrten denselben jungen Mann, Hans, mit dem der Bruder eine Liaison gehabt hatte, bis Hans sich für Hilde erwärmte und sie sich für ihn. Verliebt in die Schwester war auch der Schulfreund des Bruders, Paul Krantz. Verzweifelt und alkoholisiert verstiegen sich die Primaner in ihren Plan. An ihrem „Milieu“ entzündeten sich Entsetzen und Empörungsgenuss der Zeitgenossen – Sex, Nikotin, Alkohol, Gewalt: Was war los mit der Jugend der jungen Republik? In den „Lankwitzer Nachrichten“ vom 14. Februar 1928 war die Rede von „Liebe in ihren schrankenlosen Ausartungen“.

Das Interesse stieg, obwohl die Kriminalität abnahm

Das Gerichtsdrama wurde bekannt als „Steglitzer Schülertragödie“ und von Zeitgenossen heftig analysiert. Zwei Spielfilme folgten, und ihre Titel – „Was nützt die Liebe in Gedanken“ – bezogen sie aus Gedichtzeilen von Hilde Scheller für Paul Krantz: „Ein Mädel wird sich schön bedanken / Wenn Deine Glut nur aus Gedichten spricht / Was nützt die Liebe in Gedanken/Kommt die Gelegenheit, dann kannst Du’s nicht.“ Krantz, der auf der Odenwaldschule das Abitur nachholte, Germanistik studierte und in die USA emigrierte, nahm das Pseudonym Ernst Erich Noth an, unter dem er „Das Mietshaus“ publizierte, einen autobiografischen Roman, den die Nazis bei Bücherverbrennungen ins Feuer warfen.

Mikrohistorisch, quellenfreudig erfasst Heidi Sacks Studie die Rezeption des Weimarer Strafprozesses als Symptom einer sich nach dem Schock des Ersten Weltkriegs transformierenden Gesellschaft. Deren krisenhafte Verunsicherung stimulierte generell das Interesse für Verbrechen. Obwohl die Kriminalität rein statistisch um 1924 abnahm: Sie schien bedrohlich ubiquitär. Garanten der Transformation, Hoffnungsträger der Älteren sollten die Jüngeren sein, die nächste Generation. Gerade deren Straftaten wirkten daher umso dramatischer, und fanden als Krisenindikatoren umso überproportionaler Beachtung. Erst recht galt das für sexualisierte Taten junger Delinquenten, die zu Protagonisten einer als fremd konstruierten Jugend wurden. Hier scheinen erhellende Parallelen auf zu aktuellen Debatten unserer von Verunsicherung markierten Gegenwart.

Heidi Sack: Moderne Jugend vor Gericht. Sensationsprozesse, „Sexualtragödien“ und die Krise der Jugend in der Weimarer Republik. transcript Verlag, Berlin 2016, 490 S., 39,99 €.

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