Studie über verlängerte Lebenszeit : Wann ist genug genug?

Anti Aging ist Trend. Doch was wäre, wenn wir unsere Lebenszeit tatsächlich erheblich verlängern könnten? Welchen Vorteil würde der Mensch daraus ziehen? Diese Frage stellt sich Philosoph Sebastian Knell in seinem neuen Buch.

Angelika Brauer
Am Ufer der Lulworth Cove, einer Bucht im Südwesten Englands bei Dorset.
Rückkehr von der hohen See des Lebens. Am Ufer der Lulworth Cove, einer Bucht im Südwesten Englands bei Dorset.Foto: mauritius images / United Archives

Die sogenannten Best Ager füllen Hörsäle und Reisebusse und benutzen ihre Stöcke im Takt erstaunlicher Vitalität. Das Alter ist schon lange keine Endphase mehr. Es fängt später an und dehnt sich aus. Zurzeit wird es biowissenschaftlich erforscht, um die Phase des aktiven Erlebens zu verlängern, den Verfallsprozess zu verlangsamen und eines Tages vielleicht vollkommen zu stoppen.

Dass uns heute die entsprechenden Anti-Aging-Technologien noch nicht zur Verfügung stehen, könnten wir nutzen: Noch können wir uns fragen, ob wir ein verlängertes Dasein überhaupt wollen. Gleich aber, ob sich die Forscher in den Laboren jemals wunschgemäß verhalten: Über das Für und Wider sollten wir ebenso diskutieren wie über das Verlangen, das Leben selbstbestimmt abzukürzen. Die Fragen von Lebensverlängerung und Sterbehilfe gehen uns alle an.

Sebastian Knell lassen sie nicht los. Als Mitherausgeber eines Sammelbandes, in dem das Thema „Länger leben?“ interdisziplinär beleuchtet wird, hatte er sich zwischen Naturwissenschaftlern eingereiht. Jetzt entfaltet er seine philosophische Grundsatzreflexion einer moderaten Lebensverlängerung – er geht von einer verdoppelten Zeitspanne aus und legt dabei die gegenwärtige Maximalzeit von 120 Jahren zugrunde – in einer monumentalen Untersuchung.

Wäre eine verlängerte Zeitspanne von Vorteil?

Man möchte das Buch jedem empfehlen, obwohl die Lektüre oft eine Zumutung ist. Der Geduldsfaden, den seine behäbige Argumentation und Sprache strapazieren, könnte reißen. So wird das Anliegen des ersten Teils zum Beispiel in den Worten zusammengefasst, „welche voraussichtlichen Vor- oder Nachteile ein verlängertes Leben aus der prudentiellen Perspektive des jeweiligen Individuums böte, das sich zusätzlicher Lebenszeit erfreuen könnte, sofern diesem an einem guten Leben im Sinne eudaimonistischer Selbstverwirklichung gelegen ist“.

Dabei hat Sebastian Knell zweifellos recht. Gemeint ist schlicht, dass wir die Frage, ob wir verlängert leben wollen, nur beantworten können, indem wir uns am Maßstab des eigenen Lebens orientieren: Warum wäre eine verlängerte Zeitspanne von Vorteil für das eigene Wohlergehen und für ein insgesamt gelingendes Leben?

Darum geht es. Vom zweiten Teil der Studie darf sich der Leser deshalb zunächst entlasten. Hier werden Probleme der Moral und Gerechtigkeit verhandelt. Ob es eine Pflicht zur Lebensverlängerung gibt und diese jedem Menschen oder nur den wohlhabenden zugute kommt? Diese Fragen erübrigen sich, falls eine verlängerte Lebenszeit gar nicht im Interesse des Einzelnen liegt.

Knell plädiert dafür, sich vom Lebensplan zu befreien

Wir durchpflügen den ersten Teil und nennen die Kriterien, die der Autor zusammenträgt, um ein Leben – objektiv und modellhaft – als gut, geglückt und erfüllt zu charakterisieren. Das Verwirklichen eigener Wünsche und Ziele gehört dazu, das Entdecken und Entfalten von Talenten. Aber auch das Verplempern von Zeit durch das Herumsitzen am Strand oder im Bierzelt. Knell bewertet nichts und lässt auch die banalen Seiten des Alltags gelten. Er plädiert dafür, sich von einem festgezurrten Lebensplan zu befreien, und bezieht das Unverfügbare des Schicksals ein. Er hat Skrupel, von Abschluss und Vollständigkeit und erst recht von einer „Bilanz“ des Lebens zu sprechen. Stattdessen schlägt er den Begriff der „Kohärenz“ vor: Mitsamt allen Brüchen und Niederlagen, mit Neuanfängen und Leerstrecken sollte das Ganze des Lebens schließlich so sein, dass es für den Einzelnen stimmt. Er sollte damit übereinstimmen können, sich zu sagen: Das also bin ich, das ist mein Weg, so habe ich zu mir gefunden.

Buchcover zu Sebastian Knells "Die Eroberung der Zeit".
Buchcover zu Sebastian Knells "Die Eroberung der Zeit".Foto: promo / Verlag

Knell betont den „eunarrativen“ Aspekt, das erfüllte Leben lässt sich erinnern und erzählen. Auf den ersten Blick könnte die Verlängerung von Vorteil sein. Im Sinn der einfachen Logik, dass mehr Lebenszeit auch mehr Möglichkeiten bietet, die Lebensgeschichte anzureichern – mit immer neuen Erfahrungen und Aktivitäten. Das Steigerungsprinzip der Wohlstandsgesellschaft macht auch vor der individuellen Wohlfahrt nicht halt. Bis zu dem Umschlagpunkt, an dem das „mentale Altern“ beginnt. Dann endet das ausgewogene Pro und Contra, und Sebastian Knell zeigt seine Skepsis angesichts der biotechnisch verlängerten Lebenszeit: Wo ist der Vorteil, wenn das Gemüt vergreist und der Körper nicht mehr zur Seele passt? Wenn die Erinnerungskapazität an ihre Grenze kommt? Wenn das Selbst sich wieder von sich selbst entfremdet, weil es das Sammelsurium der Erlebnisse mit der psychischen Bindekraft nicht mehr fassen kann? Haben die Philosophen – genannt wird Kierkegaard – nicht doch gute Gründe, wenn sie behaupten, dass wir den Druck der befristeten Zeit brauchen, um ernsthaft, bewusst und intensiv zu leben?

Knell lehnt radiale Anti-Aging-Maßnahmen ab

Sebastian Knell, der an die Utopie der Unsterblichkeit keinen Gedanken verschwendet, lehnt auch radikale Anti-Aging-Maßnahmen ab. Also kein transhumanistischer Umbau, der Körper und Geist, Gehirn und Nerven und letztlich das Wesen des Menschen betrifft. Die Vernunft gehört zu uns. Wird sie zwischen den Zeilen vom Autor verteidigt? Man blättert noch einmal zurück zu dem Abschnitt, in dem ein Stichwort auffiel: „rationale Suffizienz“. Eine Haltung, altmodisch könnte man sagen, der Besonnenheit, Weisheit, Bescheidenheit.

Knell stellt sie als eine „optimierungskritische“ Position dar, die unter anderem der Philosoph Harry Frankfurt vertritt. Dabei geht es um die Verteidigung einer vernünftigen Einsicht, zu der auch das Gefühl gehört: Man weiß, was man will, weil man spürt – mehr brauche ich nicht. Es war gut, jetzt ist es genug. Für mich gibt es nichts mehr zu steigern oder zu erobern. Zeit für den Abschied.

Norm der vernünftigen Genügsamkeit

Diese Ruhe und Gelassenheit, die man am Ende des Lebens jedem wünscht, wird vom Autor sachlich als „Idee einer Norm vernünftiger Genügsamkeit“ bezeichnet und durch Vergleich mit dem Genuss einer üppigen Mahlzeit erklärt: Es sei verständlich und keineswegs irrational, wenn man anschließend selbst auf einen kleinen Snack verzichtet, weil man gesättigt und vollkommen zufrieden ist.

Der Vergleich leuchtet ein. Aber er zeigt auch, dass die „Norm der vernünftigen Genügsamkeit“ eben keine Norm ist. Der Appetit auf mehr Leben jedenfalls lässt sich nicht normieren. Er kommt immer wieder, er kann zur Gier werden. Gehört nicht auch er zu unserer Lebendigkeit?

Sebastian Knell: Die Eroberung der Zeit. Grundzüge einer Philosophie verlängerter Lebensspannen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 736 Seiten, 39,95 €.

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