Kultur : Su. ZKB m. BLK u. EBK

Sie ist nicht immer verständlich. Aber immer auch ein Spiegel der Gesellschaft und ihrer unerfüllten Sehnsüchte: Die private Kleinanzeige

Rebecca Menzel

Im Leben ist es besser zu wollen, was man nicht hat, als zu haben, was man nicht will. Ansonsten bin ich 32/171/nur Teilzeitphilosoph. Mag Kino unter Sternen, gute und schlechte Bücher, frühstücken zu zweit. (Zitty 16/2006).

Ein Mann sucht eine Frau. So einfach kann die Welt sein. Und so kompliziert zugleich, denn wer eine private Suchanzeige wie diese aufgibt, glaubt fest daran, dass die große Liebe, der Topf zum Deckel, das andere passende Puzzle-Stück, irgendwo da draußen wartet und hoffentlich aufmerksam die Kleinanzeigen studiert. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, denn die Deutschen sind traditionell „Anzeigen-Fetischisten“. 50 Prozent der Bevölkerung sehen in Kontaktanzeigen ein gutes Mittel, einen Partner kennenzulernen. Fast genau so viele der 16- bis 75-Jährigen lesen grundsätzlich gerne Anzeigen in Tageszeitungen. In unserem Nachbarland Frankreich sind es nur 27 Prozent.

Dabei liegt ausgerechnet in Paris der Ursprung der Kleinanzeige. Hier eröffnete der Arzt Théophraste Renaudot vor genau 375 Jahren ein Annoncenbüro, das eigentlich eine gemeinnützige Jobbörse für Vagabunden werden sollte. Stattdessen etablierte sich das Unternehmen als Infobörse für alle Art von Käufen, Verkäufen, offenen Stellen oder Reiseangelegenheiten. Die Nachfrage war so groß, dass die Angebote bald als „Feuille du bureau d’adresses“ („Blatt des Adressenbüros“) publiziert und kostenlos verteilt wurden. Das erste Anzeigenblatt war geboren.

In Deutschland durften Anzeigen bis ins 19. Jahrhundert lediglich in sogenannten „Intelligenzblättern“ erscheinen. Erst 1840 fiel ihr Monopol und Kleinanzeigen wurden zu einem wichtigen Bestandteil regionaler und überregionaler Tages- und Wochenzeitungen. 1934 schließlich ließ Hitler die kostenlosen Anzeigenblätter, die meist auch redaktionelle Teile hatten und schwer politisch kontrollierbar waren, verbieten. Nach dem 2. Weltkrieg kehrten die Anzeigenblätter zurück und erlebten in den siebziger Jahren einen wahren Gründungsboom.

Ob das an der Bedeutung der Kleinanzeige für die westdeutsche Alternativszene liegt? Der Tausch unter der Hand, an der verpönten kapitalistischen Wirtschaft vorbei, lag schwer im Trend. Aus dem Boden sprießende Projekte und Selbsthilfegruppen suchten ständig neue Mitstreiter. Man definierte sich über einen konsumkritischen und umweltbewussten Lebensstil, suchte die Gemeinschaft und zugleich Selbstverwirklichung:

Also ich möcht mal ne Orgie mitmachen, wenn jemand eine macht, dann den Jens anrufen. (Das Blatt, 1976)

Wie kein anderes Medium bieten sich Kleinanzeigen als soziokultureller Spiegel der Gesellschaft an. Der Publizist Franz-Maria Sonner hat das Archiv des Münchner Organs „Das Blatt“, das bis 1984 als Veranstaltungskalender existierte, durchforstet und daraus ein Buch gemacht. Unter dem Titel „Werktätiger sucht üppige Partnerin“ versammelt er Kleinanzeigen, die zwischen 1973 und 1979 erschienen. „Wie wir heute wissen“, meint Sonner, „ist die eigentliche Leistung der 68er-Bewegung nicht eine Umschichtung der Macht gewesen, sondern die kulturelle Veränderung und Umdeutung bis in das Private hinein.“ Die Grenzen moralischen Anstands, dessen, was öffentlich gesagt werden konnte, waren ins Schwanken geraten. Alles war offen und zugleich von einem gewissen Zwang zur politischen Korrektheit eingeengt. In einer Atmosphäre, in der die eigene Seelsorge und esoterische Sinnsuche als Lebensmittelpunkt gesehen wurde, konnten einfache Dinge wie die Ermittlung neuer Mitbewohner durchaus kompliziert werden:

WG in Schwabing sucht fröhliche Leute, eventuell auch nicht fixierte Pärchen. Allgemeine Tendenz friedlich, heiter, erotisch, mehr leise als laut. Gemeinsamkeiten soweit wie möglich. Conditio qua: persönliche Freiheit. Arbeitstendenzen: Janov, Gurdjew, Reich, Tantra, Psychologie u.a.

Die Stadtmagazine fungierten lange als Mekka für Tauschhändler und Kontaktsuchende aller Art. In den Zeiten allgemeiner sexueller Befreiung und Coming- outs kam ihnen eine besondere Funktion zu, denn Treffpunkte für Homosexuelle galten als verrufen. Wer eine echte Beziehung suchte, schaltete lieber eine Annonce, um seine Erwartungen von vornherein klarzustellen. Die Sadomaso-Szene hatte es ungleich schwerer. Erst 1989 führte die „Zitty“ die Rubrik „Harte Welle“ ein, nachdem ein SM-Bericht eine Flut eindeutiger Kleinanzeigen in die Redaktion spülte.

Für die ungelittene Homosexuellen-Szene der DDR waren Kontaktanzeigen der Zeitungen bis weit in die achtziger Jahre fast die einzige Plattform, um Bekanntschaften zu machen. Lange stieß man in den Redaktionen auf Widerstand, wenn man seine sexuelle Neigung öffentlich machen wollte. Olaf Brühl hatte sich 1974 auf einer Visitenkarte, die in der Jugendzeitschrift „Neues Leben“ abgedruckt wurde, als homosexuell beschrieben. Daraufhin bat ihn die Anzeigenleitung, diesen Punkt zu ändern. Als sich Brühl weigert, wird seine Kontaktanzeige nicht gedruckt. Erst 1986 gelingt es Uschi Sillge, einer politisch aktiven Lesbe, nach Protesten beim Presseamt der DDR durchzusetzen, dass homosexuelle Kontaktanzeigen gedruckt werden dürfen.

Private Anzeigen waren in den Berliner Stadtmagazinen noch bis vor kurzem kostenlos, und manch einer trug seine persönlichen Fehden mit Freuden öffentlich aus. Kornelia Schwarz, die seit 14 Jahren beim Berliner TIP die Kleinanzeigen betreut, erinnert sich an einen Mann, der immer wieder Kontaktanzeigen schaltete. Ein paar Wochen später dann adressierte er je nach Gefühlslage heiße Liebesschwüre oder wüste Beschimpfungen an seine neuen Bekanntschaften, die wiederum mit Inseraten antworteten. Das TIP-Team verfolgte die wechselnden Liaisons mit Freuden. Besonders gerührt war Kornelia Schwarz von dem Anruf eines Paares, dass sich 1977 über eine TIP-Anzeige kennengelernt hatte und jetzt Silberhochzeit feiert. Zu lachen gibt es genug. Über die Jahre ist ein ganzer Ordner mit kuriosen Annoncen entstanden, der in der Redaktion gehortet wird. Immer wieder werden Jobs als Putzfilze, Tellerwache, Bügel oder Hauhilfe gesucht.

Inzwischen müssen auch Privatkunden für eine Kleinanzeige in den Berliner Stadtmagazinen bezahlen, was dazu geführt hat, dass weniger annonciert und weitaus professioneller formuliert wird. Die Kategorien „Lust & Liebe“ und „Wanted“, hinter der sich verzweifelte Aufrufe nach verpasster Kontaktaufnahme verbergen, nehmen noch immer den meisten Platz ein. Wer hier inseriert, dem ist es ernst:

Nach dem Regen: 7. Juli ca. 18.00 U7, ich regennass u. mit Fahrrad, grünem Rock u. T-Shirt, dunkle Haare, Du stiegst Mehringdamm ein, Jeans, weißes Hemd, dunkle Augen u. Haare m. grau drin. Wir lächelten uns an wegen des betrunkenen Mannes m. Bierdose. Hab Lust, Dich wiederzusehen! (TIP 16/2006)

Unerfüllte Sehnsüchte müssen nicht emotionaler Natur sein. Seit jeher tauscht der Mensch, bietet und verlangt dafür einen angemessenen Gegenwert, der sich nicht nach objektiven Kriterien richtet, sondern von der individuellen Situation abhängt und somit Auskunft gibt über die Wertmaßstäbe, die eine Gesellschaft im Wandel bestimmten Dingen und Leistungen beimisst. „Die Grenze unsrer vernünftigen Wünsche hinsichtlich des Besitzes zu bestimmen ist schwierig, wo nicht unmöglich“, schrieb Arthur Schopenhauer in seinen Aphorismen zur Lebensweisheit 1851. „Denn die Zufriedenheit eines jeden, in dieser Hinsicht, beruht nicht auf einer absoluten, sondern auf einer bloß relativen Größe, nämlich auf dem Verhältnis zwischen seinen Ansprüchen und seinem Besitz: daher dieser letztere, für sich allein betrachtet, so bedeutungsleer ist, wie der Zähler eines Bruchs ohne den Nenner.“

Im Bereich banaler Warenangebote zeugen Inserate meist davon, was unmodern geworden ist und billig abgegeben werden will, damit Platz für Neues ist. Das Universum der Kleinanzeigen hat seinen eigenen Wertehorizont, der die tatsächlichen Verhältnisse einer Gesellschaft meist wahrer spiegelt, als es offizielle Statistiken vermögen. In einer Mangelwirtschaft entwickeln Kleinanzeigen durchaus politische Brisanz. In der DDR wurde inseriert und getauscht, was die Planwirtschaft nicht hergab. Der Historiker Stefan Wolle deutet die Anzeigenseiten der DDR-Presse deshalb als „Reich der Freiheit“, in dem das „aus dem redaktionellen Teil getilgte reale Leben sozusagen durch die Hintertür wieder Einzug hielt“. Vor allem die „Wochenpost“ bot mit ihrem Kleinanzeigenmarkt einen idealen Flohmarkt, auf dem sich viel entdecken ließ.

Raritäten wie Baumaschinen oder Ersatzteile für den Trabbi wurden meist nur gegen Westgeld hergegeben. Entscheidend waren deshalb symbolische Begriffe, die von jedem Kenner leicht entschlüsselt werden konnten. Wer hinter „blauen Kacheln“ tatsächlich Badezimmer-Dekor vermutete und sie nicht als die westdeutschen Hundertmarkscheine identifizierte , war nicht von dieser sozialistischen Welt. Im Osten galt die Kleinanzeige als Hort der Doppeldeutigkeit, die auch davor schützen sollte, dass einem die Obrigkeit auf die Schliche kam. Waren, deren Preise im DDR-Handel durch das zuständige Ministerium festgelegt wurden, durften nicht teurer angeboten werden, so begehrt sie auch waren.

1980 überprüfte die Berliner SED-Bezirksleitung Inserate in 1320 Tageszeitungen und stellte fest, dass nicht nur Autos und Antiquitäten zu „überhöhten“ Preisen veräußert wurden, sondern auch verbotene Westwaren und Produkte, die Angestellte von Handelsbetrieben sozusagen am Ladentisch vorbei verkauften, um damit ihren kärglichen Lohn aufzubessern. Ein gewisser Gerd G. soll Ende der siebziger Jahre über Inserate Gegenstände mit einem Gesamtwert von 1,9 Millionen Markt verscherbelt haben. Welchen Schaden der Tauschhandel über private Kleinanzeigen der sozialen Planwirtschaft tatsächlich zugefügt hat, ist noch nicht erforscht worden.

Die Geschichte der Kontaktanzeige hingegen ist längst geschrieben. Die ersten Inserate erschienen Ende des 17. Jahrhunderts in England. Offen wurden gesellschaftlicher Stand und finanzieller Hintergrund kommuniziert. Die Deutschen zogen erst knapp 50 Jahre später nach. Am 3. April 1793 konnte man im „Hamburgischen Correspondenten“ lesen:

Ein Mann von 40 Jahren, gutem Stande und bester Gesundheit sowie mit 1200 Rthlr. jährlichem Einkommen und Liegenschaften wünscht eine Gattinn zu erhalten,die gesund und nicht über 30 Jahr alt ist, auch dabey ein baares Vermögen vonwenigstens 16000 Thaler besitzet.

Noch bis in die sechziger Jahre hinein war der Hinweis auf eine gute Rente oder Erbschaft nicht ungewöhnlich. Schließlich ging es darum, in den Stand der Ehe zu treten und sich fürs Leben zu binden. Das änderte sich mit der sexuellen und moralischen Revolution der siebziger Jahre, die Heirat als unmodern, wenn nicht als Verrat an der gesellschaftskritischen Gesinnung verstand. Die unverbindliche Kontaktaufnahme rückte immer mehr in den Vordergrund. Der Wunsch nach einer längerfristigen Beziehung blieb bestehen, aber die Explosion des Kontaktanzeigenmarktes hat dazu geführt, dass die Angebote immer unverbindlicher werden.

Der Kulturwissenschaftler Jo Reichertz kam bereits Anfang der neunziger Jahre zu dem Schluss, dass es bei Kontaktanzeigen vorwiegend nicht mehr um die ernsthafte Suche nach einem Partner geht, sondern um die unterhaltende Wirkung, die sich im Spiel mit Möglichkeiten und Unbekannten erzielen lässt. Ein Bekannter erzählte kürzlich, er bekomme von seinem Kumpel unter dem Motto „Na, wär die nicht was für dich?“ immer wieder Links auf die Portfolios besonders hässlicher Frauen geschickt, die im Internet nach Partnern suchen. Darüber amüsieren sie sich dann stundenlang. Er selbst und auch sein Freund sind nicht bei einer Online-Partnerbörse dabei. Sie gucken nur: „Das ist ein bisschen wie im Zoo, nur halt für Menschen.“

Die über 2500 deutschsprachigen Singlebörsen, Partnervermittlungen und Seitensprung-Agenturen leben vom Bildmaterial und Fakten, die über den sozialen Hintergrund Auskunft geben sollen. Über 6,5 Millionen Deutsche sind inzwischen bei Online-Dating-Portalen registriert. Doch was gibt tatsächlich mehr Aufschluss? Auch Bilder können lügen. Das Netz wimmelt von Geschichten über persönliche Enttäuschungen, weil das Lächeln auf dem Foto, das einen verführt hat, in Realität gar nicht so verführerisch wirkt. Inzwischen gibt es massenhaft Ratgeber zum Online-Dating, die dazu ermuntern, das erste Treffen möglichst schnell zu arrangieren. Bei der Kommunikation scheint das Hauptproblem zu liegen. Bei der klassischen Kontaktanzeige im Printformat gibt es keine Fotos. Entscheidend ist das kommunikative Element, das die unendlichen Räume der eigenen Fantasie öffnet. Wer sich wohl hinter dem „großen, sehr attraktivem Mann“ verbirgt, der eine „reizende Küsserin“ sucht? Oder dem „naturverbundenen Naschkater“, der eine Kuschelmaus sucht?

Kleinanzeigen zu lesen erfordert Muße, die nicht mehr zu unserem schnelllebigen Lebensgefühl zu passen scheint. Auch die Kommunikationsmittel der Annonce wirken seltsam verstaubt. Wer mehr Informationen zum angepriesenen Objekt will, antwortet per Brief auf Chiffre-Nummern, ruft an oder mailt. Am Ende muss man die guten Gaben doch persönlich abholen und macht dabei so manche lehrreiche Erfahrung. Bei der Suche nach einem gebrauchten Fernseher traf ich auf eine chinesische Familie, die ihre ganze Wohnung den auseinandergenommenen Flimmerkisten überlassen hatte. Die Kinder spielten ganz selbstverständlich mit den Bildröhren und ich hatte eine Vorstellung davon gewonnen, wie die Wirtschaft in China funktionieren muss.

Die Suchfunktion im Internet erspart einem das Wühlen im Kleingedruckten und erweitert den Zugriff auf noch mehr Angebote. Doch wer die Wahl hat, hat die Qual. Mir sind schon Leute begegnet, die ihren Terminkalender nach den ebay-Auktionen richten, um im letzten Moment ihr Angebot erhöhen zu können. Am Ende haben sie einen Werkzeugkasten für sieben Euro ergattert und warten gespannt auf den Postboten: 1 - 2 - 3 - allein zu Haus. Vielleicht ist es manchmal tatsächlich besser, zu wollen, was man nicht hat, und nicht zu haben, was man nicht will.

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