Südafrika-Thriller von Pia Marais : "Layla Fourie": Ein Klima der Angst

Bei der Berlinale noch zurückhaltend aufgenommen, nun im Kino: Pia Marais’ leiser Suspense-Thriller „Layla Fourie“ – ein subtiles Porträt des heutigen Südafrika.

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Wer schweigt, der lügt. Layla (Rayna Campbell). Mit ihrem Sohn Kane teilt sie ein brisantes Geheimnis.
Wer schweigt, der lügt. Layla (Rayna Campbell). Mit ihrem Sohn Kane teilt sie ein brisantes Geheimnis.Foto: realfictionfilme

„Haben Sie schon einmal gelogen? Alkohol getrunken? Sind die Wände in diesem Raum grau?“ Scheinbar beiläufig reiht Layla Fourie (Rayna Campbell) Gewissensfragen und Faktenchecks aneinander und kontrolliert dabei die Ausschläge eines Lügendetektors. Die schmale schwarze Frau mit der modischen Glatthaarperücke hat sich selbst dem maschinellen Test ihrer Aufrichtigkeit unterzogen, als sie in Johannesburg den Job einer Sicherheitskraft antrat. Die umstrittene Technik, die zum Instrumentarium hartgesottener Verhörspezialisten gehört, wird im paranoiden Klima Südafrikas längst auch auf dem Arbeitsmarkt angewendet.

Pia Marais’ Film, der im Wettbewerb der Berlinale Premiere feierte, erzählt die existenzielle Zerreißprobe einer alleinerziehenden Mutter, die sich den Spielregeln umfassender Persönlichkeitskontrolle unterwirft, um reguläre Arbeit und soziale Sicherheit für sich und ihren siebenjährigen Sohn zu finden. Doch für den Platz in einer Nische der neuen schwarzen Mittelschicht bezahlt die Überlebenskämpferin einen hohen Preis.

Sicherheit ist in Pia Marais’ Geburtsland Südafrika mittlerweile eine umsatzstarke Industrie. Das Gefälle zwischen Arm und Reich erzeugt eine enorme Kriminalität, vor der sich die wohlhabenden Weißen und Schwarzen in bewachte Resorts und verschlossene Limousinen zurückziehen. Zäune und Scherengitter beherrschen das Inventar der Schauplätze von „Layla Fourie“ – ein sinnfälliges Bild für die Schranken, die die getriebene Protagonistin aus Selbstschutz um sich aufbauen zu müssen glaubt.

Ursprünglich recherchierte die in Berlin lebende Filmemacherin in Südafrika für einen Film über Exzentriker aus der weißen Bevölkerung, in Fortsetzung ihres viel beachteten Debüts „Die Unerzogenen“. Dann aber motivierte sie die von allgegenwärtigem Misstrauen geprägte Grundstimmung des Landes zu ihrer Geschichte um eine unaufrichtig-aufrichtige Sicherheitskontrolleurin. Als Layla (mitreißend intensiv: Rayna Campbell) den ersten Einsatz in einem Provinz-Kasino bestreiten soll und notgedrungen den kleinen Kane mitnehmen muss, glaubt sie sich nachts auf der Landstraße in eine Falle geraten – und verursacht einen Unfall, bei dem ein Mann stirbt. Getrieben von Skrupeln, Angst und der Unberechenbarkeit ihres Mitwissers verwischt sie die Spuren des Unglücks und tritt ihren Job an.

Immer tiefer verstrickt sie sich in halbherzige Vertuschungsversuche, als sich ausgerechnet Eugene (August Diehl), der Sohn des von ihr beseitigten Unfallopfers, als Fahrer bewirbt. Der resignierte Loser, ein Prototyp der abgedankten weißen Mittelschicht aus dem Landstrich um das Kasino, weiß um die schlechten Chancen, einen der zehn Prozent mieser Quotenjobs für Weiße zu ergattern. Der Frau, die am Lügendetektor über seine Zukunft mitentscheidet, begegnet er entsprechend frustriert.

Pia Marais und ihr Koautor Horst Margraf entwickeln eine subtile SuspenseDramaturgie, in der Blicke und Gesten die Gewissensnot hinter Laylas handfester Selbstkontrolle verraten. Seine Intensität verdankt der Film vor allem dem feinen Spiel zwischen Mutter und Sohn. Kane, der sich in der Kinderkrippe des Casinos langweilt, fühlt sich einerseits zu Eugene und dessen freundlicher Stiefmutter (Constanze Viljoen) hingezogen, nimmt jedoch deren Suche nach dem Verschwundenen als Bedrohung für sich und seine Mutter wahr. Also unternimmt er alles in seiner Macht Stehende, um eine Trennung zu verhindern. Eugene – von August Diehl erstaunlich „down to earth“ ohne die Marotten des großen Mimen verkörpert – kann der unglücklichen Layla kaum näherkommen. Pia Marais’ leiser Paranoia-Thriller ist das Porträt eines verzehrenden Überlebenskampfs, das Stimmungsbild einer gespaltenen Gesellschaft, das der Liebe zwischen Schwarz und Weiß vorerst wenig Hoffnung lässt.

In Berlin in den Kinos Eiszeit, Hackesche Höfe und Lichtblick (alle OmU)

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