Susan Sontag revisited : Die Erotikerin des Schwierigen

Zwischen moralischem Ernst und ästhetischer Ironie: Eine persönliche Erinnerung an die große amerikanische Intellektuelle Susan Sontag, die zehn Jahre nach ihrem Tod nun Gegenstand des Berliner Symposions "Susan Sontag revisited" war.

Steve Wasserman
Kritikerin, Kämpferin, Bürgerin. Die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag (16.1.1933 – 28.12.2004).
Kritikerin, Kämpferin, Bürgerin. Die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag (16.1.1933 – 28.12.2004).Foto: Ullstein Bild/Anita Schiffer-Fuchs

Kennengelernt habe ich Susan Sontag im Frühjahr 1974, bei einem Abendessen in Berkeley. Der Gastgeber war Robert Scheer, Autor eines der ersten Pamphlete gegen den Vietnamkrieg und früherer Chefredakteur der so eleganten wie radikalen Zeitschrift „Ramparts“, für die Susan in den späten 60er Jahren geschrieben hatte. Ich erinnere mich besonders an ihren Essay „Ein Brief aus Schweden“, der mit dem Satz begann: „Jedes neue Land macht die Erfahrung, dass es zuallererst eine Schlacht der Klischees austragen muss.“

Ich befand mich damals am Ende meines Studiums an der dortigen University of California, wo ich im Juni Examen machen wollte, und arbeitete unter der Hand als Rechercheur für Scheer. Er schrieb an einem Buch über multinationale Unternehmen und ein Phänomen, das später Globalisierung genannt wurde, das uns Linken aber damals unter dem Begriff Imperialismus vertraut war. In New York wollten Scheer und ich das Buch beenden. Er sollte bei seinem alten Kumpel Jules Feiffer wohnen, einem Cartoonisten, der für die „Village Voice“ arbeitete, und ich bei Sontag, die mich in ihre Dachgeschosswohnung am Riverside Drive 340 einlud, das frühere Atelier von Jasper Johns.

Ich erinnere mich gut an ihre Wohnung. Sie war von Sonnenlicht durchflutet und umgeben von einer großzügig bemessenen Terrasse, von der man auf den Hudson River schaute. Allerdings war sie spartanisch eingerichtet: Dielen, weiße Wände, hohe Decken; im Wohnzimmer ein einzelner Eames-Sessel und ein echter Mao von Andy Warhol; im Esszimmer ein großer Esstisch aus Eiche, der von langen Bänken flankiert war. In den Küchenschränken befanden sich ein Stapel Teller, ein paar Gläser und reihenweise alte Ausgaben der „Partisan Review“.

Gegen eine Wand im Schlafzimmer war ein eigentümliches Buntglasfenster aus Italien gelehnt, das einen gespenstischen Totenkopf zeigte, eine Art Memento mori, und neben ihrem Bett, auf einem Nachttisch, stand eine 24-Stunden-Uhr, die die Zeitzonen dieser Welt anzeigte. Am wichtigsten aber waren die Wände, die das Gewicht von 8000 Büchern trugen, einer Bibliothek, die Susan später ihr „persönliches Datenabfragesystem“ nannte. Zum Zeitpunkt ihres Todes, 30 Jahre später, beinhaltete es ganze 25 000 Bände.

Ich verbrachte den Sommer damit, mir den Hals zu verrenken, die Bibliothek zu durchforsten und zu begreifen, dass meine wirkliche Bildung jetzt erst beginnen würde. Ich entdeckte Hunderte von Schriftstellern, von denen ich noch nie gehört hatte, und solche, deren Name mir bekannt vorkam, die ich aber nie gelesen hatte. Aus mysteriösen Gründen fühlte ich mich von vier Bänden mit blauem Rücken magisch angezogen: „Die Tagebücher von André Gide“. Sie waren, wie viele andere in Susans Bibliothek, mit dünnen Bleistiftunterstreichungen und Anmerkungen gefüllt. Eine der Gide-Passagen beeindruckte mich zutiefst: „Wenn ich aufhöre, wütend zu werden, werde ich zu altern begonnen haben.“

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