Sven Drühl im Haus am Wannsee : Eisige Höhen

Romantische Coolness: Das Haus am Waldsee zeigt Sven Drühls künstlich ersonnene Landschaften. Insbesondere Caspar David Friedrich dient dabei als Inspiration.

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Kunstvoll kompiliert. Sven Drühls Gemälde „SDSS (Invers)“.
Kunstvoll kompiliert. Sven Drühls Gemälde „SDSS (Invers)“.Foto: CONRADS, Düsseldorf und Alexander Ochs Private © Sven Drühl, VG Bildkunst, Bonn 2016

Nein, Sven Drühl ist kein Bergsteiger. Er klettert keine Felswände hoch und mag nicht durchs Gebirge stapfen. Auch wenn seine Bilder anderes vermuten lassen. Steile Felsflanken malt er, mächtige Gletscher im Großformat, schroffe Gipfel. Grandios. Gnadenlos schön und eisig präzise. Aber diese Berge sind frei erfunden: nicht erlebte Natur, sondern kühl konstruierte Kulisse für Gedanken. Bilder über Bilder malt der 1968 geborene Künstler, dem das Haus am Waldsee jetzt eine Einzelschau widmet.

Seine von Weitem fotoreal wirkenden Landschaften mixt und sampelt der Künstler wie ein DJ, er klaut und klaubt sich aus der Kunstgeschichte sein Motivmaterial. Welche Vorbilder er zitiert, legen die Titel nüchtern offen. „C.D.F.C.D.F.C.D.F.“ ist kein Geheimcode, sondern verweist auf drei Zeichnungen Caspar David Friedrichs, die Drühl im großen Leinwandformat kompilierte. Den Dresdner Romantiker schätzt er besonders, er malte serienweise Eismeer, Ruinen, Berge à la Friedrich.

Jedes Bild der Natur ist vom Künstler konstruiert

Ihn locken die luftigen Höhen der Theorie, was ihn zum Gastherausgeber der Zeitschrift „Kunstforum International“ machte. In seinen Gemälden zeigt Drühl, dass Landschaftskunst immer schon pure Erfindung war, ob in Caspar David Friedrichs romantischen Weiten, Joseph Anton Kochs Idealnatur oder aktuellen Computerspielsettings. Jedes Bild der Natur ist vom Künstler konstruiert und ersonnen.

Zugleich mit der Kunst hat Sven Drühl Mathematik studiert. Den analytischen Blick merkt man seinen kühlen, kontrollierten Landschaftssimulationen an. Dahinter aber steckt unverblümte Leidenschaft für eines der klassischen Genres. Schon immer begeisterten ihn im Museum die Gemälde des 19. Jahrhunderts, wie er erzählt. Stundenlang hockte er davor, bis es den Aufsehern suspekt wurde. Mittlerweile nimmt der Künstler andere Bildquellen hinzu, lässt sich von Computergame-Herstellern deren Texturen und Outlines in Form von Vektordateien liefern. Er sammelt japanische Shin Hanga- Farbholzschnitte der zwanziger Jahre, in denen sich westliche und östliche Bildtradition mischen. Mal nimmt er eine Fotografie von Sebastião Salgado, mal ein Gemälde des Künstlerkollegen Eberhard Havekost, das er beim Atelierbesuch entdeckte. Jetzt leuchtet dessen Pflanzen- und Architekturmotiv aus rosa Neonröhren geformt in der Ausstellung: eine Landschaft aus nichts als Licht.

Bekannt wurde Drühl mit Silikonbildern

Drühl interessiert es auszutesten, wie weit sich ein Bild reduzieren lässt. Seine komplett schwarz in schwarz gemalten Landschaften werden nur vom Streiflicht, das durchs Fenster einfällt, zum Leben erweckt. Die pastos aufgetragenen Farbtexturen reflektieren das Licht und machen das Motiv sichtbar. Trickreich und effektvoll wirkt das. Drühl stört es nicht, wenn die Leute seine Bilder schön finden. Wer darin Reflexionen über Realität und Künstlichkeit erblickt, ist ihm ein Stück weiter hinter die Oberfläche des Sichtbaren gefolgt.

Als Maler frönt er einer peniblen Alchemie. Bekannt wurde er mit seinen Silikonbildern. Das klebrige Zeug aus dem Baumarkt spritzt Drühl direkt aus der Tülle auf die Leinwand, wie ein Installateur in die Fuge. Als erhabene Spur formt das Silikon auf dem Bildträger eine exakten Konturzeichnung, umreißt Felsformationen, Astwerk, Kiesel. Innerhalb dieses strengen Lineaments darf sich dann hochglänzende Lackfarbe frei entfalten. Den Autolack trägt Drühl mit Pinseln auf und freut sich, wenn die Farbe zu zufallsschönen Schlieren verfließt. Zum Schluss kommt partienweise noch die klassische Ölfarbe dran. Jahrelang experimentierte Drühl nach eigener Aussage, bis sich die disparaten Flüssigkeiten friedlich vertrugen. Jetzt, meint Drühl, halten seine Bilder gut. Das synthetische Silikon überdauere eh Jahrhunderte. Nach Jahrhunderten also sind die Linien seiner Landschaften immer noch da. Theoretisch jedenfalls. Als Gedankenspur.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, Di–So 11–18 Uhr. Katalog 18 €. Sa. 5.11., 18 Uhr, Swingtanz mit Sven Drühl. Weitere Bilder im Salon „Alexander Ochs private“ bis 11. 11., Mi–Sa 12–18 Uhr. Anmeldung: ochs@alexanderochs-private.com

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