Kultur : Sybille Lacan, die Tochter des Psychoanalytikers, klagt ihr Recht auf den Vater ein

Sigrid Weigel

Selten gibt es autobiographische Texte, durch die eine Theorie derart buchstäblich lesbar wird. Nicht als Schlüsseltext, durch die Veröffentlichung intimer Lebensspuren, in denen allzu gern nach Erklärungen für die Rätsel eines schwierigen, gar kryptischen theoretischen Oeuvres gefahndet wird. Der vorliegende "Fall" ist umgekehrt: in ihm geht es um das Nachleben eines Werks, dessen zentrale These postum in nahezu gespenstischer Weise durch die Schrift der Tochter beglaubigt wird. Denn diese liest sich wie eine leibhaftige Mimesis der Theorie des Vaters. Das Büchlein von Sibylle Lacan, vor fünf Jahren erschienen und in deutscher Übersetzung jetzt mit großzügigem Schriftbild auf gerade mal 78 Seiten gestreckt, ist in erster Linie als eine große Geste zu verstehen. Denn mit der Veröffentlichung ihrer Kindheitserinnerungen wird der Name des Vaters nicht nur coram publico als Eigenname reklamiert, sondern zugleich als Autorname der Tochter etabliert.

"Meine inzwischen verstorbene Schwester, mein älterer Bruder und ich waren die einzigen, die den Namen Lacan trugen. Und um diesen Namen geht es."

Wenn der eigenwilligste Erbe Freuds, der besonders an der Buchstäblichkeit einer Sprache des Unbewussten und des Begehrens interessiert war, die eigene Psychoanalyse unter das Gesetz im Namen des Vaters stellte, so hat er ausgerechnet in der Tochter, die er vom Vermächtnis ausschloss, eine Person gefunden, die ihn beim Wort genommen hat. Allerdings hat sie Jahrzehnte gebraucht, um ihr symbolisches Kapital, den legitimen Vaternamen, gegen die Übermacht des testamentarischen Erbes ins Spiel zu bringen. Erst als Fünfzigjährige und mehr als ein Jahrzehnt nach dem Tod Lacans (1981) konnte sie beginnen, aus ihren Tagebucheintragungen, Träumen und Erinnerungen ein Buch zu schreiben.

Sie hat ihm den Titel "Un père" - nicht mon père - gegeben. Der unbestimmte Artikel hebt den Vater in die abstrakte Sphäre des Symbolischen und führt ihn als Instanz, nicht als Person ein. Und exakt im Abgrund zwischen mon und père, in der Differenz zwischen ein und mein sucht die Schrift der Tochter ihren Ort. Über die allzubekannte, "normale" Abwesenheit des Vaters hinaus, aus der gewöhnlich dessen stabile Autorität entsteht, war der Vater für die Lacan-Tochter als Person nahezu gänzlich entschwunden. Und doch beherrschte seine symbolische Gestalt den Alltag der Restfamilie, war er als eine Art Vaterphantom allwesend. Während er vor dem Gesetz noch als Familienoberhaupt galt, weil er noch nicht von seiner ersten Frau Malou Bondin geschieden war, lebte er bereits als Vater einer anderen Tochter. Die hatte er mit seiner neuen Lebensgefährtin Sylvia Bataille in genau demselben Jahr wie das jüngste Kind seiner Noch-Ehefrau gezeugt. Auf diese Weise stand das Leben Sibylle Lacans schon vor ihrer Geburt im Zeichen einer Zurückweisung, wenn nicht Tilgung und Ersetzung durch eine andere, vom Vater verehrte, ja auserwählte Tochter. Ihr, die nie seinen Namen tragen würde, übertrug er sein Vermächtnis, indem er den Ehemann Judith Batailles als Verwalter seines Nachlasses, der von ihm begründeten Pariser "Ecole Freudienne" und seiner Schriften, einsetzte. Insofern ist das Buch "Ein Vater" auch ein Text, mit dem die legitime Tochter gegen den Clan anschreibt, ihr Recht und ihren Ort im Symbolischen einklagt. Das Schreiben als Gewinnung einer Existenz durch diejenige, die sich ausgelöscht, ohne anerkannte, vom Vater beglaubigte Existenz fühlte: ein Akt der Setzung, der gegen eine doppelte Zurücksetzung gerichtet ist. Doppelt, weil die Autorin sich nicht nur gegenüber der anderen Tochter, sondern auch als jüngste der drei Kinder ihrer Mutter benachteiligt erlebt und ihr Leben als Schattenexistenz wahrgenommen hat.

Zu dieser Geste einer Selbstbehauptung steht der Text, dem deutliche Spuren von Anstrengung und Verzweiflung anhaften, in einem merkwürdigen Kontrast. Als Genrebezeichnung hat die Autorin "Puzzle" und als Schreibweise ein psychoanalytisches Verfahren gewählt. Ihr Buch enthalte "keine Unze Fiktion". Das Gegenteil ist für sie nicht eine vermeintliche Wahrheit, sondern ein Schreiben, das den sie überwältigenden Erinnerungen folgt. Gemahnt ihr Hinweis auf deren "gebieterisches Auftreten" an eine talking cure, so stellt die nachträgliche Ordnung dieser dem Gedächtniszwang folgenden Szenen eine lebensgeschichtliche Abfolge her, ohne doch ein vollständiges Lebensbild zu entwerfen.

Etliche Begegnungen mit dem Vater, die hier versammelt werden, sind der Begebenheit nach den Lesern von Elisabeth Roudinescos Lacan-Biographie bereits bekannt. Doch anders als dort, werden sie hier nicht berichtet, um das Charakterbild einer moralisch verwerflichen Person zu zeichnen und die Diskrepanz zwischen Persönlichkeit und Werk herauszustellen. Wie anders klingen dagegen die Geschichten der Tochter, wenn diese selbst von den Wechselbädern aus Zuwendung und Missachtung erzählt, so zum Beispiel vom abrupten Bruch zwischen der Dramaturgie einer filmreifen Abschiedsszene - der Vater überreicht der abreisenden Tochter auf dem Bahnhof Orchideen - und dem monate-, oft jahrelangen Vergessenwerden. Bei ihr mischen sich Mitteilungen über erfahrene Kränkungen, Sätze unstillbarer Wut, mit der liebevollen Annäherung an die schwer greifbare, unbegreifliche Person des Verstorbenen.

Der "letzte Traum" von "einer großen Liebe", den die Autorin zum Abschluss verrät, verdichtet den Eindruck einer doppelten Signatur des Buches. Neben der Beglaubigung einer Theorie "im-Namen-des-Vaters", die die Tochter mit ihrem Text gleichsam unterschreibt, trägt er auch Züge einer Trauer- und Liebesschrift. Da aber der Liebesanspruch, der sein Objekt aufgrund von dessen Abwesenheit notwendig verfehlt, nach Lacan das Begehren begründet, folgt die Schrift der Tochter auch hierin dem Gesetz im Namen des Vaters.Sibylle Lacan: Ein Vater. Puzzle. Aus dem Französischen von Leopold Federmair. Deuticke, Wien / München. 78 Seiten, 19,80 DM.

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