Syrienkrieg : Eine Geschichte aus Damaskus: Rauch über dem schwarzen Bildschirm

Die syrische Schriftstellerin Salma Salem schreibt über ihr Leben in Damaskus, das Leiden und Sterben - und ihren Traum von einem friedlichen Tod.

Salma Salem
Blick über die Stadt. Damaskus im April 2016.
Blick über die Stadt. Damaskus im April 2016.Foto: dpa/Youssef Badawi

Seit einer Woche veröffentlichen auf weiterschreiben.jetzt Autoren und Autorinnen aus Krisengebieten (vor allem Syrien und Sinti- und Roma-Regionen) Kurzprosa, Poesie, Essays und literarischen Journalismus – Seite an Seite mit deutschsprachigen Autoren. So ist der Partner der unter Pseudonym schreibenden Syrerin Salma Salem, deren Text wir hier leicht gekürzt in der Übersetzung von Kerstin Wilsch dokumentieren, Sasa Stanisic. Bis Ende des Jahres sollen über 40 Texte veröffentlicht werden. Das Portal wird am morgigen Donnerstag, 18. Mai, um 19.30 Uhr in der arabischen Bibliothek Baynetna (Stresemannstr. 95/97, 10969 Berlin, 16. Stock) öffentlich vorgestellt. Seine Leiterinnen, die Schriftstellerin Annika Reich und Ines Kappert vom Gunda-Werner-Institut der Böll-Stiftung machen dabei unter anderem mit Galal Alahmadi, Ramy Al-Asheq, Lina Atfah, Annett Gröschner, Svenja Leiber und Ulla Lenze bekannt. Aus Sicherheitsgründen ist eine Anmeldung unter kontakt@weiterschreiben.jetzt erforderlich.

Sie machte sich wie gewöhnlich zur Zeit des Morgengebets zum Schlafengehen bereit. Das Gebet selbst interessierte sie nicht, doch ihre innere Uhr war auf die Zeit des Gebetsrufs eingestellt. Sobald sie den Muezzin „Das Gebet ist besser als der Schlaf“ rufen hörte, klappte sie ihren Laptop zu, ihre Einkommensquelle, wie sie ihn nannte, um ins Bett zu gehen.

Doch diesmal zerriss noch vor dem Gebetsruf eine Explosion im Osten von Damaskus die morgendliche Stille. Dann das Geräusch von Kampfflugzeugen. Die Stromversorgung war schon seit Stunden unterbrochen. Es war also nicht möglich, aus dem Fernsehen zu erfahren, was ein paar Kilometer entfernt von ihr passierte. Dort, an der östlichen Frontlinie, lebte der verbliebene Rest ihrer Familie.

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2000 Menschen aus Rebellenviertel in Damaskus fortgebracht
2000 Menschen aus Rebellenviertel in Damaskus fortgebracht

Die Geräusche wurden lauter, ihre Sorge wuchs. Was für eine Katastrophe ereignete sich dort gerade? Was geschah mit ihren Verwandten, die befugt waren, nach ihr zu fragen, falls sie nach einer Verhaftung, einer Explosion oder aus irgendeinem anderen Grund vermisst wurde? Die Verwandten im Osten von Damaskus waren ihre Stütze in diesem zermürbenden Krieg. Sie in Gefahr zu wissen, brachte sie fast um den Verstand.

Sie klebte am Bildschirm ihres Laptops, die Batterie wurde langsam schwach, und durchsuchte die Nachrichtenseiten der Opposition und der Anhänger des Regimes. Vielleicht würde sie dort etwas zu den Ereignissen finden. Doch sie stieß nur auf die Fotos der Opfer der Explosion am Justizpalast im Zentrum von Damaskus. Die Explosion hatte vor einigen Tagen mehr als 40 Menschen das Leben gekostet, die meisten von ihnen junge Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte. Zudem hatte es etwa 60 Verletzte gegeben – ein junger Mann, frischverheiratet, ein weiterer vor wenigen Monaten Vater geworden, eine junge Frau kurz vor der Hochzeit … Sie erinnerte sich an alle, während sie die lächelnden Gesichter auf den Fotos betrachtete. Einige von ihnen hatte sie vor ein paar Monaten im Café des Justizpalastes getroffen, als sie mit einer Freundin dort verabredet war, um sich in einer Gerichtssache von ihr beraten zu lassen.

Dutzende Leben verwandelt in ein Nichts

Zu verstehen, dass die lächelnden Gesichter auf den Fotos aus einer unwiederbringlichen Vergangenheit stammten, stürzte sie in tiefe Traurigkeit. Woher hatte der Todesengel all diese Energie, mit einem Mal Dutzende junger Leben auszulöschen? Hatte ihn die Lebenslust in ihren Augen nicht davon abhalten können? Irgendetwas stimmte nicht. Wie konnte der Selbstmordattentäter mit seinem Sprenggürtel durch die Kontrollpunkte rund um den Justizpalast gelangen, als die Angestellten ihn gerade verließen? Wie konnte er sich in die Luft sprengen und innerhalb eines Augenblicks Dutzende Leben in ein Nichts verwandeln? Wie konnte er Ströme von Blut über die zerstörten Treppen fließen lassen?

Die Batterie war leer, der Bildschirm wurde dunkel, der Morgen graute. Sie sah durch das Fenster dichten schwarzen Rauch im Osten der Stadt aufsteigen, der große Flächen des Frühlingshimmels verdeckte. Wolken aus Kummer und Sorgen, die die Herzen erfüllten, während Flugzeuge vom Typ Suchoi weit oben durch den Himmel zogen, um dann eine Kurve zu drehen und plötzlich ihre niederträchtigen Angriffe auszuführen. Ebenso spiralförmig, wie sie nach unten geflogen waren, schraubten sie sich wieder an den Ort zurück, von dem sie gekommen waren. Es war schon fast Mittag, die Stromversorgung immer noch unterbrochen, als sie in unmittelbarer Nähe Geschosse aus verschiedenen Richtungen hörte. Die Sirenen der Rettungswagen ertönten ununterbrochen. Sie hatte nicht geschlafen und wusste immer noch nicht, was um sie herum geschah.

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