Kultur : Szenen einer Ehe

Der Großsammler Hans Grothe hat seine Schätze verkauft – und alarmiert damit nicht nur die Museen in Bonn und Duisburg

Bernhard Schulz

Der Sammler hatte vorgebaut. „Ich behaupte nicht, ein vollständiges Kapitel deutscher Kunst zu zeigen“, erklärte Hans Grothe zu Beginn der Präsentation seiner Schätze im Martin-Gropius-Bau Ende 1999, „sondern meine ganz persönlichen Vorlieben. Deswegen habe ich in Berlin auch nichts zu verlieren.“

Ohne solch weise Voraussicht hätte man die Ausstellung „Gesammelte Räume, gesammelte Träume“ als Flop bezeichnen müssen, gemessen an der enttäuschenden Besucherresonanz. Umso stärker hallt jetzt das Echo des jüngsten Sammler-Coups wider. Der knapp 75-jährige Immobilienunternehmer Grothe hat – wie vor drei Tagen bekannt wurde – nahezu seine komplette Sammlung von rund 700 Werken deutscher Gegenwartskunst verkauft, und zwar an die bislang nicht an die Öffentlichkeit getretenen, milliardenschweren Darmstädter Sammler Sylvia und Ulrich Ströher. Über den Kaufpreis kursierte die Zahl von 50 Millionen Euro – geschätzt angeblich vom Bonner Kunstmuseumsdirektor Dieter Ronte, der inzwischen aber dementiert hat. Schließlich wurde zuvor für die Grothe-Sammlung von einem Wert zwischen 120 und 200 Millionen Euro geraunt.

Was wie ein gewöhnlicher, wenn auch vom Umfang her bemerkenswerter Deal zwischen zwei Sammlern aussieht, hat ein gewaltiges Beben in der deutschen Kunstwelt ausgelöst. Alle sind betroffen: die Museen, die Kommunen, die Sammler und natürlich auch der Kunstmarkt. Mit ihm war Grothe zuvor schon empfindlich angeeckt, als er im Jahr 2001 seine Fotografiesammlung mit Arbeiten von Ruff, Struth, Gursky und den Bechers via Christie’s versteigern ließ. Rund 15 Millionen Dollar kamen damals in den beiden Auktionen in London und New York zusammen. Unter anderem die Kölner Galeristin Monika Sprüth, über die der Großteil der Werke angekauft worden war, hatte das Nachsehen, hatte sie doch Grothe stets „Museumsrabatt“ eingeräumt. Jetzt sah sie sich mit jenem preisverändernden Sekundärmarkt konfrontiert, den die Auktionsriesen mehr und mehr neben dem Primärmarkt der Galerien etabliert haben.

Museumsrabatt hatte Grothe – auch bei Künstler-Direktkäufen – stets deshalb einfordern können, weil seine Sammlung ja anscheinend auf Dauer fürs Museum bestimmt war. Mit dem Kunstmuseum Bonn ist er seit vielen Jahren aufs Engste liiert; seiner Heimatstadt Duisburg, wo der erklärte Selfmademan 1930 geboren wurde, hat er – freilich mit Zuschüssen von Land und Stadt – im April 1999 das Museum Küppersmühle „geschenkt“, das als weiterer Stützpunkt seiner ausufernden Sammlung konzipiert und von den Basler Weltstars Herzog und de Meuron in ein backsteinernes Hafengebäude gezaubert worden war. Beide Häuser bauten auf Dauerleihverträge, deren Laufzeit mittlerweile bis zum Jahr 2025 reicht; versehen freilich mit zahlreichen Fußangeln, was die Eingriffs- und Austauschrechte des Eigentümers angeht.

Mit Sicherheit wussten die Museen nur, dass ihnen die gesamten Kosten für Lagerung, Versicherung und Konservierung der Grothe-Sammlung zufielen. Was sie hingegen zeigen durften, blieb letztendlich dem Sammler anheim gegeben. Und nicht jede Umschichtung brachte Gewinn. Besonders bitter fiel der Verlust von Gerhard Richters frühem Schlüsselwerk „Stadtbild Madrid“ von 1968 ins Gewicht, das in der Eröffnungsausstellung der Küppersmühle gehangen hatte, vor zwei Jahren aber für neun Millionen Dollar über den Auktionstisch ging. Da steckte der Sammler augenscheinlich schon einmal in jenen Geldnöten, die auch jetzt wieder als Anlass für den wie ein Notverkauf anmutenden Deal mit dem Ehepaar Ströher vermutet werden.

Über Grothes Immobilienimperium ist viel spekuliert worden. In Berlin hat er unter anderem das Ku’damm-Eck neu (und höher als zuvor) bebaut. Das muss hier nicht interessieren; was aber die Kunstwelt aufschreckt, ist die Verschränkung beider Bereiche, der Immobilien und der Kunst. In Berlin baut sich Grothe von besagtem Ku’damm-Eck weiter die Joachimsthaler Straße entlang. Derzeit liegt er mit den Behörden im Clinch, weil er höher bauen will, als der Bezirk zulässt. Dort aber soll – soll! – Grothes „Anselm-Kiefer-Museum“ oder „-Akademie“ entstehen, für das er einen Teil seines 48 Bilder umfassenden Kiefer-Konvoluts aus dem Verkauf an Ströhers ausgenommen hat. Museum gegen Baugenehmigung nach Wunsch, das ist offenbar die Devise.

Im Umgang mit öffentlichen Einrichtungen zeigt sich der gelernte Maurer und studierte Architekt Grothe wenig zimperlich. Das Bonner Kunstmuseum, 1984 geplant und 1992 eröffnet, sah sich als erste und einzige Adresse der Grothe-Kollektion, bis Duisburg hinzukam – und der schließlich gescheiterte Wunsch einer zusätzlichen „Kunstkiste“ zwischen Kunstmuseum und Bundeskunsthalle, um die ausufernde Sammlung umfangreicher zeigen zu können. Die Leihverträge folgen höchst einseitig den Vorstellungen des Sammlers, die, wie sich jetzt zeigt, nicht den mindesten Schutz gegen Überraschungen bieten.

Überraschend bekommen es die Museen nun also mit neuen Eignern zu tun. Über das Ehepaar Ströher ist wenig bekannt. Mit Ausnahme einer Vorab- Homestory in der „Zeit“ schotten sie sich gegen die Öffentlichkeit ab. Sylvia Ströher ist Miterbin des „Wella“-Haarpflegeunternehmens, das die Familie vor einigen Jahren für acht Milliarden Dollar in die USA verkauft hat. Als Sammler schätzen Sylvia und Ulrich Ströher bislang abstrakte Kunst von Saura bis Vedova und insbesondere deutsches Informel, ohne dass ihre Sammlung, einen derart entschiedenen Charakter trüge wie die des stets auf wenige Künstlerstars fixierten Grothe.

Das Sammlerpaar will zwar in die Verträge eintreten – doch erst in vier Wochen wird der Kauf von Grothes Sammlung rechtskräftig; bis dahin können beide Seiten zurücktreten. Ströhers verhandelen derzeit über weiter gehende Wünsche, die eigene, rund 800 Stücke umfassende Sammlung betreffend. Da ist mit einem Mal davon die Rede, dass diese „stärker als bisher der Öffentlichkeit zugänglich gemacht“ werden müsse. Oder dass Bonn anderen Museen Werke zur Verfügung zu stellen habe, wenn das Sammlerpaar dies wünsche, anders gesagt: wenn es seine Sammlung im internationalen Leihbetrieb sichtbar zu machen wünscht. Glücklich zeigt sich allein der mit Grothe eng verbandelte Direktor des Museums Küppersmühle, Walter Smerling: „Wir haben jetzt einen viel größeren Fundus an Bildern und können zusammenfassend die deutsche Nachkriegskunst präsentieren.“

Eine Pikanterie am Rande ist es, dass Sylvias Großonkel Karl Ströher die früheste deutsche Sammlung von Pop-Art aufgebaut hat – weit vor Peter Ludwig. Diese Sammlung wurde nach dem Tod des Sammlers verstreut. Ihr Kern bildet den Grundstock des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, das regelrecht um die key works von Warhol und Lichtenstein herumgebaut wurde. Dass das Frankfurter Haus seine liebe Not mit anderen Privatsammlern hat – so wurde vor wenigen Wochen die dort deponierte Sammlung Bock abtransportiert –, passt in das gegenwärtige getrübte Bild von der Beziehung zwischen Sammler und Museum.

„Der Sammler geht voran“, jubelte 1969 der damalige Kölner Museumsgeneraldirektor, als Peter Ludwig seine Schätze erstmals öffentlich machte. Es war der Beginn einer euphorischen Zeit. Mit Grothes knallharten Transaktionen wird die Euphorie wohl verfliegen. Die deutschen Museen insgesamt müssen ihr bisweilen geradezu flehentliches Werben um private Gunst überdenken.

In jedem Unternehmen, das sich strategisch dermaßen verrannt hätte wie das Kunstmuseum Bonn, würde man eine energische Neuausrichtung betreiben müssen. Ronte, allzeit Erfüllungsgehilfe Grothescher Ansinnen, steht indessen nicht für einen Neubeginn, wie er sich als Alternative zu der verdoppelten Bürde einer bloß dienenden Pflege der nunmehr 1500 Arbeiten umfassenden Sammlung Ströher empfiehlt. Die ehrgeizige Illusion, mit Hilfe von Privatsammlern unter den Großen der Gegenwartskunst mitsegeln zu können, dürfte zerstoben sein.

Die zurückhaltende Resonanz, die Grothes Schätze 1999/2000 in Berlin fanden, könnte ein Indikator sein für die tatsächliche Bedeutung der Gegenwartskunst in der Öffentlichkeit. Das Interesse an der Flick-Collection steht, ihrer besonderen Umstände halber, dieser Einschätzung nicht entgegen. Grothes Coup kann heilsam wirken: als Anstoß zur Neubestimmung des spannungsvollen Verhältnisses von Sammler und Museum, von privatem Ehrgeiz und öffentlicher Kulturpflege. Auch der Markt dürfte seismographisch reagieren. Wenn nämlich dem Handelskreislauf vermeintlich auf Dauer entzogene Kunstwerke erneut zirkulieren – wie eben die Grothesche Fotografie-Abteilung –, kann sich die Anleger-Hoffnung auf stete Wertsteigerung als Fehlspekulation erweisen. Manche der Großkünstler unserer Zeit sind wohl doch nicht so exklusiv, wie ihre Repräsentation in Sammlungen à la Grothe glauben macht. Es kommt Bewegung auf.

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