Kultur : Tag des Zorns

Ernsthaft und sinnlich: Verdis „Requiem“ an der Komischen Oper.

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Foto: Gunnar Geller
Foto: Gunnar Geller

Alexey Antonov und Stefano Secco sitzen Seite an Seite auf der Bühne der Komischen Oper, hinter ihnen ist jeder Quadratzentimeter besetzt, mit dem Orchester, den Chorsolisten, den Gästen vom Ernst-Senff-Chor. Leichenblass ist der russische Bass, starrt vor sich hin, als wohne er seinem eigenen Begräbnis bei. Den italienischen Tenor irritiert das, er lässt seinen Blick unentwegt auch im Saal umherschweifen, als wolle er sagen: Macht Euch doch locker und genießt einfach diese herrliche Musik! Zwei unterschiedliche Interpretationsansätze für Giuseppe Verdis „Requiem“, dargestellt als Minenspiel.

Henrik Nanasi, der junge Chefdirigent des Hauses, wählt für seine Interpretation des Werkes einen Mittelweg. Berührend durch große Ernsthaftigkeit und dabei doch auch sinnlich, dramatisch effektsicher, ohne deshalb ins Plakativopernhafte abzugleiten. Aufmerksam folgen ihm die Musiker wie auch die von David Cavelius ideal vorbereiteten Sängergruppen. Eindringlich gelingen die stillen Momente, die Passagen innerer Einkehr. In den Ausbrüchen kollektiver Todesangst wird dagegen mehrfach die Grenze des akustisch Zumutbaren im intimen Zuschauerraum erreicht. Fast fürchtet man bei diesem Dies Irae, diesem „Tag des Zorns“, der Stuck könnte von den Wänden gesprengt werden.

Es ist ein Glücksfall des Abends, dass die vier Solisten kein charakterliches Quartett bilden, sondern als grundverschiedene Charaktere nebeneinander stehen. Weil dadurch klanglich klar wird, was Verdi komponieren wollte: Ein „Requiem für die Lebenden“ nämlich, ein Werk, das sich von allen religiösen Dogmen löst und die Menschen direkt anspricht – in ihren ganz individuellen Haltungen zur Endlichkeit des Daseins. Stefano Secco repräsentiert dabei den inbrünstig Glaubenden, der seine Gebete mit theatralisch und prachtvoller Italianità herausschmettert. Alexey Antonov dagegen gibt den Gottesfürchtigen, der zitternd ums Seelenheil fleht. Sopranistin Katia Pellegrino wird im „Libera me“ zur gramgebeugten Hinterbliebenen am Grab des Geliebten. Ein geradezu erzengelhaftes Sendungsbewusstsein schließlich zeigt Karolina Gumos – und wird damit zum emotionalen Zentrum der Aufführung. Große Begeisterung. Frederik Hanssen

noch einmal am heutigen Sonntag

um 16 Uhr

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