• Tal Balshai und seine Musik zu "Der große Sprung": Slapstick auf Tasten: Werner Richard Heymann neu bearbeitet

Tal Balshai und seine Musik zu "Der große Sprung" : Slapstick auf Tasten: Werner Richard Heymann neu bearbeitet

Das Babylon Mitte feiert den Stummfilm. Auch die schräge Bergkomödie „Der große Sprung“ ist dabei. Tal Balshai hat sie neu vertont - basierend auf der Musik von Werner Richard Heymann.

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Geboren in Jerusalem. Tal Balshai in seinem Studio in Charlottenburg.
Geboren in Jerusalem. Tal Balshai in seinem Studio in Charlottenburg.Foto: David Heerde

Ski fahren? Tal Balshai schüttelt den Kopf. „Wo denken Sie hin, ich bin Israeli, die laufen nicht Ski!“ Und mehr als das Matterhorn, das er gesehen hat, als er in Zermatt auf Konzertreise war, imponiert ihm dann doch der Berg Sinai. „Aber diesen Skifahrerfilm kann ich trotzdem lustig finden“, sagt er und zeigt auf den Computermonitor. Tochter Alma steht daneben und nickt. Gerade hat sie noch im mit Flügel, Keyboard, Noten, CDs und Büchern vollgestopften Studio ihres Vaters in einem Charlottenburger Hinterhof gesessen und zugeschaut, wie ein komischer Kerl in einem absurd aufgepumpten Anzug auf Skiern einen verschneiten Abhang runtersaust. Im Film natürlich, genauer gesagt in Arnold Fancks Komödie „Der große Sprung“, den der Bergfilm-Pionier 1927 in Österreich am Arlberg gedreht hat. „Alma ist mein Publikum, wenn ich die Musik übe“, sagt der Pianist und Komponist.

Auf Anregung des Enkels von Arnold Fanck und der Tochter von Werner Richard Heymann hat Tal Balshai für den Film eine Musik aus Heymann-Melodien und eigenen Motiven arrangiert, die am Sonntag beim Festival „Das gibt’s nur einmal“ im Babylon Mitte uraufgeführt wird.

Er kenne keinen anderen deutschen Stummfilm, der so klamaukig ist. So was komme bei Kindern prima an. „Das ist genau die Art von Humor, die man in Deutschland immer vermisst.“ In jedem Fall im Filmschaffen von Arnold Fanck, der zwar als Meister der Ästhetisierung majestätischer Bergwelten bis heute filmische Maßstäbe setzt, aber im von ihm 1913 quasi erfundenen Genre meist mit heiligem Ernst am Mythos einer den Menschen überragenden Natur feilte.

Tal Balshai will keine musikwissenschaftliche Rekonstruktion machen. Sondern lebensfrohe, spaßige Musik.

Das brachte dem in den Zwanzigern und Dreißigern überaus erfolgreichen Regisseur von Filmen wie „Die weiße Hölle vom Piz Palü“ und „SOS Eisberg“ erst einen protofaschistischen Ruch ein, 1940 trat er dann - wenn auch wohl aus pragmatischen Gründen – in die NSDAP ein. Seine in jedem Fall stramm deutsch-nationalen Ansichten hielten Fanck jedoch nicht davon ab, die das Genre wunderbar karikierende Posse „Der große Sprung“ vom jüdischen Komponisten Werner Richard Heymann vertonen zu lassen. 1927 noch eine ganz naheliegende Idee, weil Heymann, der später ungemein populäre Musiken wie die der Tonfilm-Operette „Die Drei von der Tankstelle“ komponierte, von 1926 bis zum Rausschmiss durch die Nazis 1933 auch Generalmusikdirektor der UFA war.

Auch die Besetzung ist ein Spiegel der deutschen Realität in der Weimarer Republik: Leni Riefenstahl spielt ein unfassbar sportives Hirtenmädel und lässt sich beim Dreh mit dem von ihr verehrten Fanck von seiner Naturfilmästhetik und technischen Versessenheit für ihre eigene Regisseurinnenlaufbahn inspirieren. Der Vorzeige-Tiroler Luis Trenker, der bei Fanck seine ersten Filmmeriten erwarb, gibt den Dorfdeppen statt des sonstigen Berghelden. Und der jüdische Kabarettist Paul Graetz und Fancks späterer Kameramann Hans Schneeberger spielen zwei selten dämliche Berliner, die weder Ski fahren noch bergsteigen können. Zehn Jahre später wären weder diese Mischung noch die Haltung des Films denkbar gewesen. Paul Graetz und Werner Richard Heymann, dessen Partituren für „Der große Sprung“ verschollen sind, sind beide 1933 emigriert.

„Was ich mache, ist keine musikwissenschaftliche Rekonstruktion“, sagt Tal Balshai, meine Musik soll genauso lebensfroh, spaßig und absurd sein wie der Film.“ Dafür verwebt er Heymann-Lieder wie „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen“ oder „Irgendwo auf der Welt“ mit eigenen Motiven und würzt sie mit alpinen Jodeleinlagen. Die bestreiten live die als Sängerin und Schauspielerin nicht ganz unbekannten Damen Katharine Mehrling und Stella Maria Adorf, Balshai selbst sitzt natürlich am Klavier.

"Musik mit Wortern wirkt stärker als ohne"

Von einem Herrn namens Heymann hatte der 1969 in Jerusalem geborene Musiker nie etwas gehört, als er sich 1992 zum Tonmeister-Studium an die UdK, die damals noch Hochschule der Künste hieß, aufmacht. Deutsche Wurzeln hatte er ebenso wenig wie Sprachkenntnisse. Aber dann verliebte er sich nach einem ruppigen Start im wintergrauen Berlin ganz langsam: in die Stadt, die Musik, die Sprache. Inzwischen gehört für Tal Balshai, der lange mit einem Jazztrio aufgetreten ist, Sprache sogar zwingend dazu. „Musik mit Wörtern wirkt stärker als ohne, die Verbindung zum Text macht mehr daraus.“ Zumindest wenn es Texte von Größen wie Robert Gilbert oder Walter Mehring sind, die für Heymann geschrieben haben. Und wenn Dagmar Manzel sie singt, für die Tal Balshai jüngst ein Heymann-Programm arrangiert hat. Entdeckt hat er ihn schon ein paar Jahre zuvor für den mit Angela Denoke erarbeiteten Liederabend „Von Babelsberg nach Beverley Hills“, der aus Deutschland vertriebenen jüdischen Komponisten wie Heymann gewidmet war. Der Mann sei ihm zur Leidenschaft geworden, sagt Tal Balshai, aber nicht zur Mission. Er bewundert die Gabe des Komponisten, die Quintessenz eines Liedes in zwei Harmonien einzufangen. „Und mir gefällt seine Haltung. Das Lebensbejahende der Musik, die Liebe zum Kosmos.“ Und zu den Menschen? Da wird der Heymann-Interpret vorsichtig. „Jein – zu denen eher bedingt.“

Dafür hatte der im Exil für mehrere Filmmusik-Oscars nominierte Komponist, der 1951 nach Deutschland zurückkehrte und 1961 in München starb, gute Gründe. Einen kennt die Fama: 1957 bewirbt sich Werner Richard Heymann in Bayern um die Wiedererlangung der deutschen Staatsbürgerschaft. Daraufhin wird er auf der Behörde zu seinen Kenntnissen der deutschen Kultur befragt und soll ein Volkslied singen. Er stimmt seinen Hit „Das gibt’s nur einmal“ an – ohne sich als Komponist zu nennen – und wird prompt eingebürgert. Es ist halt Qualität, die sowohl Bürokraten- als auch Kinderherzen wie das von Alma erweicht.

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