Talkshow-Eklat : Katja Riemann und die Vollverblödung

Super-Zicke oder Heldin in der Vorabendhölle? Über Katja Riemanns Gesprächsverweigerung am vergangenen Donnerstag in einer NDR-Sendung gehen die Meinungen auseinander. Fakt ist: Riemann selbst hat die Dinge, die sie dort für zu intim fürs Fernsehen erklärte, an anderer Stelle auf der gleichen Welle ausgebreitet. Eine Betrachtung.

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Bereit für die volle, die ganze Distanz: Katja Riemann und Hinnerk Baumgarten fanden in der NDR-Sendung "DAS!" nicht zueinander.
Bereit für die volle, die ganze Distanz: Katja Riemann und Hinnerk Baumgarten fanden in der NDR-Sendung "DAS!" nicht zueinander.Screenshot: Tsp

Für die Crème des Medienjournalismus war es offenbar großes Kino: wie die Schauspielerin Katja Riemann am Donnerstag in der NDR-Sendung „DAS!“ Moderator Hinnerk Baumgarten auflaufen ließ. Stefan Niggemeier hatte am Freitag in seinem Blog den Ton gesetzt, indem er den Clash einer „schwierigen Schauspielerin“ – was ambivalent ist – mit einem „überforderten Sachenwegmoderierer“ – was vernichtend ist – konstatierte. Am Sonntag legte Johanna Adorján in der „FAS“ nach: Riemann habe sich, so habe man überall lesen können, „schlimm danebenbenommen“. Dabei habe sie sich nur nicht an die Vereinbarung gehalten, „vollverblödetes Fernsehen“ zu machen.

Abgesehen davon, dass man keineswegs – die Debatte hatte mit Niggemeier ja differenziert begonnen – „überall“ lesen konnte, Riemann habe sich schlimm danebenbenommen: Es hat in der Geschichte großartige Provokateurinnen und Provokateure gegeben, im weitesten Sinn „glaubwürdige“ Exzentriker, deren Verhalten, wenn es auch Otto Normalbenehmer erröten ließ, dubiose Medien- und Gesprächssituationen grandios hinterfragt hat. Klaus Kinski konnte das in seinem Furor, John Lennon mit Spott, Marlene Dietrich durch Arroganz.

Und es gibt Kommunikationsverweigerung, die einer Situation nichts hinzufügt. Katja Riemann hätte auf Baumgartens halsbrecherischen Übergang vom Betroffenheitsmodus nach der Nachricht vom Tod der Schauspielerin Rosemarie Fendel zu Banalitäten rund um ihre Haartracht vielleicht ja etwas weniger einsilbig, vielleicht mit ein paar Gegenfragen reagieren können: Was ist das Ziel dieses Gesprächs? Können wir die Maschine kurz anhalten und trauern? Nicht, weil sie, sichtlich angegriffen, dazu verpflichtet gewesen wäre. Sondern um jenen Erkenntnismoment zu erzeugen, der nun in einem Gespräch gesucht wird, das einfach gescheitert ist.

De facto bleibt Bockigkeit, die spätestens dann zur zickigen Momentaufnahme wird, wenn man sich bei Youtube ansieht, wie Riemann in einer älteren Folge der NDR-Latenight „Inas Nacht“ der Reihe nach all das in den Fokus rücken lässt, was sie bei Baumgarten abblockt: alte Projekte, die Locken, der Heimatort, dessen Verbindung zu ihr – das erklärt sie bei „DAS!“ nach einem Einspielfilm – niemanden etwas angehe, da "unheimlich intim". Bei „Inas Nacht“ erzählt Riemann recht locker davon, wie die Mutter dorthin aufs Land zog, wo man sich nackt im Garten sonnte, woraufhin der Vater die Mutter später zum zweiten Mal heiratete. Die Frage, die sich da stellt, ist durchaus interessant: Wie bekommt man Katja Riemann dazu, sich im TV mit etwas zu befassen, was sie an anderer Stelle kategorisch für nicht dorthingehörend erklärt? Eine Kämpferin wider die Vollverblödung ist Riemann dabei aber sicher nicht.

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