"Tannhäuser" an der Berliner Staatsoper : Fleisch gegen Geist

Daniel Barenboim und Sasha Waltz, das passt gut. Ihre erste Zusammenarbeit an der Berliner Staatsoper, Richard Wagners "Tannhäuser", ist ein Triumph.

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Das Publikum kam voll auf seine Kosten: Sänger Peter Seiffert (vorn), als Tannhäuser, und Ann Petersen als Elisabeth.
Das Publikum kam voll auf seine Kosten: Sänger Peter Seiffert (vorn), als Tannhäuser, und Ann Petersen als Elisabeth.Foto: dpa

Wer könnte leugnen, dass es am Ende ein Triumph war. Ein ungebremstes Sichfeiern, mit einer strahlenden Sasha Waltz, die vor Daniel Barenboim auf offener Bühne niederkniet. Mit Sängern, die endlich ihre dicken Brillengestelle abnehmen dürfen und damit ins Publikum winken, mit einem geschundenen Helden, der in die Runde feixt wie der Klassenclown beim Schulball. Die Erleichterung nach diesem Festtags-„Tannhäuser“ in der Staatsoper ist groß. Sie markiert das Ende einer Kunstanstrengung, die im Vorfeld quasireligiöse Züge angenommen hatte, was die Verehrung einerseits und das Schweigen andererseits angeht. Denn bewundern durfte man das Paar Waltz-Barenboim vorab gerne, bitte auch fotografieren, es nach einem Warum seines Tuns befragen, aber nicht. Da ließ der Maestro eigens geladene Journalisten sitzen und entschwand grußlos.

Dieser erklärte Unwillen zu kommunizieren unterscheidet das Berliner „Tannhäuser“-Team grundsätzlich von Richard Wagner. Der hätte nie zugelassen, ein Programmheft ohne jeden Bezug zur Inszenierung zu drucken, ohne geistigen Anhalts- oder gar Absprungpunkt. Triste Pflichterfüllung zwischen Hochglanzdeckeln, einem totalen Kontrollwillen geschuldet, der fürchtet, damit konfrontiert zu werden, Erwartungen geweckt und nachweislich nicht befriedigt zu haben. Schließlich hat das hier ganz anders auszusehen mit der Wunscherfüllung: Barenboim ist es, der ermöglicht, was der hartherzige Senat verweigert. Er gibt Sasha Waltz und ihren Tänzern gut bezahlte Arbeit in Berlin. Es wird nicht die letzte sein. Und in der nächsten Saison trägt auch die Deutsche Oper dazu bei, der Stadt eine Ikone zu erhalten. Nur Barrie Kosky zögert noch. Verständlich, wenn man diesen „Tannhäuser“ sieht.

Dessen Geschichte beginnt mit der minder originellen Idee, diese Wagner-Oper, die nach Pariser Opernkonvention ein heiß umkämpftes Ballett beinhaltet, gleich ganz in die Hände einer Choreografin zu legen.

Ausweg aus der Altherrenoptik

Bislang durfte die Ballettsparte meist nur ein bisschen Venusberggespreize zum Abend beitragen, außerdem galt der Blick in die Grotten der Lust stets als von Altherrenoptik dominiert. Davon ist Sasha Waltz naturgemäß frei. Für sie dirigiert Barenboim nun einen Zwitter aus der frühen Dresdner Fassung mit späterem Pariser Bacchanal. Dieser musikalische Verweis auf eine Kultur, in der Oper und Bordell noch nicht strikt getrennte Wege gingen, hätte durchaus seinen inhaltlichen Reiz. Man muss nicht Baudelaire sein, um zu erkennen, dass im „Tannhäuser“ zwei Prinzipien widerstreiten, in einer Brust: Hier tobt ein „Kampf zwischen Fleisch und Geist, Hölle und Himmel, Satan und Gott.“ Wagner hat diesen Zwiespalt, der sein eigener war, nie überwinden, nur kunstvoll verschleiern, ins Kunstreligiöse entrücken können.

„Ich bin der Welt noch den Tannhäuser schuldig“, diktierte der Komponist Cosima kurz vor seinem Tod in Venedig, den Chor der Pilger singend. Götz Friedrich hat aus diesem Satz einst eine schlüssige Regiearbeit entwickelt. Jetzt ist es an Sasha Waltz, der „Körper“-Choreografin, Wagners Scheitern zum Leuchten zu bringen. Doch geht das überhaupt? Sind nicht Tänzer per se eine Verkörperung dessen, dass die Synthese aus Geist und Fleisch möglich ist? Ein Garant für Erotik sind sie jedenfalls nicht.

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