''Tannhäuser'' : Wer jetzt keine Rüstung hat

Vortanzen einer Intendantin: Kirsten Harms inszeniert "Tannhäuser" an der Deutschen Oper Berlin - mit Mut zum Pathos.

Christine Lemke-Matwey
Tannhäuser
"Tannhäuser" in der Inszenierung von Kirsten Harms. -Foto: dpa

Da halten sie denn Hof im Eingangsfoyer der Deutschen Oper an diesem ersten Advent und schreiten zu Gericht: der Regierende Bürgermeister und amtierende Kultursenator Wowereit nebst Attaché André Schmitz und all die Herren und Damen Landeskulturpolitiker. Auf dem Programm: Wagners „Tannhäuser“, ein Künstlerdrama über den ewigen Zwist der zwei Seelen, ach, nicht nur in der Künstlerbrust, über das Gebeuteltsein des Menschen und Mannes zwischen Sinn und Verstand, Apoll und Dionysos, zwischen Elisabeth, huch, der Keuschen, und Venus, oh, der Verführerin. Ohne finale Erlösung, versteht sich.

Regie führt die Intendantin selbst, und die Absurdität, die lastende Ungerechtigkeit der Situation steht ihr beim Schlussapplaus deutlich ins Gesicht geschrieben. Notorische Buhkaskaden aus den Rängen für ihr Team (Bühnenbild, Video und Kostüme von Bernd Damovsky, Choreographisches von Silvana Schröder), Ovationen, teilweise, für die Solisten, vor allem aber für den großartig agierenden Chor (Einstudierung William Spaulding). Wie dieser den Pilgerchor im dritten Akt von allen Tümlichkeiten befreit und mit intimsten, zerbrechlichsten, todessüchtigsten Pianissimi zur Gänsehautnummer macht, mit welcher Klangkultur sich die Sängerinnen und Sänger den militanten, ja blasphemischen Überwältigungsstrategien dieser Partitur hingeben, das ist hohe Theater-Kunst.

Über was also mögen die verantwortlichen Herren an diesem Premierenabend befunden haben, was steht zur Disposition? Dass eine fabelhafte Regisseurin sehr wohl eine mittelprächtige Intendantin sein kann und vice versa (im Falle Peter Mussbachs an der Staatsoper zerriss man sich darüber erst spät das Maul)? Dass sich Frauen in Führungspositionen mit Taktik und öffentlicher Selbstdarstellung schwer haben? Darüber wird an der Bismarckstraße debattiert, seit es Kirsten Harms an der Bismarckstraße gibt. Mal zuckt das Zünglein an der Waage in die eine, mal in die andere Richtung.

Neuerdings zuckt es allerdings mehr in die eine – auch wenn dieser „Tannhäuser“ zweifellos Harms’ geschlossenste und überzeugendste Inszenierungsleistung darstellt. Diese Frau will, und das demonstriert sie auch. Nimmt man den Götz-Friedrich-Touch ihrer Ästhetik in Kauf, das hartnäckig Altbackene eines solch opulenten Bilder- und Deutungstheaters, dann ist darin trotz mancher Unbeholfenheit in der Tat viel fein Gearbeitetes, Kluges, ja Berührendes zu entdecken. Außerdem – seltene Tugend! – hat Harms keine Angst vor Pathos.

Wenn Tannhäuser zum Vorspiel in silbriger Ritterrüstung wie ein Bruder Lohengrins oder des Holländers aus dem Schnürboden herabschwebt und sich der leere Bühnenraum unter der Macht der Wagnerschen Romantik biegt und bläht, dann kann man das sogar erhebend finden. Man kann es auch ironisch sehen, als hybride Triebsublimierung und Männerfantasie: Mit züngelnden Armen, wallenden Locken und baren (Kunst-)Busen lauert unten das weibliche Geschlecht, wahlweise um den Helden zu verwöhnen oder ihn mänadisch in Stücke zu reißen. Für diese zweite Lesart sprechen auch die Scheinwerferbatterien, die nach oben gezogen werden, während Tannhäuser noch am seidenen Marionettenfaden hängt. Alles nur Theater, Inszenierung? Nicht die innovativste Metapher für diese „große Oper“. Aber ein emphatischer Anfang.

Harms’ Vertrag läuft 2011 aus, also eher heute als morgen. Die Zeit drängt, weil der politisch so konsequent wie fahrlässig heruntergewirtschaftete Ruf des Hauses die Bewerber nicht eben in Scharen in die Stadt treibt. Sie drängt auch aus der Erfahrung heraus, dass Kirsten Harms in Krisensituationen gerne laviert („Idomeneo“, Renato Palumbo). Wenn die Staatsoper nun 2010 vorübergehend an der Bismarckstraße Quartier nimmt, im benachbarten Schillertheater, dann bedeutet dies für das von der Politik gehätschelte Linden-Institut eine, nun ja, instabile Situation. Diese müsste die Deutsche Oper schamlos für sich ausnutzen (keine Opernstiftung der Welt wird Berlin dieses antagonistische Denken jemals austreiben!). Die Kraft und Chuzpe genau dazu traut man Harms offenbar nicht zu. Wie Phoenix könnte die Deutsche Oper spätestens 2011 aus der eigenen Asche fahren. Dafür freilich braucht es mehr als Solidität und Alltagstauglichkeit. Den Zeitpunkt, wo ihr dies hoch angerechnet worden wäre, hat Harms vertändelt, vertan. Mit Unentschlossenheit, mit Pech auch.

Jetzt reicht es nicht, dass sich dieser neue „Tannhäuser“ im Repertoire gefahrlich wird behaupten können: Weil Damovskys Bilder und Harms’ Tableaus suggestiv, vom Licht her oftmals kühn sind und mit dem Kitschverdacht ein laszives Spiel treiben, und weil die Sänger meist brav an der Rampe stehen, was die Einweisung künftiger Besetzungen leicht macht. Jetzt braucht man mehr. Eine Handschrift, eine Identität, ein ästhetisches Branding.

Das Risiko allerdings, dass auch karrieresichere Managertypen wie Roland Geyer vom Theater an der Wien oder Serge Dorny aus Lyon (beide offenbar im Gespräch) das nicht werden liefern können, ist groß. Dann hätte man am Ende mit viel Aufwand die vermeintliche Teufelin mit einem Beelzebuben ausgetrieben. Darüber hinaus mag Harms’ dramaturgischer Ansatz für „Tannhäuser“ wohl einleuchten – der Sängerkrieg als Widerstreit der Begehrlichkeiten in uns selbst. Szenisch aber franst auch vieles aus.

Das mittelalterliche Fegefeuer, in das sie die wallfahrenden Pilger des ersten Aktes steckt, die Wartburggesellschaft im zweiten, die daherkommt wie die Weihnachtsauslage eines Ladens für erzgebirgische Volkskunst – das hat Witz, hat Charme. So ist auch die Entscheidung, Venus und Elisabeth von einer Sängerin singen zu lassen, gewiss nur konsequent. Und Nadja Michael tut, was sie kann, flicht blonde Zöpfe zum BDM-Mädel- Kranz und löst sie wieder auf, räkelt sich und rutscht demütig auf den Knien. Sängerisch indes steckt sie in der Zwickmühle. Als Venus hat sie zwar frappierende Töne, die aber seltsam unverbunden nebeneinander stehen, non legato und gepresst, als habe sie sich das Dramatische hier nur geborgt. Als Elisabeth fehlt ihr das Schlichte, Lyrische, Gerade, da dominieren trotz einiger inniger, zarter Momente Schärfen und klirrende Höhen.

Bis zur zweiten Pause kann man dem Geschehen problemlos folgen. Was aber erzählt der dritte Akt, jenes depressive Ritter-Lazarett? Dass ewig siecht, wer entsagt? Dass Venus immer auch Elisabeth ist und Elisabeth immer Venus und Männer wie der potente Landgraf (Reinhard Hagen), der kernige Walther (Clemens Bieber) und der sensible Wolfram (Markus Brück) nun einmal Krankenschwestern brauchen? Stimmlich wie konditionell eindrücklich: Torsten Kerls Tannhäuser, der sich in der Rom-Erzählung mit keifender Deklamation geradezu in Weill’sche Expressionismen versteigt. Solches stützt Ulf Schirmer am Pult des gut gelaunten Orchesters der Deutschen Oper nur zu gern. Vielleicht ist seine Sicht der Dinge insgesamt noch etwas angespannt. Der doppelte Boden aber, den er schön phrasierend hörbar macht, die Widerhaken im erstarrten Pathos-Gebläse, sie verheißen eine klare Haltung. Das ist viel.

Venus/Elisabeth übrigens scheint am Ende spurlos verschwunden, der Ritterwelt gestorben, einfach mal weg. Frauen tun so etwas, nicht nur die mit blonden Locken. Manche von ihnen kommen wieder, andere nicht. Wer weiß.

Wieder am 3., 7. und 11. Dezember.

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