Kultur : Taumeln in Rätselwolken

Zwischen Verirrung und Verzauberung: Ann Cottens Erzählungen.

Björn Hayer

Bei mir dehnt sich der Moment“, heißt es einmal. Ein Kuss entfaltet sich zur Episode, eine flüchtige Beobachtung zur umfassenden Bilderwelt, ein Tagtraum zur Seelenlandschaft. Ann Cottens Erzählband „Der schaudernde Fächer“ durchmisst Augenblicke von Liebesgier und Lebenshunger. Die Icherzählerin ihrer Geschichten stürzt sich in Orgien und verbringt ganze Nächte mit LSD, immer auf der Suche nach etwas Besonderem.

Der ominöse Pätz zum Beispiel, „eine Art Waldelfe, eine zierliche Stadtwecke, ein Orakel oder ein Genius“ mag einer der geheimnisvollen Liebhaber sein, dem sich Cottens abenteuerlustige Frauenfigur hingibt. Mal bestaunen die beiden im Stillen das Geplätscher der Kaulquappen, mal fallen sie in einem von Insekten durchwuselten Grab übereinander her. Eine eindrucksvolle Szene, die auf dem schmalen Grat von Ekel und dionysischer Verzückung zu balancieren versucht, ähnlich wie eine blutige Prügelei mit einem Schuljungen im Schnee, die unerwartet in ein erotisches Tête-à-Tête umschlägt.

Cotten, durch ihre Gedichtbände „Fremdwörterbuchsonette“ (2007) oder „Florida-Räume“ (2010) bekannt geworden, lässt moralische und geschlechtsspezifische Grenzen hinter sich. Unter den wechselnden Partnern ihrer Liebesekstatikerin sind auch junge Damen. Ein Stelldichein mit einer jungen Lesbe oder ein Dreier sind nicht ungewöhnlich, Hetero- und Homosexualität verschwimmen, etwas Androgynes entsteht. Das Schöne zu erleben, ist nur eine Frage der Definition. Für die 1982 geborene Autorin lautet sie „Schönheit = Möglichkeit“.

Cottens Sprache verzaubert durch Entgrenzung. Jede Impression wird mit einem poetischen Schleier überzogen. Der Leser wird einer „intimen Wörterwelt“ gewahr, die nichts an ihrem Platz, sondern alles durch Metaphern, Sprachspielereien und Assoziationen entgleiten lässt. Dass die Grande Dame der deutschsprachigen Lyrik, Friederike Mayröcker, in ihrem aktuellen Buch „études“ der Jungpoetin mehrfach eine Hommage – „liebe Ann Cotten habe dein schönes Gedicht ‚An meine Beine‘ in einem Kalender gefunden und bin elektrisiert“ – widmet, mag zur Klarheit verhelfen. Die Ähnlichkeiten sind unverkennbar: Beide stammen aus Wien, sind im Herzen Lyrikerinnen und üben sich durchaus in Prosa, die aber nicht wirklich erzählt, sondern eher in ungreifbare Bilderwolken entführt.

Wer sich um solche sprachliche Hochseilartistik bemüht, läuft schnell Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren. So droht auch „Der schaudernde Fächer“ manchmal am überbordenden Hang zum Experiment zu zerfasern. Manche Seiten strotzen nur so vor illustrer Sprachkraft und wirken zugleich, als wären sie im Nebel eines halluzinogenen Flashs geschrieben worden. Rätselhafte Sätze wie „Es gibt irgendwo ein paar ausgewilderte Dackel im Norden Englands, sagte letztens mein treuer Apunkt zu mir“ oder „Wind weht durch die Fenster seit Jahrhunderten. Drei Münzen im Sand. Koranverse im Mund. Hilfe der sozialen Geflechte“ bleiben hermetisch – oder, wie sie selbst schreibt, in der „Solipsie“.

Tröstlich ist aber, dass nicht nur der Leser oftmals auf Unverständnis stößt. Den Wegesrand der unzähligen Liebeleien säumen auch einige vor den Kopf gestoßene Spielgefährten. Das Date mit dem langweiligen Fritz lässt die Icherzählerin an einem Regentag buchstäblich ins Wasser fallen. Einige Kapitel weiter erlebt man die bittere Unbarmherzigkeit einer dandyhaften Zicke, wo Cotten beschreibt, wie sie das Anbandeln einer Heranwachsenden abwehrt. Wem die Nymphe Kopfzerbrechen bereitet, weiß sich also in guter Gesellschaft. Alles will an diesem Buch wohl auch nicht verstanden werden. Diese Sperrigkeit kann abschreckend wirken. Das Unklare kann aber auch ein Anreiz sein, den „schaudernden Fächer“ in Bewegung zu setzen, um sich dem frischen Lüftchen, das sie in die Literatur einziehen lässt, hinzugeben.

Ann Cotten: Der schaudernde Fächer. Suhrkamp Verlag,

Berlin 2013.

251 Seiten, 21,95 €.

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