Teilen und Mitteilen : Erinnerungen an Christa Wolf

Sanftmut mit Nachdruck: Drei Autoren erinnern sich an die Schriftstellerin Christa Wolf.

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Es war im Sommer vor über dreißig Jahren, Mecklenburger Landschaft mit ihren langgezogenen Hügeln, blinkenden Wasserlöchern – jemand nannte sie Gottesaugen – und verstreuten Gehöften, Sandwege zwischen ihnen. Wir waren Feriengäste und besuchten eines Abends Bekannte in ihrem Sommerhaus, am Dorfrand, gegenüber vom Haus der Wolfs. Um einen Gartentisch saß eine muntere Runde. Worüber sie ausdauernd lachten, begriff ich nicht, fand das Ganze ziemlich albern und hatte mir so jedenfalls die berühmte Autorin nicht vorgestellt. Mich überraschte auch, welch führende Rolle nicht die – in den meisten Gesprächen damals unumgängliche – Partei, sondern Essen und Trinken spielten, einschließlich nützlicher Versorgungstipps. Ob auch über Literatur gesprochen wurde, weiß ich nicht mehr.

Später dann, in jener „Weiberrunde“, zu der mich Christa Wolf am Anfang der neunziger Jahre einlud: eine Gruppe von Autorinnen, die sich regelmäßig trafen, aus eigenen Texten vorlasen, diskutierten, schwatzten und tafelten. Mit den Jahren wurden die Menüs üppiger, raffinierter und erreichten ihren kulinarischen Höhepunkt, wenn das Treffen bei Wolfs stattfand und Gerhard gekocht hatte. Gleichwohl kam das Reden über Literatur nicht zu kurz, wofür Christa sorgte, so dass in ihrer Abwesenheit, zum Beispiel während ihrer Monate in Los Angeles, eine leichte Disziplinlosigkeit einriss. Sie war die Mitte der Gruppe mit ihrem besonderen Interesse an der Arbeit und am Ergehen der anderen. Sie schuf einen Zusammenhang, der fortdauerte bis in die letzte Zeit, als sie immer häufiger nicht dabei sein konnte. Aber wohl niemand von uns hat sich vorgestellt, sie würde nicht wiederkommen. Jetzt sind wir am Anfang der Erfahrung, dass sie fehlt. Brigitte Burmeister, Schriftstellerin

Christa Wolf war wahrlich nicht begeistert, als ich sie 1999 mit meinem Plan konfrontierte, eine Biografie über sie zu schreiben. Lassen Sie das lieber, schrieb sie höflich, aber bestimmt zurück. Das könne warten, bis sie einmal nicht mehr da sei. Ich verstand ihre Zurückhaltung gut. Eitelkeit, die durch eine Biografie ja auch befriedigt wird, lag ihr fern. Sie, die in ihrer Literatur immer so großen Wert darauf gelegt hatte, als an der Gesellschaft leidender Mensch erkennbar zu sein, mochte die Vorstellung nicht, zum Objekt gemacht zu werden. Zumal sie in der Nachwendezeit mit westdeutschen Journalisten keine guten Erfahrungen gemacht hatte.

Als ich mich von meinem Vorhaben nicht abhalten ließ, erlaubte sie mir großzügig, ihren „Vorlass“, den sie in der Akademie der Künste deponiert hatte, zu lesen. Und sie empfing mich zu Gesprächen bei ihr zu Hause in Pankow. Vielleicht kann ich so das Schlimmste verhüten, sagte sie lachend. Wenn ich unten klingelte, stand sie oben an der Wohnungstür und erwartete mich. Sie hatte nichts Dünkelhaftes an sich. Es war, als würde ich eine liebe Tante besuchen, die mir über ihr Leben Auskunft gab. Ihr Mann Gerhard war immer dabei. Es war eindrucksvoll, wie sie sich gemeinsam erinnerten, begeisterten und widersprachen: „Das kann doch nicht 1964, das muss doch viel später gewesen sein.“ Bis einer aufsprang, den Taschenkalender des entsprechenden Jahres suchte und triumphierend auf die Eintragung verwies.

Christa und Gerhard Wolf haben ihr Leben so sehr gemeinsam verbracht, dass selbst ihr Erinnern miteinander funktionierte. Zu spüren war bei diesen Gesprächen in ihrem Arbeitszimmer, wo auf dem Schreibtisch Schreibmaschine und Computer standen und an einem runden Tisch Tee und Kekse gereicht wurden, dass es Christa Wolf in einem emphatischen Sinn um Wahrheit ging. „Wissen Sie, ich tue mich mit dem Schreiben immer wahnsinnig schwer!“ Die Ernsthaftigkeit, mit der sie ihr Leben betrachtete, entsprach der oft quälenden Suche nach Wahrhaftigkeit, die sie in ihren Büchern stets aufs Neue vorführte. Nie drängte sie mich zu einer bestimmten Sichtweise, aber immer war sie gewissenhaft bemüht, mir möglichst exakt Auskunft zu geben.

Das fertige Buch, das 2002 erschien, wollte sie nicht lesen. Stellvertretend las es ihr Mann. Er ging mit mir das Manuskript durch, ganz der Lektor, der er war, und meinte am Ende: Wenn Sie es jetzt ein halbes Jahr liegen lassen und dann noch mal neu schreiben, könnte was draus werden. Christa Wolf hielt daran fest, es nicht gelesen zu haben. Jörg Magenau, Publizist und Biograf

Da war Licht im Zimmer / wie das, was wir mit Füßen treten, / manchmal leuchtet. Ein nicht ganz konformes Haiku habe ich vor über 20 Jahren für Christa Wolf geschrieben. Damals trampelte man auch gern auf ihr herum. Die teils zur Halbgöttin gemachte, als Verräterin Geschmähte wusste schon, wie sie die Stoffe wählte: Kassandra vor, Medea nach der „Wende“ – ja, wir sprachen dieses Wort beide mit Gänsefüßchen in der Stimme, weil es ein stumpfes, falsches Wort ist für das, was sich wirklich ereignet hatte. Ich sprach gern mit ihr. Allein ihre Stimme wird mir fehlen, diese ganz besondere, die Sanftmut und Härte in einer Silbe hören ließ, ihr freimütiges Lachen – nie blechern, nie falsch. Menschlichkeit zeichnete sie aus, sie teilte, teilte mit, und war erschütterbar bis zur Krankheit, die leider viel zu häufig an ihre Tür klopfte. Nun kam der Tod. Ich trauere um sie. Brigitte Struzyk, Schriftstellerin

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