Tell-Halaf-Museum : Eine Göttin kehrt zurück

Archäologische Sensation: In Berlin wird der 3000 Jahre alte Schatz aus Tell Halaf zusammengefügt. Ab Januar zeigt das Vorderasiatische Museum im Nordflügel des Pergamon-Museums die Sammlung.

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Die Thronende Göttin: Auch die Lieblingsfigur des Archäologen Max von Oppenheim (1860-1946) ist ab Januar in der Tell-Halaf-Ausstellung im Berliner Pergamon-Museum zu sehen. Derzeit wird sie und andere Kunstwerke des 3000 Jahre alten Schatzes aus dem nordöstlichen Syrien in Berlin restauriert.Weitere Bilder anzeigen
Foto: David von Becker
03.11.2010 12:02Die Thronende Göttin: Auch die Lieblingsfigur des Archäologen Max von Oppenheim (1860-1946) ist ab Januar in der...

Der Anblick ist überwältigend. Als wäre Max von Oppenheims Charlottenburger Tell-Halaf-Museum wieder auferstanden, das 1943 zerstört worden war. Seltsam aufgeräumt wirken die beiden großen Hallen der Restaurierungswerkstatt der Staatlichen Museen zu Berlin, wo seit 2002 versucht wird, aus 80 Kubikmetern Schutt und 27 000 Bruchstücken möglichst viele Skulpturen und Bildwerken wieder herzustellen. Eine Herkules-Aufgabe.

Jahrelang lagerten hier, in der Friedrichshagener Werkstatt, auf 300 Paletten die Fragmente aus Basalt, man konnte sich kaum bewegen. Ein geordnetes Chaos, selbst in den Büros lagen Bruchstücke. Nun blicken einem die 3000 Jahre alten Götter, Stiere, Greifen und Sphingen entgegen, auch die Thronende Göttin, Oppenheims Lieblingsfigur, ist dabei. Und mitten in der Werkstatt arbeitet Steinrestaurator Knut Zimmermann aus Potsdam an der Göttin aus Aleppo.

„Es fällt mir zunehmend schwer, mir vorzustellen, wie wir hier durch die Hallen gesaust sind, um ein Bruchstück aus der einen Ecke dem aus einer anderen Ecke zuzuordnen“, erzählt Lutz Martin, Projektkoordinator des Vorderasiatischen Museums und Co-Direktor der neuen Ausgrabungen am Tell Halaf in Nordostsyrien seit 2006. „Viele haben uns bemitleidet und nur gelächelt“, erinnert sich Nadja Cholidis, die wissenschaftliche Leiterin des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Sal. Oppenheim-Stiftung finanzierten Projekts.

Max von Oppenheim (1860 - 1946), Privatgelehrter und Spross des gleichnamigen Privatbankhauses in Köln, bereiste 1899 den Nahen Osten. Die Forschungsreise sollte dazu dienen, eine Trasse für die Bagdad-Bahn zu finden, die das Osmanische Reich durchquerte. Im Nordosten des heutigen Syrien, an einer Quelle des Habur, hörte er von Monumentalfiguren, die am Tell Halaf, einem Hügel, vergraben sein sollten. Schon einen halben Meter unter der Erdoberfläche fand er die großen Bildwerke der aramäischen Residenzstadt Guzana.

Zehn Jahre später quittierte er den diplomatischen Dienst und führte von 1911 bis 1913 eine erste erfolgreiche Grabung durch. Nach dem Ersten Weltkrieg konnte er sich mit der französisch-syrischen Mandatsverwaltung auf eine Fundteilung einigen. Mit den syrischen Funden richtete Oppenheim ein Museum in Aleppo ein, die Basis des heutigen Nationalmuseums. Der Rest wurde nach Berlin transportiert. Das im Bau befindliche Vorderasiatische Museum war aber schon mit den Funden aus Babylon und Assur belegt. So entschloss sich Oppenheim, 1930 in der ehemaligen Freund’schen Maschinenfabrik in Charlottenburg mit privatem Geld sein Museum zu aufzubauen, in dem die Schätze von Guzana ausgestellt wurden.

„Die Sammlung war damals schon eine Sensation“, sagt Lutz Martin. „Oppenheim hatte mit wenig Mühe Bildwerke gefunden, aus Babylon und Assur kam nichts Vergleichbares. Die Ergebnisse der Babylon-Grabung sind in der Öffentlichkeit erst durch die Rekonstruktion der Prozessionsstraße und des Ischtartores im Vorderasiatischen Museum augenscheinlich geworden. Oppenheim brachte dagegen eine ganze Zahl der vom Kaiser gewünschten Großbildwerke an.“

Ein Bombenangriff im November 1943 machte Oppenheims Werk zunichte, auch die Bergung der Trümmer ab Januar 1944 in die Keller der Museumsinsel durch den Direktor Walter Andrae gab wenig Anlass zur Hoffnung. „Die Sammlung wurde 1954 in einem Bericht des Gesamtdeutschen Ministeriums als Kriegsverlust abgeschrieben“, sagt Lutz Martin. Erst als nach dem Mauerfall über die Wiederherstellung der Museumsinsel gesprochen wurde, kamen die Keller mit dem Schutt vom Tell Halaf wieder in den Blick. 1993 sichteten Studenten die Trümmer, 1995 wurden sie ausgelagert. „Es war ein Glück, dass Oswald Matthias Ungers den Wettbewerb für die Museumsinsel gewonnen hatte“, sagt Nadja Cholidis, „denn er wollte die drei Eingangsfiguren des Palasts – ähnlich wie in Aleppo – für den neuen Eingang des Vorderasiatischen Museums nutzen. So kam durch Kontakte zur Familie Oppenheim die Idee auf, den Versuch einer Restaurierung zu wagen.“

Nun ist die Arbeit bald abgeschlossen. Im Januar wird auf der Museumsinsel im Nordflügel des Pergamon-Museums eine große Tell Halaf-Ausstellung zum 100. Jahrestag der Ausgrabung eröffnet. „Wir sind in den acht Jahren zu Basaltexperten geworden und kennen unsere Figuren in- und auswendig“, sagt Nadja Cholidis. „Heute weiß ich, wie man eine Figur aus 1000 Stücken zusammenklebt,“ meint auch Knut Zimmermann. Mitgeholfen haben ab 2005 auch die Mineralogen der Technischen Universität, nur 2000 kleine Fragmente sind übrig geblieben.

Zimmermann ist gerade dabei, den Rücken der Göttin aus Aleppo zu säubern und alle Altrestaurierungen rückgängig zu machen. „Bei der Zuordnung der Teile haben wir festgestellt, dass wir einige Stücke eben jener Figur besaßen, die der Blickfang im Tell Halaf-Saal des Nationalmuseums von Aleppo ist. Sie wurde in den siebziger Jahren dort aufgestellt und hat das Museum noch nie verlassen“, erzählt er. Im September wurde die Göttin nach Berlin überführt. Die fehlenden Teile, die 1927 irrtümlich nach Berlin gelangt waren, wurden wieder eingesetzt, die Restaurierung dieser bedeutenden Figur und „guten Botschafterin Syriens“ (Martin) bezahlt das Auswärtige Amt. Auch in der Berliner Ausstellung soll die Göttin prominent zu sehen sein, bevor sie wieder ihren angestammten Platz im Museum von Aleppo einnehmen wird.

Beiden Wissenschaftlern, Martin und Cholidis, merkt man die Freude und den Stolz über das Geleistete an. „Die Sammlung ist einzigartig, das Vorderasiatische Museum kann sich glücklich schätzen, einen so großen Sammlungszuwachs zu bekommen“, sagt Martin. Der Vergleich mit Sammlungen des Louvre oder des British Museum ist nicht übertrieben.

Aber was geschieht mit dem Schatz, zu dem auch noch jede Menge Reliefplatten, Säulenfragmente, Türsteine, Mörser und Schalen gehören, nach dem Ende der Ausstellung im August 2011? „Das ist die große Frage. Eigentlich entsteht nun für kurze Zeit das Tell Halaf-Museum auf der Museumsinsel, dort, wo Max von Oppenheim es immer haben wollte. Dann folgt bis Ende September die große Pergamonausstellung, und ab September 2012 wird das Gebäude saniert. Erst 2025 soll endlich alles fertig sein.“

Kaum zu glauben, dass diese archäologische Sensation bald wieder für viele Jahre der Öffentlichkeit entzogen sein soll. Nur in Aleppo lässt sich künftig Vergleichbares von Tell Halaf betrachten. Eine Sammlung ohne Haus: Sollte sich das Schicksal der Sammlung Oppenheims wiederholen? Berlin hat Erfahrungen mit Provisorien und Interimslösungen. Ein temporäres Haus für die Götter von Tell Halaf wäre wünschenswert, nicht nur, um das Werk des genialen Orientalisten Max von Oppenheim zu würdigen, sondern auch, um die Meisterwerke der Restaurierungskunst dauerhaft zugänglich zu machen. Das Knowhow, das bei diesem Projekt im Laufe der Jahre erworben wurde, könnte auch ein Exportschlager werden, man könnte anderen Museen damit zur Seite stehen, nicht nur in Syrien. Max von Oppenheim würde es gefallen.

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