Die Kritik am Volksentscheid: Eine Selbstherapie für altersbedingt Abgehängte?

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Tempelhofer Feld : Alles Laubenpieper oder was?
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Gemeinschaftsgemüse. Gärten auf dem Tempelhofer Feld an der Oderstraße. Drei Kolonien bauen hier in selbstgezimmerten Hochbeeten an.
Gemeinschaftsgemüse. Gärten auf dem Tempelhofer Feld an der Oderstraße. Drei Kolonien bauen hier in selbstgezimmerten Hochbeeten...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Man braucht nun gar nicht allzu viel Krawallwillen, um dieses linear-vertikale 20.Jahrhundert-Denken seinerseits ins geistig Provinzielle zu verweisen. Allein die Bezugnahme auf andere Großstädte (New York, London), in denen sich die transatlantisch orientierten Babyboomer wohl besser fühlen als im chronisch unfertigen Berlin, stimmt einen misstrauisch. Und diese ewigen Heldengeschichten der Alpha-Journalisten: Ausgerechnet die, die so gern von den wilden Berliner Nachwende-Jahren erzählen, wollen das Unfertige jetzt endlich mal fertig sehen. Das wirkt im Ganzen eher wie eine Selbsttherapie für altersbedingt Abgehängte, nicht aber wie eine überlegt-überlegene Position.

Nicht jedes Urban-Gardening-Projekt ist pseudodörflicher Wohlstandskinderkitsch

Die Piratenpartei mag sich selbst erledigt haben. Aber ihre Ideen, die weit über ein bisschen Transparenz-, Basisdemokratie- und Netzklimbim hinausgehen, leben fort. Das grundlegende Hinterfragen sozialer und politischer Zusammenhänge, der Zukunft der Lohnarbeit und des Wachstums treiben die jungen Urbanisten in Berlin weiter um. Eben das hindert sie daran, zu allem, was ihnen vorgesetzt wird, Ja und Amen zu sagen. Sie nun zu Anti-Städtern zu erklären und ihnen damit die intellektuelle Legitimation im urbanen Diskurs abzusprechen, ist eine brillante Selbstverteidigung, aber auch nicht mehr.

Übrigens ist nicht jedes Urban-Gardening-Projekt pseudodörflicher Wohlstandskinderkitsch. Und nicht jeder, der intransparente Großentwürfe ablehnt, signalisiert damit, die Stadt nicht entwickeln zu wollen. Nein, es geht nur darum, dass manch einer seine Zukunftsenergien lieber in kleinteiliges, hyperlokales Handeln investiert als in den Bau einer Stadt von gestern.

Ein Feld, das funktioniert wie eine Open-Source-Software, an der jeder mitwerkeln kann und keiner muss, das nie zur Marktreife gelangt, immer ein „Beta-Typ“ bleibt, aber sich stetig fortentwickelt, ist das perfekte Identifikationsangebot für diese junge Generation. Deren Haltung wird Entscheidungsprozesse demokratischer und notgedrungen auch schwerfälliger machen. Großprojekte zu realisieren, dürfte künftig komplizierter werden.

Man kann das durchaus kritisch sehen: Wenn „nur“ noch basisdemokratische Baugruppen mit dezidiert sozialem Anspruch von der Gemeinschaft das Placet bekommen, die Stadtentwicklung kleinteilig voranzutreiben, könnte der gesellschaftliche Wohlstand darunter zu leiden bekommen. Zumal in einer Stadt, die ihre Identität zwischen der umbauten Leere des Potsdamer Platzes und der erfüllten Freiheit des Tempelhofer Feldes sucht. Wer jedoch alle, die auf diesen politisch-sozialen Anspruch beharren, einfach einer Blockierergang aus vermuteten Kleingärtnern und linken Dagegenisten zuschlägt, der verhindert erst recht eine produktive Lösung des Wohnungsproblems. Aus solcher Kritik spricht jene Arroganz, für die die Babyboomer Klaus Wowereit und Michael Müller vor einer Woche abgestraft worden sind.

Mehr zum Tempelhofer Feld unter www.tagesspiegel.de/themen/tempelhofer-feld/

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