Tendai Huchus neuer Roman : Aus dem Exil in Edinburgh

Neuanfang gegen alle Widerstände: Tendai Huchu erzählt in seinem Roman "Maestro, Magistrat und Mathematiker" wie Exilanten aus Simbabwe in Schottland ein neues Leben beginnen.

Dirk Naguschewski
Podologe und Romancier. Tendai Huchu aus Simbabwe.
Podologe und Romancier. Tendai Huchu aus Simbabwe.Foto: Peter Hammer Verla

Mehr als 100 000 Menschen leben in Großbritannien, die aus Simbabwe gebürtig sind. Nicht alle sind des schönen Wetters wegen gekommen – weshalb man auch nicht umhin kommt, den neuen Roman von Tendai Huchu als Beitrag zur aktuellen Flüchtlingskrise zu lesen. Der 1982 geborene Huchu stammt ursprünglich aus Bindura, einer Provinzstadt im Norden Simbabwes. das seit seiner Unabhängigkeit von Robert Mugabe regiert wird. Ursprünglich ein afrikanischer Hoffnungsträger, regiert der über 90-Jährige das Land mittlerweile diktatorisch. Menschenrechtsverletzungen gehören zur Tagesordnung, und die politische Opposition hat keine Chance auf demokratische Veränderungen. Weiße Farmer werden unrechtmäßig enteignet, Homophobie ist Teil der Staatsdoktrin.

In seinem ersten Roman, „Der Friseur von Harare“, erzählt Huchu aus der Perspektive einer unbedarften Hairstylistin von deren Beziehung zu einem schwulen Kollegen, dessen Homosexualität von ihr erst nicht erkannt, dann geleugnet wird, und deren rachsüchtiges Verhalten den geschundenen jungen Mann am Ende zur Flucht nach Europa zwingt. Der Roman war ein Überraschungserfolg. Er wurde in mehrere Sprachen übersetzt und von der Kritik weltweit gelobt.

Im Vergleich zur einfachen Sprache des Erstlings hat „Maestro, Magistrat und Mathematiker“ merklich an Komplexität gewonnen. Es geht um drei aus Simbabwe stammende Männer, die mittlerweile in Edinburgh leben. Und wie der Autor, der nach einem Studium der Bergbautechnik mittlerweile als Podologe, Schriftsteller und Wissenschaftler in der schottischen Hauptstadt arbeitet, haben auch seine drei Protagonisten keine zielstrebigen Karrieren aufzuweisen.

Der Magistrat ist ein ehemaliger Jurist, der sein Leben als Altenpfleger verdient und dem Frau und Tochter zunehmend den Schneid abkaufen. Der brillante junge Mathematiker Farai steht kurz vor Abschluss seiner Doktorarbeit und schlägt sich die Nächte mit Freunden um die Ohren. Und bei dem Maestro handelt es sich um einen zunehmend an Halt verlierenden Supermarktangestellten, von dem wir erst spät erfahren, dass es sich um einen Weißen handelt.

Huchu gelingt es, drei vielfach gebrochene Charaktere zu entwerfen, deren Lebenswege er kunstvoll verknüpft. Nicht alle Geschichten gehen gut aus: Zwei der Männer bezahlen mit ihrem Leben, einer findet unerwartet familiären Anschluss und darüber ein Stück Integration. Wer, das soll an dieser Stelle nicht verraten werden, denn der Roman beschreibt auch, wie die Schergen des politischen Systems, dem die Geflüchteten eigentlich entkommen wollten, noch in Großbritannien ihr Unwesen treiben. Die Welt des Romans ist also alles andere als rosa: Zugleich wird der Leser keinem der Protagonisten ausschließlich Sympathie oder Ablehnung entgegenbringen. Die Gründe dafür, ein Land in der Krise zu verlassen, sind vielfältig – das gilt für diesen Roman wie für die politische Situation, in der wir leben.

Perspektivlosigkeit, Diskriminierung und Unterdrückung, Verfolgung, im schlimmsten Fall Krieg. Viele der Probleme werden von den Flüchtenden mitgeschleppt, neue kommen hinzu. Lebensläufe werden irreparabel beschädigt, Familiengefüge zerstört. Im Kontakt mit den Einheimischen verändert sich auf beiden Seiten das Sozialgefüge, alte Einstellungen müssen neu bedacht werden.

Das alles weiß man. Doch Zeitungswissen ist das eine, Menschen auf der Flucht kennenzulernen, etwas anderes. Literatur kann hier Wesentliches leisten. Sie kann sich in die Welt der anderen hineinfühlen und darüber Bewusstsein schaffen. Tendai Huchus Schreibstil ist von einem extremen Realismus gekennzeichnet. Der Autor beschreibt bis ins Detail die Busfahrten und Spaziergänge, die seine Männer anstellen, um die fremde Stadt zu durchqueren, die sie sich auf diesen Wegen mehr und mehr aneignen. Man ist versucht, auf ihren Spuren kreuz und quer durch Edinburgh zu fahren, so nahe kommt man ihnen.

Bedauerlicherweise leidet die Lebendigkeit der gesprochenen Sprache in der deutschen Übersetzung mitunter. Stilsicher ist diese immer hingegen dann, wenn Huchu lebensphilosophische Überlegungen anstellen lässt; beispielsweise zur Literatur, die dem Maestro erst Zuflucht verschafft, bevor er seine ganzen Bücher aus dem Fenster wirft und verbrennt. Dirk Naguschewski

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