Tenor Philippe Jaroussky in Berlin : Kitsch ohne Kitsch

Philippe Jaroussky singt im Kammermusiksaal Lieder von Fauré, Debussy oder Cchausson - und pflegt die hohe Kunst, Kitsch zu singen, ohne kitschig zu sein.

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Philippe Jaroussky
Philippe JarousskyFoto: Warner/M. Ribes

Wie schade, dass Verständnisschwierigkeiten in der Musik so schnell einsetzen können, schon dort, wo eine fremde Sprache zum Einsatz kommt. Selbst für Frankophone bleibt dieser Abend im philharmonischen Kammermusiksaal mit Liedern nach Gedichten von Paul Verlaine nämlich lange unzugänglich. Das Liedersingen braucht die Geborgenheit in einer verstehenden Zuhörerschaft, sonst versendet sich einfach vieles – doch so schnell mitzuhören, wie die Preziosen von Gabriel Fauré, Claude Debussy oder Ernest Chausson verklingen, so rasch aufzunehmen, wie hier mit Versen über einen lachenden Satyr, einen Insektenstich am Hals einer Schönen oder das Treffen eines geisterhaften Liebespaares gespielt wird, ist eine anspruchsvolle Übung.

Sänge nicht der fabelhafte Countertenor Philippe Jaroussky – sehr aufmerksam, zugleich mit sehr wässrigen Klängen begleitet von Jerôme Ducros –, würde sich das Berliner Publikum dieses Repertoire vielleicht nicht so gern gefallen lassen, zumal von Anfang an auch spürbar wird, dass der Sänger auf der Durchreise von Düsseldorf (am letzten Sonntag) nach Bielefeld (heute) ist: Jaroussky singt die Verlaine-Lieder, von denen viele auf seiner eben veröffentlichten Aufnahme „Green“ wiederzufinden sind, in einem sorgfältig zurechtgelegten, engen, applauslosen Aneinander, unterbrochen nur von einigen Stücken für Klavier, darunter Debussys „Clair de lune“ und seine „L’île joyeuse“ oder Chabriers leichtfüßige „Idylle des pièces pittoresques“.

Jaroussky schafft den Spagat zwischen Ernsthaftigkeit und Schlager

Groß ist gleichwohl das Panorama, das mit diesem Repertoire gezeigt werden kann: Nicht nur beweist der französische Sänger einmal mehr, wie klug seine Programme sind und welche Möglichkeiten in seiner Stimme liegen (auch wenn man mitunter um ihr Wohlbefinden fürchtet, weil das flinke Deklamieren in der Mittellage auch große Anstrengung bedeutet). Zugleich wirft Jaroussky mit diesen Liedern Licht auf die feinen Übergänge zwischen Ernsthaftigkeit und schlummerndem Schlager, die Verlaines Dichtung inspiriert hat – von Debussys wie eingefroren wirkender Vertonung des „Colloque sentimental“ zu Léo Ferrés recht kitschverdächtiger Herangehensweise ist es nicht weit. Doch wiederum darin liegt auch ein weiterer Vorzug von Philippe Jaroussky: Er kann Kitsch singen, ohne selbst kitschig zu werden.

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