Kultur : Testament der schlechten Laune

Angriff auf die Gegenwart: Die Fehlfarben haben mit „Handbuch für die Welt“ ein fulminantes Album gemacht

Kai Müller

In jedem Punk steckt ein enttäuschter Hippie. Das war bei Joe Strummer, dem charismatischen Frontmann von The Clash, nicht anders als bei Peter Hein. Der ist Sänger der Fehlfarben, nennt sich auch 30 Jahre nach Punk noch gelegentlich Janie Jones – nach einem Clash-Song – und zog es vor, eine Legende zu werden, statt Popstar. Und dafür musste er nicht einmal sterben. Es genügte, dass er seine Band kurz vor der ersten Tournee im Stich ließ, um seinen Bürojob bei Rank Xerox nicht zu gefährden. Wie kann so etwas Punk sein?

Wahrscheinlich ist es das gar nicht, aber das haben die wenigsten verstanden, die „Monarchie & Alltag“, das erste Fehlfarben-Album von 1979, für einen Meilenstein der deutschen Popkultur halten. Vor allem wegen dieses einen unverkennbaren Funk-Riffs auf der Gitarre, an das sich die Parole „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht – es geht voran“ anschloss. Noch immer untermalt der Song „Ein Jahr (es geht voran)“ die vermeintlich revolutionären 1.-Mai-Umzüge. Der Fortschritt wird ein linker sein, verheißt er. Dabei hat Optimismus ins Fehlfarben-Universum nie gepasst.

Schon Peter Heins Entscheidung, Musik nur als Nebenbeschäftigung zu betreiben und nicht herausbekommen zu wollen, wie gut er wirklich ist, war eine schwarze Stunde. Andererseits: Gibt es eine überzeugendere Ablehnung all der Konformitätszwänge, die einen jugendlichen Rebellen irgendwann ohnehin einlenken lassen? Hein hat das schon gespürt, bevor er überhaupt wissen konnte, dass sich diese Frage einmal für ihn ergeben würde. Zumindest musste er sich später nicht vorwerfen lassen, die alten Ideale verraten zu haben. Der erste war er immer.

Nun präsentieren sich die mit Peter Hein wiederformierten Fehlfarben nach dem vielbeachteten Comeback-Album „Knietief im Dispo“ 2003 mit einem neuen Werk, und das einzige Problem bei „Handbuch für die Welt“ ist, dass man erstmal über die Vergangenheit redet. Die Band tut das auch: „Wir haben uns über Deutschland beschwert“, singt Peter Hein im Auftaktstück, als hätte schon damals niemand zugehört. „Für uns war Privatisierung verkehrt“, fährt er fort, und als alter Fortuna-Düsseldorf-Fan hat er sich natürlich auch „gegen den Abstieg gewehrt“. Ja, tönt der Refrain, sie seien anders, „anders geblieben/ Spielen andere Spiele, haben andere Ziele“. Das zumindest korrigiert Hein im letzten Akt dieser Selbstdarstellung gnädigerweise. Eigentlich nämlich hätten sie gar keine Ziele.

Dazu scheppert, kracht und rackert die immerhin sechsköpfige Restband, als wollte sie den letzten Zweifel daran zerstreuen, dass sie es nicht verteufelt ernst meint mit dem Nicht-Einverstanden-Sein, das ja als Pose so hinfällig ist wie ein Fahrrad ohne Ständer. Diese Musik hat etwas Harsches, unversöhnlich Dröhnendes und sehr Eindeutiges. Sie ist vielleicht zu plakativ in ihrem Bestreben, auch ohne allgemein abgesichertem Lebensgefühl politisch bedeutende Aussagen zu machen. Aber diesen Makel teilt „Handbuch für die Welt“ mit anderen wichtigen Polit-Alben der letzten Zeit wie Blumfelds „Testament der Angst“ und Peter Lichts „Lieder vom Ende des Kapitalismus“. Auch die artikulierten ihre Unzufriedenheit in einen gesellschaftlichen Klangraum hinein, aus dem ein Echo nicht zu erwarten war nach dem Zerfall der großen Kollektive.

Doch der Fehlfarben-Furor ist darüber nicht erlahmt: Ein knackiges Bass-Loop, ein zischend-technoider Beat, alles selbst gespielt, die Maschinen bleiben im Hintergrund, und schon stürmt die Vorabsingle „Politdisko“ davon. „Beherrscht vom Zwang zur Zukunft fehlt nur die Gegenwart/ Und die ist voller Menschen, die man schon vergessen hat“. Hein spuckt es voller Verachtung aus, um im Refrain die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen. „Es mag ja wirklich schlimm sein“, singt er, „Und es tut mir vielleicht leid/ Aber zum richtig Gutsein, da hab ich keine Zeit.“ Das ist musikalisch ein abenteuerliches Manöver. Man ist gewohnt, den Refrain als Offenbarungsmoment zu hören, als Gefühlsschleuse, aber diesen Gefallen tun einem Hein & Co nicht. Während in den Strophen der Haifisch-Kapitalismus in niederschmetternder Klarheit beschrieben wird, liefert der Refrain dazu die Pose. Wer mitsingt, ist moralisch im Eimer und weiß es womöglich nicht einmal.

Wie schafft es diese Band bloß, mit derselben Musik, die sie schon 1979 gemacht hat, immer noch genau die richtige Stimmung zu treffen. „Es ist ja schon noch so“, sagt Hein im Büro seiner Plattenfirma lakonisch, „dass wir nicht wissen, was wir sonst tun sollen. Wir haben einfach auf dem Arbeitsmarkt keine andere Chance“. Hein wird in diesem Jahr fünfzig. Den Job als EDV-Spezialist ist er los. Nachdem er mehrere Rationalisierungswellen überstanden hatte, kam eine, die ihn nach einem Vierteljahrhundert aus der Firma spülte. Und das tut ihm aufrichtig weh. „Wenn ich Inserate durchsehe“, erzählt Hein, „ist fast immer nur so Management- Scheiße dabei. Will, ich gar nicht machen, Personalverantwortung tragen. Was zum Rumnegern kriegt man gar nicht mehr. Aus den Absagen lese ich oft heraus, dass sie Leute suchen, die hungrig sind. Dass die so einen Laden eher kaputt kriegen als einer, der das, was er machen soll, macht, ist eine ganz andere Geschichte.“

Hein wirkt in seinem merkwürdig bedruckten Hemd und dem weichen Blick wie ein Bankräuber, der immer nur die möglichen Fluchtwege studiert, während andere Banden säckeweise das Geld herausschaffen. Das mag die triste Gefühlslage erklären, die das neue Album grundiert. Nun verkörpert die Stilikone der Düsseldorfer Punkszene in seinen Songs notgedrungen den geistvollen Slacker- Anarchisten, der immer mal wieder aus seiner Tonne auf den Marktplatz kriecht und demonstrativ so tut, als ginge ihn das alles nichts an. In „Morgengrauen“ ringt er mit den Folgen übermäßigen Alkoholgenusses („Kotzkinofluch“), in „Am Ende das Meer“ spielt er seine eigene Seebestattung durch, in „Traurige Geschichte“ freut er sich über Filme ohne Happy-End, und auch in „Teufel in Person“ greift eine emphatische Resignation um sich, die in dem Bekenntnis mündet, „Erinnerungen sind alles, was mir bleibt/ Nicht jede Vergangenheit war eine bessere Zeit.“

Wer sagt denn, dass nur jugendlicher Eifer Zorn rechtfertigt? Wie viel unbequemer kommt der Widerspruchsgeist der Fehlfarben daher, der sich in „Sprachlos“ zu einem lärmenden, stoisch wütenden Abgesang auf all die Bemühungen aufschwingt, Probleme im Gespräch zu lösen. Protest in Zeiten seiner Unrelevanz – das ist genau die Stimmungslage, die eine Band wie die Fehlfarben erst möglich gemacht hat und ihr nun einen zweiten Frühling gewährt. Als Peter Hein, Gitarrist Thomas Schwebel (nur noch im Studio dabei), Michael Kemner am Bass sowie Frank Fenstermacher an den Keyboards Ende der siebziger aus den Trümmern von Vorläufergruppen wie Mittagspause zusammenfanden, glaubte man auch schon nicht mehr an eine Veränderung, die allen Menschen was bringt. Hoffnung wollten die Fehlfarben nicht verbreiten. Aber sie wollten sich auch nicht selbstquälerisch in Probleme versenken.

Dass einen Zeilen wie „Der Brief, den du geschrieben, er macht mich gar nicht bang/ Du willst mich nicht mehr lieben, aber dein Brief ist lang“ trotzdem nicht peinlich berühren, sondern mitreißen, packen und durchrütteln, mag an Heinrich Heine liegen, der sie geschrieben hat, verdankt sich aber auch dem Willen der Fehlfarben, jeden Hauch an Sentimentalität zu zerstäuben. „Handbuch für die Welt“ ist der herzlos-unterkühlte Soundtrack für die ökonomisch globalisierte Welt, die sich das Zepter aus der Hand hat nehmen lassen von Leuten, die sich auch nicht auskennen, nur schlauer sind.

So umgibt diese Band etwas Rostig- Schrundiges ergrauter Herren, an deren Schlagzeug mit Saskia von Klitzing ein enorm antreibendes Kraftwerk sitzt. Ständig meint man Alarmsirenen zu hören. Von den Keyboards werden nervöse Funksignale ausgestreut. Trotzdem ist diese Musik so hart, scharf und unerbittlich wie das Beil eines Holzfällers. Es gibt kein Zurück: „Früher habe ich mich herausreden können, indem ich sagte, dann bleibe ich doch einfach im Büro“, sagt Hein. „Die Leute waren zwar auch Arschlöcher, aber da wusste ich, warum.“ Jetzt geht das nicht mehr. Die Ruhe ist dahin.

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