"The Interview" im Kino : Zu Gast bei Feinden

Die skandalumtoste Nordkorea-Satire „The Interview“ ist in den USA jetzt doch zu sehen. Der krawallige Film rechnet mit der Fernsehbranche ab.

von und Mattes Lammert
Bloß weg hier. Überläuferin Sook (Diana Bang), TV-Produzent Aaron (Seth Rogen) und Talkshow-Host Dave (James Franco, r.).
Bloß weg hier. Überläuferin Sook (Diana Bang), TV-Produzent Aaron (Seth Rogen) und Talkshow-Host Dave (James Franco, r.).Foto: imago/ITAR-TASS

Ganz schön böse, die Szene, in der Nordkoreas Nationale Verteidigungskommission den US-Präsidenten beschimpft und Barack Obama vorwirft, er verhalte sich rücksichtslos „wie ein Affe im Tropenwald“. Real-Satire mit unverhohlen rassistischer Note: Die Schlammschlacht zwischen einem der letzten militant-kommunistischen Länder der Welt und Amerika als Bollwerk des freien Westens geht weiter. Das Regime im fernen Asien wettert gegen Obama, weil er quasi mit Gewalt den Filmstart der Nordkorea-Komödie „The Interview“ durchsetze, und droht mit „unentrinnbaren tödlichen Schlägen“. Sony als Opfer eines nordkoreanischen Cyber-Angriffs und zudem von Terrordrohungen gegen Kinos? Pjöngjang dreht den Spieß um und macht umgekehrt Amerika für akute Internetstörungen in Nordkorea verantwortlich. Ansonsten, Gipfel der makabren Ironie, könne man doch gemeinsam gegen die Hacker ermitteln.

Zu schön, um wahr zu sein: Die gemeinsame Sorge um ein störungsfreies Internet befriedet die Feinde und bannt die koreanische Atomwaffengefahr. Wer die jüngsten Nachrichten über den nach Terrordrohungen von Sony zunächst zurückgezogenen und zu Weihnachten doch noch in 330 US-Kinos gestarteten Film von und mit dem Komikerduo James Franco und Seth Rogen verfolgt, wähnt sich glatt in „The Interview 2“.

"The Interview" hat in den USA bereits eine Million Dollar eingespielt

Folge eins beginnt ebenfalls mit einer wüsten Beschimpfung Amerikas, im süßesten Volksliedton vorgetragen von einem adretten kleinen koreanischen Mädchen: Propaganda at its best.  Der Film, der seit seinem Start am Donnerstag in den USA bereits eine Million Dollar einspielte, mag zwar trashig und durchweg fäkalhumorig ins Bild gesetzt sein – mit einer von Seth Rogen aus Sicherheitsgründen in den Anus eingeführten, raketenförmigen Riesenkapsel als sado-machistischem Höhepunkt. Aber auch „The Interview“ spielt mit der Frage, ob nicht die per Internet globalisierte Popkultur erheblich zum Weltfrieden beitragen könnte.

Kim Jong Un (Randall Park) jedenfalls ist Katy-Perry-Fan – was dem Zuschauer eine Tour durch Pjöngjang mit Perrys „Firework“-Schnulze im Stalin-Panzer beschert – und begeisterter Anhänger der TV-Show von Dave Skylark (James Franco). Dessen Buddy und langjährigem Produzenten Aaron Rapaport (Seth Rogen) gelingt es deshalb, ein Interview mit dem Diktator an Land zu ziehen, vor Ort, im Reich des Bösen. Was die CIA auf den Plan bringt: Dave soll den Diktator mit einem Giftpflaster um die Ecke bringen.

Traum und Albtraum der Unterhaltungsindustrie: „Skylark Tonight“ persifliert die US-Entertainmentbranche, dass es nur so kracht. Eminem (der echte!) outet sich als schwul, Topthemen sind Miley Cyrus’ zu knapper, im Schritt spannender Body sowie Matthew McConaughey, der es mit einer Ziege treibt. Chargierend und grimassierend verkörpert James Franco die Karikatur des TV-Hosts schlechthin; mit seinen homoerotisch-homophoben Zoten und kindischen Körperflüssigkeits-Wortspielchen geriert sich „The Interview“ so präpotent und niveaulos wie die Branche, die der Film aufs Korn nimmt. Derweil stürzt Produzent Aaron bei der 1000. Talkshow-Folge samt Ecstasy-Party und Drogenkater in eine Sinnkrise. Den Kim-Jong-Un-Coup will er auch deshalb landen, um sich Respekt bei den Kollegen von den seriösen Nachrichtenmagazinen zu verschaffen. Nordkorea sorgt dort wegen seiner atomaren Sprengköpfe gerade für „Breaking News“.

Kalter Krieg, heiße Girls – und der Talkshow-Host als der effektivere Sprengkopf. Wer ist der bessere Manipulator, entwaffnet seine Gäste und belügt sein Publikum am skrupellosesten: der Massenmörder mit seinen Propagandakünsten oder der gewiefte TV-Moderator? Und wer steht am Ende blöd da? Schade, dass Regisseur Evan Goldberg und Seth Rogen als Ko-Regisseur wenig machen aus dieser irren Idee – die übrigens mit einem fiktiven Diktator kaum funktioniert hätte. Kim und Dave, Buddies beim nächtlichen Panzertrip, liefern sich beim Interview vor laufender Kamera einen Krieg der Worte samt Psychotricks und Fragetechnik-Finten, der den Film in eine Riege mit Mediensatiren wie „Wag the Dog“ oder Martin Scorseses „King of Comedy“ katapultiert hätte, wenn das Duell nur virtuoser inszeniert wäre. Obendrein ist es mit einer plumpen Splatterschlacht im Regieraum gegengeschnitten. Blut spritzt, und irgendwann explodiert im Feuersturm der Kopf des Diktators (die ursprünglich drastischere Szene wurde abgemildert), ach ja.

Vor dem Hackerangriff hatte Sony Zweifel an den Erfolgsaussichten des Films

Nun zielt „The Interview“ mit seinen Anspielungen auf Pop- und Medienphänomene ohnehin aufs jüngere US-Publikum. Kein Zufall, dass Seth Rogen dem Gründer des „Vice“-Magazins Shane Smith verblüffend ähnlich sieht, der im „Vice“-Kultvideo „Guide to North Korea“ eine offizielle Propagandatour durch das Land unternimmt. James Franco schreibt regelmäßig für „Vice“. Kim und Dave spielen Basketball, wie der Machthaber und Dennis Rodman im wirklichen Leben. Auch traten Franco und Rogen so oft gemeinsam vor der Kamera auf, dass die Freundschaft von Dave und Aaron sich wie ein Eigenzitat ausnimmt. Die Kids in den USA kennen sie alle, die Youtube-Persiflage des KanyeWest-Hits „Bound 2“, in der Rogen sich mit nacktem Oberkörper auf dem Motorrad räkelt und Franco dabei innig küsst. Schwul oder nicht: Auch diese Selbstreferenz macht „The Interview“ über weite Strecken vorhersehbar.

Die Verantwortlichen von Sony hegten jedenfalls Zweifel an den Erfolgsaussichten des Films – vor dem Hackerangriff und der Terrordrohung. Sony-Manager Peter Taylor schrieb in einer der geleakten Mails wenig schmeichelhaft, „The Interview“ sei „öde und repetitiv“. Das Komiker-Duo habe ein weiteres Mal versagt.

Dank der weltweiten Aufmerksamkeit und all jener Amerikaner, die aus Neugier und als demonstrative Geste für die Meinungsfreiheit Weihnachten in die Kinos strömten, stehen die Chancen dennoch nicht schlecht, dass die Produktionskosten von 44 Millionen Dollar eingespielt werden. Mehr noch: Mit der zeitgleichen Veröffentlichung auch im Internet könnte der Konzern zum unfreiwilligen Pionier für die Zukunft der Filmauswertung werden, bei der eine Produktion nicht mehr nacheinander im Kino, im Fernsehen, als DVD und online herausgebracht wird. Aus rechtlichen Gründen gibt es „The Interview“ bislang nur auf amerikanischen Video-Plattformen. Illegal wurde der Film bereits 1,5 Millionen Mal heruntergeladen – höchste Zeit für Sony, ihn auch international schnell freizugeben.

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