"The Wall" in Berlin : Warten auf das Schwein

Tanz den Roger Waters: Die propagandistisch überladene „The Wall“-Show im Berliner Olympiastadion.

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Mauerspektakel. Hier der reale, vergleichsweise zwergenhafte Roger Waters bei seiner Arbeit im Olympiastadion. Foto: Britta Pedersen/dpa
Mauerspektakel. Hier der reale, vergleichsweise zwergenhafte Roger Waters bei seiner Arbeit im Olympiastadion. Foto: Britta...Foto: dpa

Also hat Roger Waters zuletzt doch die Sau rausgelassen, dekoriert mit allem, was für ihn dazugehört: Hammer und Sichel, Dollar-Zeichen, Shell-Muschel, Kreuz, Halbmond – und Davidstern. Gerade noch hat der von Waters dargestellte Rockstar Pink, verloren in faschistoiden Allmachtsfantasien, mit einer Maschinenpistole ins Publikum gefeuert, da steigt das Schwein, genau genommen ein wilder Eber, aus dem Hintergrund der Bühne auf und beginnt seinen taumelnden Tanz über den Köpfen der Fans. Unten auf der Bühne donnert „Run Like Hell“, während die Mauer, die dem alten Pink-Floyd-Opus „The Wall“ den Titel gab, per Videoprojektion zu einer Art Reichsparteitagsgelände mutiert. Nürnberg im Berliner Olympiastadion, ausgerechnet dort.

Es kann jetzt nicht mehr lange dauern, schon eilt die Show ihrem finalen Höhepunkt, dem Einsturz der Mauer, entgegen. „Tear down the wall! Tear down the Wall!“ Von vorne, von hinten, von allen Seiten, dröhnt es auf die Zuschauer ein, 33000 sind es, das Stadion ist bei weitem nicht ausverkauft, und es klingt, als würden sie selber johlen. Aber mitspielen, Waters will es so, sollen sie zuletzt auf jeden Fall, mit dem Schwein, für ihn Metapher des Bösen, das nun langsam auf sie niedersinkt. Arme strecken sich ihm willig entgegen, Hände packen zu, zerren, reißen. Schon erschlafft die Gummihaut, schrumpft und verschwindet zuletzt in der Menge, die nun wirklich johlt, klatscht, pfeift, die übliche Klangkulisse eines erfolgreichen Rockkonzerts. Buhrufe? Wenn überhaupt, sind sie im Jubel untergegangen.

Man muss das nicht ernst nehmen - und kann es trotzdem mögen

Auch draußen vor den Toren war am Mittwochabend kein Protestplakat zu sehen, trotz der Aufregung um Schwein und Stern. Das American Jewish Commitee etwa hatte am Konzerttag seinen Antisemitismusvorwurf erneuert und zugleich den Senat gerügt, dass er nicht eingeschritten sei. Am Stadion spielte all das keine Rolle. Der Anmarsch der Publikumsscharen, die Szenerie: Alles wie gewohnt. Manche der Fans, nicht unerwartet meist im reiferen Alter, trugen Shirts früherer Auftritte Waters’, der mit „The Wall“ 1990 den Potsdamer Platz und 2011 zweimal die O2 World beschallt hatte. Und es war bestimmt hilfreich, die Story zu kennen, die neuen Leiden des alten Pink, auf den alles Elend der Welt niederprasselt, Vaters Soldatentod, Mutters groteske Fürsorglichkeit, die Brutalität des Lehrers und überhaupt, so dass ihm nur die Flucht „hinter die Mauer“ bleibt, die Abkapselung von der Welt, die umschlägt in Diktatorenträume.

Diesem roten Faden zu folgen, hat Waters allerdings immer weiter erschwert. Schon die Hallenshow hatte er politisch aufgeladen, die private, autobiografisch eingefärbte Geschichte umzudeuten versucht zur „Allegorie, wie Nationen handeln“. Bereits damals ließ er zu „Goodbye Blue Sky“ David- und Mercedes-Sterne, McDonalds-Logo und andere Symbole aus Bomberschwärmen regnen, stellte Mao, Bush, Stalin, Hitler in eine Reihe, zeigte Bilder von Gefallenen verschiedener Kriege, ließ das Schwein schweben, ohne Stern. Nun wurde „The Wall“ propagandistisch weiter aufgemuskelt, bis zuletzt der Antisemitismusverdacht entstand. Hitler fehlt diesmal, dafür bekam das Schwein seinen Stern, für Waters kein Symbol des Judentums, sondern das des von ihm wegen vermeintlicher Apartheidpolitik gegeißelten Staates Israel. Ansonsten blieb alles beim Alten, nur im XXL-Format. Waters’ strikt schwarz-weißes Weltbild wurde statt auf 73 mal 11 Metern nun auf 150 mal 12 Metern ausgebreitet, in einem allerdings perfekt projizierten, sinnverwirrenden Bilderrausch aus Animationen, Realfilmen, Riesenmarionetten, Pyrotechnik und Politparolen. Die Musik geriet da fast zur Zutat, und der projizierte Waters auf der Videowand wirkte realer als sein zwergenhaftes Alter Ego auf der Bühne.

Dieses Agitrock-Spektakel muss man nicht ernst nehmen und kann die Musik trotzdem mögen. Auch ist eine teilweise an der NS-Symbolik angelehnte Show, mit im Gleichschritt wie SA-Kohorten marschierenden Hämmern als Höhepunkt, selbst an einem Ort wie dem Olympiastadion zulässig, sofern sie diese nicht feiert, sondern entlarvt, was Waters zweifellos versucht. Mit dem Davidstern am Schwein, einem winzigen Detail von äußerst missverständlicher Symbolik, das nun über alle Maßen Aufmerksamkeit erregte, hat er aber ohne Not sich selbst und der Show geschadet. Die geriet nun fast zum bloßen Warten auf das Schwein. Und so viele Ehre hat der alte Eber nun wirklich nicht verdient.

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