Theater : Die Ruinenbaumeister

Der Dramatiker Lutz Hübner ist als genau beobachtender Zeitgeistdiagnostiker bekannt geworden. Jetzt zeigt das Berliner Renaissance-Theater sein neues Stück „Richtfest“, eine bitterböse Komödie über das Häuslebauen.

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Die Liebe ist eine Baustelle. Markus Gertken und Kristin Suckow spielen ein Baugruppen-Paar.Foto: Braun/drama-berlin.de
Die Liebe ist eine Baustelle. Markus Gertken und Kristin Suckow spielen ein Baugruppen-Paar.Foto: Braun/drama-berlin.deFoto: Braun/drama-berlin.de

Ein Blick aufs Buffet, und die Sache ist klar: Das hätte nie was werden können. Da steht der teure Wein, Bercial Barrique, neben dem billigen Multivitaminsaft vom Discounter. Die Antipasti-Platte vom Caterer neben dem Kartoffelsalat, selbstgemacht. Ohne Mayonnaise. Hier findet zusammen, was nicht zusammengehört. Silbertablett und Tupperware. Toskana-Fraktion und Kleingartengemüt.

In Lutz Hübners Stück „Richtfest“ versucht eine Gruppe von Menschen das Unmögliche: in Frieden zusammenwohnen. Als Baugemeinschaft. Das Prinzip klingt so einfach. Man gründet eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, kauft ein Grundstück, engagiert einen Architekten. Und verwirklicht den Traum vom Eigentum. Als Nachbarn, Freunde, Wahlfamilie. Nur leider hält die Realität meist nichts von derlei Idealen.

Hübner, ein zeitnervsicherer Chronist des allzu menschlichen Versagens, schildert mit hochnotkomischer Zwangsläufigkeit, wie aus einer Utopie ein Trümmerhaufen wird. Aus einer GbR eine Gruppe biestiger Rechthaber. Vom euphorischen Aufbruch im Geiste Bullerbüs bis zum Totengräber-Satz „den Rest erledigen die Anwälte“ ist es nur eine erschreckend kurze Distanz. Am Berliner Renaissance-Theater hat Regisseur Torsten Fischer das „Richtfest“ inszeniert. Per Livevideo ins Theater übertragen, bahnt sich bei ihm die hoffnungsfrohe Baugemeinschaft eingangs den Weg über die verschneite Knesebeckstraße zum Seiteneingang. Sieh, wer kommt von draußen rein? Die künftigen Duellanten mit dem verpflichtenden Kreditantrag.

Noch sind die anklingenden Dissonanzen mit einer Runde Dosenbier zu glätten, derweil man die gelungene soziale Mischung des Projekts feiert. Das führt den Finanzbeamten Holger (Philipp Alfons Heitmann) und seine Frau Birgit (Kerstin Schweers), Leiterin einer Jugendhilfe, mit dem Soziologie-Professor Ludger (László I. Kish) und der Stiftungssprecherin Vera (Deborah Kaufmann) zusammen. Das schwule Musiker-Paar Frank (Ralph Morgenstern) und Mick (Dimosthenis Papadopoulos) mit der vormaligen Kneipenwirtin Charlotte (Gitta Schweighöfer). Warum nicht?

Okay, Holger, der ständig in Angst vor Verspießerung lebt, hört Grönemeyer. Der saturierte Ludger dagegen Jazz. Aber darüber könnte man hinwegsehen. Wie über die Tatsache, dass der alerte Architekt Philipp (Markus Gertken) vor allem das eigene Visionärsego mit einer auftrumpfenden Glasfassaden-Villa befriedigen will. Und nebenbei mit Holgers und Birgits Teenie-Tochter Judith (Kristin Suckow) anbandelt. Es kracht erst richtig, als es ums Geld geht. Klar.

Das junge Elternpaar Mila (Peri Baumeister) und Christian (Rasmus Borkowski) – wegen ständiger Babysitter-Ausreden beargwöhnt und mit wenig Eigenkapital ausgestattet – gerät aufgrund einer ungeplanten Zweitschwangerschaft in finanzielle Nöte. Ob Ludger und Vera, die begüterten Mietshausbesitzer, aushelfen können? Sagen wir es mit Veras Worten: „Wir sind doch nicht die Privatbank dieser Leute“. Solidargemeinschaft? Fresst Kartoffelsalat, ihr Deppen!

Hübners grundbittere Komödie ist leichthin als Parabel zu lesen. Von den Zwistigkeiten dieser Häuslebauer zur polemisch zugespitzten Boulevard-Frage, warum Deutschland für Griechenlands Schulden zahlen soll, ist es gedanklich kein weiter Schritt. Aber „Richtfest“ funktioniert genauso gut als Geschichte aus dem Großstadtalltag. Die Baugruppen boomen, ob in Hamburg, Köln oder Berlin. Die Sehnsucht nach erschwinglichem Eigentum ist in Zeiten explodierender Immobilienpreise groß. Worüber gern mal ein paar grundsätzliche Erkenntnisse die Conditio humana betreffend verdrängt werden. Etwa: wenig ausgeprägte Kompromissbereitschaft. Bei gleichzeitig sprungbereitem Neid.

Fischer inszeniert das vorzüglich recherchierte Stück mit entsprechend präzisem psychologischem Gespür. Auf der weißen Bühne mit verschiebbarer Wand voller Bauskizzen (Ausstattung: Vasilis Triantafillopoulos) treibt er das tolle Ensemble Szene für Szene ins Totalzerwürfnis. Wobei man – große Kunst – bis zum Ende für jede Partei ein gewisses Verständnis aufbringt. Für die linken Romantiker mit ihrem Traum von Gemeinschaftsräumen und Sonnendeck. Wie für die bourgeoisen Pragmatiker, die keine Lust haben, anderen die Wohnung zu finanzieren. Die ersten Häuser, heißt es bei Hübner einmal, wurden für die Toten gebaut. Doch am Ende steht bei ihm eine feine, kleine Utopie. Ganz ohne Bauplan.

Wieder vom 22. bis 24., 26. bis 31. März

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