Theater : Eiertanz der Gene

René Polleschs neues Stück „Darwin-win...“ an der Berliner Volksbühne.

Jan Oberländer

Schön, wenn das Wesen eines Theaterabends in einem einzigen Bild erkennbar wird. Bei René Polleschs neuer Produktion ist dies die Szene, in der die vier Schauspieler, einer nach dem anderen, von einer riesigen silbrigen Amöbensocke absorbiert werden und anschließend als Zappelpudding auf der Bühne herumkriechen.

Das Stück mit dem Monstermix-Titel „Darwin-win & Martin Loser-Drag King & Hygiene auf Tauris“ funktioniert ganz ähnlich: Pollesch nimmt einen Grundorganismus, nämlich Stanislaw Lems Roman „Der futurologische Kongress“, und lässt ihn sich allerlei andere Texte, Thesen und Ikonen einverleiben, allen voran Charles Darwins Evolutionstheorie.

„Ah, das Hilton! Ah, der futurologische Kongress!“, tritt Bernhard Schütz durch die Verandatürenwand, durch deren Öffnungen Teile von Bert Neumanns Bühnenbild aus Polleschs letztem Volksbühnen-Stück „Diktatorengattinnen“ (2007) zu sehen sind. Damals allerdings saß das Publikum im großen Saal, während es jetzt aus dem Bauch der Hinterbühne durch die Kulisse auf die roten Plüschreihen schaut, wo immer wieder auch gekreucht, gefleucht und live gefilmt wird.

Eineinhalb Stunden lang stehen Schütz als (unter anderem) Prof. Trottelreiner sowie Nina Kronjäger als (unter anderem) Prof. Dringenbaum am Rednerpult und dozieren über weichgekochte Eier, Einverständnis erzeugendes „Schmusium“ im Trinkwasser und „Trockenhygiene“ am französischen Hof. Oder sie zeigen Videos mit beeindruckend wuchernden Schleimpilzen. Oder Brigitte Cuvelier vollführt einen Schleiertanz in der Klokabine. Wenn nicht gerade Jean Chaize mit einigen kittelbeschürzten Ballettsprüngen zeigt, dass Harmonie an dieser Stelle absolut keine Strategie ist.

Stattdessen wird sich konsequent entzogen: immer schön flüssig bleiben! Der Sperrholzschießstand am Bühnenrand, an dem Marylin Monroe und Mutter Teresa zum Abschuss bereit hängen, wird nie benutzt. Auch die durch Wandtapete und Anrichte angedeutete Bühnenküche bleibt kalt. Der „Eiertanz“, in dem die Schauspieler sich Eigelb über Gesicht und Arme glitschen lassen, funktioniert denn aber doch noch zugleich als passende Illustration und musikunterlegte Zirkusnummer.

Auf der Metaebene ist Pollesch fit. Indem er Biologievokabular verwendet, beschreibt er zugleich sein Theater als evolutionären Prozess, als zufällige und glückhafte Kombination von Zeichen- DNA, als gegenseitige „Infektion“, als ständiges „Werden“. Das komplexe Textgewebe, mit dem die Schauspieler sich eineinhalb Stunden lang überfordern, ist reiner Pop. Auch wenn der Autor wohl „Symbiogenese“ bevorzugen würde.

Doch auch wenn an diesem Abend alles irgendwie zusammenhängt – nennenswert Neues entsteht nicht. Wo „Diktatorengattinen“ und zuvor bereits „L’affaire Martin...“ (2006) eine neue Stufe in Polleschs Arbeit zu markieren schienen, wo Glamour, Leichtigkeit und Selbstironie herrschten, wirkt der neue Abend bedeutungsschwanger, inhaltlich verstiegen und formal rückwärtsgewandt: Es sitzt sogar eine Souffleuse auf der Bühne.

Übrig bleiben ein paar wiederkehrende Slogans. Schließlich will Pollesch durchaus den Diskurs, nur eben nach seinen Regeln. Also: Wir alle sind nichts als einzelne „konkrete Wesen“, die ums Überleben kämpfen. Es gibt keinen Sinn, es gibt keinen Plan. Alle Überformung, alle Geschichte, sogar das Menschsein sind Ideologie. Der Ausweg heißt: Entgrenzung, Verschmelzung, (künstlerische?) Infektion. Erst von einer solchen „selbstgeschaffenen Grundlage“ aus kann Verständigung stattfinden.

Klingt gar nicht so undramatisch. Und doch wirkt René Polleschs Theater diesmal einfach zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um ansteckend zu sein.

Wieder am 4. Mai.

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