Theater : Ein Mensch

Die Societas Raffaelo Sanzio aus Cesena gehört zu den kraftvollsten Theatergruppen Europas. Mit einem riesigen Christusporträt des Renaissancemalers Antonello da Messina auf der Bühne hat sie nun im Berliner HAU ein Gastspiel gegeben. Kardinal Rainer Maria Woelki spricht von Blasphemie.

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Leiden eines Sohnes. Szene aus Castellucis „Sul Concetto ...“ Foto: HAU/ Lefebvre
Leiden eines Sohnes. Szene aus Castellucis „Sul Concetto ...“ Foto: HAU/ Lefebvre

Antonello da Messinas Christus ist ein Gesicht der Renaissance. Ein Mensch, ein Individuum schaut den Betrachter an, bietet sich dar mit einem Ausdruck von Magie, Schmerz und Wissen. Die Porträts des sizilianischen Malers (1430– 1479) sind von einer erschreckenden, anziehenden Offenheit. Es ist eine Transzendenz, die nichts verschleiert, die das Wort Ecce homo begreifbar macht.

Vor einer meterhohen Reproduktion eines solchen Christusbilds spielt das Stück „Sul Concetto di Volto nel Figlio di Dio / Über das Konzept des Angesichts bei Gottes Sohn“ des Italieners Romeo Castellucci, das am Montag und Dienstag im Hebbel am Ufer gastierte. Die Societas Raffaelo Sanzio aus Cesena gehört zu den kraftvollsten Theatergruppen Europas. Castellucci geht auf die dunkle Seite unserer griechisch bestimmten Theatertradition, hin zum Rituellen – was Nietzsche das Dionysische nennt. Auch die Riten und die Liturgie der katholischen Kirche speisen sich aus dieser Quelle. Hier gibt es Konkurrenz, Konfliktpotenzial.

Castelluccis Aufführung zeigt, wie ein alter Mann von einem jüngeren Mann, seinem Sohn, versorgt wird. Der Alte ist inkontinent, beschmutzt sich und seine Wohnung, er weint, zittert, entschuldigt sich endlos. Und sitzt schon wieder in seinen Exkrementen. Die Situation ist zutiefst erniedrigend und human. Vater und Sohn: Jetzt sorgt der einst Kleine für den Papa, der wieder zum Kind wird. Und Christus schaut zu. Nein, ein Kunstwerk blickt auf das Drama. Unbeteiligt, hilflos zugleich. Seltsamerweise hat man Mitleid mit dem Christus-Bild, das nichts tut und nichts tun kann. Die riesigen Augen spiegeln das Publikum, seine Emotionen, seine Konzentration.

In einer zweiten Szene kommen Kinder auf die Bühne und bewerfen das Bild mit Plastikhandgranaten: auch dies wieder eine Geste der Hilflosigkeit, der ohnmächtigen Verzweiflung. Schließlich wird das Bild, die Leinwand übermalt, gedehnt, verdunkelt. In der kurzen Beschreibung klingt das alles ziemlich wild, gar mutwillig: Aber das ist es nicht. Es ist nicht blasphemisch. Es ist die Natur des Menschen, die provoziert, seine Vergänglichkeit – und die Frage nach dem Respekt vor der Kreatur, die in sich zusammenfällt am Ende des Lebens.

Das Stück ist seit einiger Zeit auf Tournee. In Mailand und Paris haben erzkonservative katholische Gruppen dagegen protestiert, zum Teil militant. Auch Berlins Kardinal Rainer Maria Woelki schleuderte schnell den Bannstrahl: „Ich verurteile es, dass das, was Menschen aus ihrem Glauben heraus wichtig und heilig ist, in dieser Weise durch den Dreck gezogen wird“, sagte er in der „Bild“-Zeitung: „Das ist unanständig. Es gibt keinen Grund, sich etwas anzusehen, was nur der Provokation dient.“ Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz äußerte sich zurückhaltend, sie forderte eine „größere Sensibilität im Umgang mit religiösen Überzeugungen bei allem Respekt vor der freien Meinungsäußerung“.

Woelki hat über etwas geurteilt, das er nicht gesehen hat. Das war unsensibel und wenig intelligent. So klingen Fundamentalisten. Die Realität in Berlin sieht so aus: Vierhundert Menschen, junge wie alte, verfolgten die Premiere im HAU mit großer Anteilnahme. Man war aufgewühlt, berührt. Das zeigte auch nachher das Gespräch mit dem Regisseur Castellucci. Früher brauchte das Theater den Skandal. Hier wollen Kirchenleute ihn herbeireden. Um etwas zu schützen, das ihnen entglitten ist – die Seele und das Gefühl der Zeitgenossen. Die Kunst ist näher bei den Menschen.Rüdiger Schaper

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