Theater : Senf auf Augenhöhe

Grandios komisch: Herbert Fritsch kehrt an die Volksbühne zurück und inszeniert „Die spanische Fliege“

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Immer auf dem Teppich bleiben. Werner Eng, Sophie Rois, Hans Schenker, leicht hysterisch (v.l.). Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de
Immer auf dem Teppich bleiben. Werner Eng, Sophie Rois, Hans Schenker, leicht hysterisch (v.l.). Foto: Marcus...

Neulich wurden in einer sehr sehr langen Nacht am Deutschen Theater Gegenwartskomödien vorgestellt. Die Bilanz war niederschmetternd. In sechs Stunden mit vier Genre-Beispielen musste man ungefähr dreimal schmunzeln. Und das auch nur, weil tolle Schauspieler aus unfassbar mageren Texten ungeahnte Ebenen entdeckten. Keiner, der Zeuge des traurigen Schauspiels geworden ist, dürfte hinterher auch nur einen Fünfer auf diese dramatische Disziplin verwettet haben.

Ein grober Fehler – wie sich jetzt, wenige Tage später, an der Volksbühne herausstellt. Herbert Fritsch, einst prägender Schauspieler in Frank Castorfs Ensemble, ist als Regisseur an seine ehemalige Wirkungsstätte zurückgekehrt und hat eine unglaubliche Klamotte ausgegraben: „Die spanische Fliege“ von Franz Arnold und Ernst Bach, uraufgeführt 1913. Darin versucht der Senffabrikant Ludwig Klinke mit allen Slapstick-Mitteln zu verhindern, dass sein 25 Jahre zurückliegender Bautzener One-Night-Stand auffliegt.

Leider soll aus besagter Nacht mit einer Tänzerin, die – offenbar in grober Verkennung ihrer choreografischen Qualitäten – unter dem Künstlernamen „Die spanische Fliege“ firmierte, ein properer Sohn hervorgegangen sein. Dass Klinkes Gattin Emma dem Mutterschutzbund sowie dem örtlichen Verein zur Hebung der Sittlichkeit vorsteht, steigert, wie es die Possen-Gesetze nun mal wollen, das Blamage-Potenzial für den Seitenspringer ins Unermessliche.

In den folgenden anderthalb Stunden passiert eigentlich nichts weiter, als dass jeder jeden so lange verwechselt, missversteht und unter den Teppich kehrt, bis der vermeintliche Sohn der „Spanischen Fliege“ mindestens fünf potenzielle Väter vorweisen kann und im honorigen Senffabrikanten-Haus völlig entfesselt um sich geschlagen, beleidigt und geslapstickt wird. Kurzum: eine komplett sinnfreie Angelegenheit, die allerdings handwerklich derart gut gemacht und perfekt getimed ist, dass man sich bereits bei der Lektüre totlacht: definitiv unter Niveau, aber mit immenser Lust.

Herbert Fritsch, der großen (Komödien-)Regiehoffnung der Saison, ist nun das Kunststück gelungen, diese „Spanische Fliege“ adäquat auf die Bühne zu bringen – mit Unterstützung handverlesener Spezialkräfte. Nach seinem Abschied von der Volksbühne hatte der 60-jährige Fritsch in Schwerin, Oberhausen, Halle und Bremen erfolgreich zu inszenieren begonnen und es in diesem Jahr, quasi als weit und breit betagtester Jungregisseur, mit gleich zwei Aufführungen zum Berliner Theatertreffen geschafft.

Davon, dass „Die spanische Fliege“ sein Hauptstadt-Debüt ist, lassen sich aber weder der Regisseur noch sein großartiges Ensemble beirren. Auch hier versuchen die Fritsch-typischen Turmfrisuren, rosa geschminkten Apfelbäckchen, Nickelbrillen und ausgestellten Kleider, die in ihren besten Momenten wie eine trashige Robert-Wilson-Parodie wirken, gar nicht erst, irgendwelche Meta-Ebenen vorzutäuschen. Die Szene besteht aus einem bühnenfüllenden Teppichimitat, das sich in mehreren knie- bis hüfthohen Bodenwellen von der hinteren Bühnenwand bis zur Rampe ergießt und somit hervorragend zum Stolpern, Verkriechen und buchstäblichen Unter-den-Teppich-Kehren kompromittierenden Materials eignet.

Überhaupt speist sich ein Großteil der Komik daraus, dass Fritsch ohne Scheu vor Brachialplattheiten den Text beim Wort nimmt – und seine Akteure die Kunst der sinnfreien Klamotte zum Niederknien beherrschen. Die mit Abstand beste der großartigen Spielideen besteht darin, dass in einer Teppichfalte, fürs Publikum unsichtbar, ein Trampolin versteckt ist. So kann etwa der umwerfende Wolfram Koch als Senffabrikant Klinke, der praktisch jeden seiner Auftritte mit dem Satz „Ich leg’ mich hin!“ eröffnen und beschließen muss, die Bühne von hinten mit waghalsigen Salti in Serie entern und selbige in einen ansehnlichen Teppich-Bauchrutscher übergleiten lassen, der punktgenau an der Rampe endet.

Allerdings schlägt Koch – was allein schon den Volksbühnenbesuch wert wäre – nicht nur jede Menge hochnotkomisches Kapital aus seiner früheren Geräteturner-Karriere, sondern fördert auch Humorformen zutage, von denen man gar nicht wusste, dass es sie gibt. Vom Kalauer bis zur Subtilironie, vom krachledernen Gegen-die-Wand-Rennen bis zum minimalistischen Spiel mit dem angeklebten Schnurrbart vermisst der Schauspieler jede noch so winzige Untiefe der „Spanischen Fliege“ – und hat in Sophie Rois eine kongeniale Spielpartnerin, die als Mostrichfabrikanten-Gattin im senffarbenen Kleid auf Augenhöhe zurückschnappt, schlägt und ventiliert.

Auch Inka Löwendorf als Tochter aus gutem Abgeordnetenhause, Christine Urspruch als vermeintliche „spanische Fliege“, Bastian Reiber als deren Sohn, Betty Freudenberg als Haushälterin und das komplette Ensemble scheitern auf humoristischem Höchstniveau an der Teppichkante, rennen sich die Seele aus dem Leib, schießen als Stehaufmännchen seriell vom Trampolin hoch und demonstrieren, wozu man eine Turmfrisur, einen Leitz-Ordner oder seine eigenen Beine so alles zweckentfremden kann.

Der Siegeszug von Herbert Fritsch reißt also auch in Berlin nicht ab. Als interessante Erkenntnis kommt hinzu, wie unterschiedlich Fritschs Arbeiten, trotz eines oberflächlich ähnlichen, streng formalisierten Stils, im Detail letztlich aussehen. In Oberhausen entdeckte der Regisseur Ibsens „Nora“ drei Stufen unterhalb der Bewusstseinsebene in einem überraschend zeitgemäßen Zombie-Grusical. Und Gerhart Hauptmanns „Biberpelz“ ließ er in Schwerin zu einem genial-bösartigen Tableau vivant der Todsünden zusammenschnurren, bei dem jeder seinen Nächsten mit Karacho an Niedertracht zu überbieten sucht.

Nun bleibt Fritsch auch bei der „Spanischen Fliege“, der jede textliche Fallhöhe fehlt, instinktsicher: Er lässt die Klamotte von seinen Schauspielern einfach in schwebendes Spiel auflösen. Entsprechend wird der Regisseur, vom Publikum gefeiert, wenn er zum Verbeugungsritual als (spanische) Fliege vom Schnürboden hängt. Völlig zu Recht: Selten hat man im Theater derart diskurs- und überbaufrei gelacht – und nie hat man eine Berliner Bühne in der laufenden Saison besser gelaunt verlassen als an diesem Abend.

Wieder am 1.,2.,6. & 8. Juli, 19.30 Uhr

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