Theater : Späte Sieger der Geschichte

Die Berichte allein sind so erschütternd, dass es einem mehr als einmal die Tränen in die Augen treibt. Das Doku-Stück "Staats-Sicherheiten" im Hans Otto Theater Potsdam wird vom Publikum mit minutenlangem Applaus bedacht.

Andreas Schäfer
Staatssicherheiten
So nüchtern wie das Bühnenbild sind auch die Berichte der Opfer. -Foto: ddp

Dies ist kein gewöhnlicher Theaterabend. Zu Beginn ermuntert Lea Rosh, die zusammen mit Renate Kreibich die Idee zu dieser Inszenierung hatte, die Zuschauer, auch an der späteren Diskussion teilzunehmen. Denn an diesem Abend ist das Gespräch danach genauso wichtig wie das, was nun auf der Bühne zu erleben ist. Auf den Bühnenhintergrund wird ein Dia projiziert, „Verhaftung“ steht darauf. Die 15 Mitwirkenden betreten die Bühne und erzählen, jeder mit Blick in eine andere Richtung, in welchen Situationen sie verhaftet wurden. „Während ich meine Schwester im Kofferraum über die Grenze bringen wollte“, sagt Hartmut Richter. „Vor dem Frühstück, im Beisein meiner Kinder“, berichtet die Fernsehmoderatorin Edda Schönherz. Die Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld beschreibt, wie bei einer Demonstration plötzlich zwei Männer hinter ihr standen und sie in einen Lastwagen zwangen.

So nüchtern, ganz auf die Vorgänge bezogen, berichten in „Staats-Sicherheiten“ ehemalige Häftlinge aus Stasi-Gefängnissen von der Verhaftung, den Verhören („Niemand weiß, wo Sie sich befinden. Wir haben alle Zeit der Welt“), vom erniedrigenden Tagesablauf während der Isolationshaft, der darauf angelegt war, Würde und Individualität zu zersetzen. Statt mit Namen wurden sie mit Nummern angeredet. Wenn sie in der Nacht nicht auf dem Rücken lagen, die Hände auf der Decke, wurden sie geweckt.

Ein Tisch steht auf der Bühne, rechts deuten Bett und Tür eine Zelle an – aber nicht einmal diese sparsamen Mittel des klug sein Material ordnenden Regisseurs Clemens Bechtel wären nötig gewesen. Die Berichte allein sind so erschütternd, dass es einem mehr als einmal die Tränen in die Augen treibt. Das Schicksal von Thomas Raufeisen etwa, der in Hannover aufwuchs, nicht wissend, das sein Vater DDR-Spion war: Weil Enttarnung drohte, siedelte die Familie in die DDR um, hielt das Leben dort nicht aus, wurde beim Fluchtversuch verhaftet. An seinem 20. Geburtstag wurde Rufeisen in das Vernehmungszimmer geführt, wo seine abgemagerten Eltern saßen, die er monatelang nicht gesehen hatte. Zum sadistischen Schweigen der Stasi-Leute gab es Kaffee und Kuchen.

„Aber wie hält man das aus, keine Bücher, nichts zu schreiben?“, fragt Hans-Eberhard Zahn, der sieben Jahre inhaftiert war. „Ich habe alle Gedichte rezitiert, die ich jemals gelernt hatte.“ Dann trägt er mit tiefer Stimme ein Shakespeare-Sonett vor.

Nach der Vorstellung steht das Publikum auf, applaudiert minutenlang. „Ich hätte mir gewünscht, dass dieser Abend vor der Kommunalwahl in Brandenburg stattgefunden hätte“, sagt ein Zuschauer – bekanntlich stellt Die Linke in der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung die stärkste Fraktion. So löblich es ist, dass diese Veranstaltung überhaupt stattfindet – man wünscht ihr eine Tournee durch die Theater und Schulsäle dieser Republik inklusive Gastspiel im Deutschen Bundestag – so beklagenswert ist, dass sie so spät kommt. Ein Geist des Misstrauens und der Verdrängung scheint in der einstigen Stasi-Hochburg Potsdam noch immer zu herrschen. In den Gebäuden der ehemaligen Stasi-Hochschule in Golm, die heute von der Uni Potsdam genutzt werden, erinnert keine Tafel an die Vergangenheit. Und als ein Journalist zur feierlichen Wiedereröffnung des Theaters vor zwei Jahren fragte, warum man sich – statt mit der ukrainischen Politikerin Julia Timoschenko – nicht mit der Stasi-Vergangenheit beschäftige, hagelte es Proteste. Gerade drei Vorstellungen hat man den „Staats-Sicherheiten“ nun eingeräumt.

Was bleibt? „Ein Leben mit Psychopharmaka“, sagt der eine. „Abscheu und Verachtung, aber kein Hass“, sagt ein anderer. „Warum kein Hass?“, fragt eine Zuschauerin. „Hass ist selbstzerstörerisch. Dann hätte doch die Stasi gewonnen.“ Stephan Krawczyk, der den Abend mit ein paar Maultrommelklängen begleitet hat, sagt: „Es bleibt die Möglichkeit, von dem Erlebten zu erzählen.“

Wieder am 26. 10., 17 Uhr im Hans Otto Theater Potsdam sowie am 31. 10., 19.30 Uhr im Kleist-Forum Frankfurt/Oder

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