Theater : Verzockte Leben bei den Wiener Festwochen

Frank Castorf zeigt die Langversion von Dostojewskijs Kurzroman "Der Spieler". Mit einem vitalen, konzentrierten und homogenen Ensemble gelingen große Momente heiter-hysterischen Slapsticks.

Christina Kaindl-Hönig
Den Letzten beißen hier nicht die Hunde. Szene aus dem Theater an der Wien. Foto: Reuters
Den Letzten beißen hier nicht die Hunde. Szene aus dem Theater an der Wien.Foto: Reuters

„Leben ist tödlich“ – seltsam verheißungsvoll leuchtet die Warnung in Neonlettern über der Tür zum Kinoraum: barockgeschwungene Stühle vor einer großen Leinwand. Die rote Stoffbespannung an den Wänden löst sich schon an den Rändern und zeigt ein Spielgerüst. Sperrholzlatten sind hier das Fundament einer Welt, die im Innersten nur vom Spiel zusammengehalten wird.

„Oh, ist das Leben schön!“ – Im glitzernden Paillettentrikot, die Schultern mit Federn dekoriert, gerät die reiche Erbtante Babuschka in Ekstase. Mit silberner Langhaarperücke wälzt sich Sophie Rois auf dem Spieltisch, man hört das Klacken der kleinen Kugel, die in der Scheibe kreist: „Ich bin wieder jung. Ich kann wieder laufen. Ich knutsche die Weiber!“ Schwül-bluesiger Gitarrengroove liegt über der Szene (Musik: Sir Henry). Babuschka küsst Mademoiselle Blanche (Margarita Breitkreiz), ehe sie alles verliert und von ihrem Diener (Frank Büttner) stöhnend weggetragen wird.

Das Casino in Fjodor Dostojewskijs „Roulettenburg“ ist in der Version von Volksbühnenchef Frank Castorf und seinem Ausstatter Bert Neumann nur eine grelle Projektion. Einzig die Live-Videobilder auf der Kinoleinwand zeigen die Gier nach raschem Gewinn im Zentrum eines Jahrmarkts der Eitelkeiten, der sich um nichts anderes dreht als um Macht. Aus Hotel, Kurpark und Promenade hat man eine Geisterbahn, ein opulentes Schlafzimmer im Stil des 19. Jahrhunderts und ein Esszimmer der 1970er Jahre mit Fototapete gemacht. Die Drehbühnenwelt versinnbildlicht gleichermaßen das endlos kreisende, zeit- und seelenlose Roulettespiel sowie das Provisorische einer Existenz in der Sucht. Rien ne va plus.

Einen „abscheulichen Traum“ nennt der Protagonist Alexej Iwanowitsch die Begebenheiten in Dostojewskijs autobiografischem, 1866 in nur 24 Tagen diktiertem Kurzroman „Der Spieler“. Der russische Nationaldichter, der 1865 in Wiesbaden das Honorar aller seiner Buchrechte verspielt hatte, entwarf darin nicht nur ein Spielerpsychogramm, sondern auch das Gesellschaftspanorama einer internationalen High Society aus Hochstaplern, faden Genießern und Bankrotteuren, die auf den Tod ihrer Erbtanten warten. In ihrer Zockermentalität lässt sich bereits der zerstörerische Kasinokapitalismus vorausahnen.

Es verwundert, dass Frank Castorf den Roman nicht schon früher für sich entdeckt hat, nachdem er bereits 1999 mit den „Dämonen“ seine erste Dostojewskij-Adaption vorgelegt hatte: die Geburt des Containers aus dem Geist der Kapitalismuskritik. Es folgten „Erniedrigte und Beleidigte“ (2001), „Der Idiot“ (2002) und „Schuld und Sühne“ (2005). Als Koproduktion mit den Wiener Festwochen rotiert der russische Rummelplatz mit Krokodil und Goldflitter im Theater an der Wien fünf Stunden (zu) lang, wobei der Meister theatraler Kapitalismuskritik seine Liebe zu großem Kino entdeckt zu haben scheint. Es ist die traurige und zum Scheitern verurteilte Liebesbeziehung zwischen Polina Alexandrowna und Alexej Iwanowitsch, die Castorf in Großaufnahmen hinwirft: Mit schmachtendem Blick studiert Alexander Scheers Antiheld – ein Stones-Verschnitt in engen Jeans – das Gesicht seiner Geliebten und leckt die Spucke, die sie ihm hinrotzt. „Du hygienisches Schwein“, schimpft Kathrin Angerers Polina im Tüllkleid. Zärtlich und traurig zugleich sieht sie im suchtstarren Blick ihres Gegenübers das Ende ihrer Liebe voraus, die sich nicht kaufen lässt.

Mit einem vitalen, konzentrierten und homogenen Ensemble, dem auch Georg Friedrich als wunderbar halbseidener Marquis des Grieux, Hendrik Arnst als weinerlicher General und Mex Schlüpfer als schmieriger Mr. Astley angehören, gelingen an diesem Abend große Momente heiter-hysterischen Slapsticks. Überraschend durchziehen stille, geradezu kammerspielartige Szenen die Groteske, als wäre der aus Castorfs besten Zeiten vertraute, explosive Dauerdruck einem melancholischen Innehalten gewichen, einem aufmerksamen Blick fürs Detail.

Doch anstelle die Dostojewskijs Gesellschaftskritik in der Zerstörung menschlicher Bindungen sichtbar zu machen, montiert Castorf zu langen Romandialogen auch noch Passagen aus Briefen des Dichters, aus der Politsatire „Das Krokodil“ oder aus Heiner Müllers „Der Auftrag“. Dabei gerät Dostojewskijs überaus dynamische, sich in einer Kreisbewegung temporeich steigernde Vorlage ins Stocken. Anstatt der zunehmenden Nervosität von Menschen vor dem Abgrund sehen wir die Drögheit von Tagedieben.

Der Schwung, den Dostojewski seinem Tanz ums Goldene Kalb gab, ist Castorf abhanden gekommen. Die Betäubungsmaschine Las Vegas als Ort verspielter Leben zu zeigen, gelingt ihm jedoch noch. Im September ist „Der Spieler“ in der Volksbühne in Berlin zu sehen.

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